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Medizin

Studie: Frühe Aufsteher erkranken seltener an Depressionen

Dienstag, 20. Juli 2021

/picture alliance, Patrick Daxenbichler

Boulder/Colorado – Menschen mit einer genetischen Prädisposition zu einem frühen Tagesbeginn erkranken seltener an einer Depression. Dies ergab eine Beobachtungsstudie in JAMA Psychiatry (2021; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2021.0959), die durch eine Mendelsche Randomisierung eine reverse Kausalität ausschließt, bei der die Erkrankung die Patienten zu Langschläfern machen würde.

Es gibt viele Gründe, warum Nachtmenschen ein erhöhtes Risiko auf Depressionen haben könnten. Der späte Tagesbeginn verkürzt – vor allem im Winter – den günstigen Einfluss des Tageslichts auf das Gemüt, er erschwert die Integration in das Arbeitsleben und führt nicht selten zu einer Störung der zirkadianen Rhythmik.

Mehrere Studien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass Menschen mit einem späten Chronotyp häufiger an Depressionen leiden. Die klassischen Beobachtungsstudien können jedoch eine reverse Kausalität nicht ausschließen: Der Antriebsmangel, der Teil der depressiven Störungen ist, könnte dazu führen, dass die Patienten morgens nicht aus dem Bett finden.

Eine Mendelsche Randomisierung kann in dieser Frage Klarheit schaffen. Die Studie nimmt in diesem Fall nicht die Schlafgewohnheiten zum Ausgangspunkt, sondern ihre genetischen Auslöser. Die Gene sind vor der Geburt festgelegt und können nicht durch äußere Einflüsse, auch nicht durch eine Depres­sion, verändert werden. Wenn Menschen mit einer bestimmten genetischen Prädisposition zu einem späten Aufstehen häufiger an einer Depression erkranken, dann kann die Depression unmöglich für das späte Aufstehen verantwortlich sein.

Sogenannte Genom-weite Assoziationsstudien (GWAS) haben in den letzten Jahren genetische Prädispo­sitionen für unterschiedliche menschliche Eigenschaften ermittelt. Zu diesen Untersuchungen gehört die UK Biobank-Studie, die Blutproben von mehr als 500.000 Briten für Genanalysen gesammelt hat. Die Teilnehmer wurden zudem nach ihren Schlafgewohnheiten befragt, die mit Ergebnissen der Genanalysen in Beziehung gesetzt wurden. Einige Teilnehmer haben auch über eine bestimmte Zeit Akzeleratoren am Handgelenk getragen, mit denen sich die Schlafdauer und der Mittelpunkt der Nachtzeiten bestimmen lässt.

Eine weitere Quelle für die Mendelsche Randomisierung bildeten die Gendaten, die die US-Firma „23andMe“ bei ihren Kunden gesammelt hat. „23andMe“ bietet ausführliche Genomanalysen an, mit denen sich Erkrankungsrisiken abschätzen lassen. Die Kunden werden auch nach ihren Lebensgewohn­heiten befragt.

Interessanterweise haben die UK Biobank-Studie und „23andMe“ weitgehend die gleichen genetischen Risiken für einen späten Chronotyp gefunden, was die Aussagekraft der jetzt von einem Team um Céline Vetter von der University in Boulder/Colorado vorgestellten Ergebnisse erhöht.

Die Forscher haben ermittelt, dass Menschen, die morgens früher aufstehen, seltener an Depressionen erkranken. Der Einfluss war relativ deutlich. Jede Verschiebung des Mittelpunkts der Nachtruhe senkte das Erkrankungsrisiko um 23 %. Die Odds Ratio von 0,77 war mit einen 95-%-Konfidenzintervall von 0,63 bis 0,94 signifikant.

Die Assoziation änderte sich auch nicht, wenn die Analyse auf Personen beschränkt wurde, die die streng­eren Kriterien des „Psychiatric Genomics Consortium“ für eine Major-Depression erfüllten. Die Odds Ratio betrug 0,73 (0,54 bis 1,0). Auch Hospitalisierungen wegen einer Depression waren unter den Menschen mit frühem Chronotyp seltener. Die Odds Ratio von 0,64 war mit einem 95-%-Konfidenz­intervall von 0,39 bis 1,06 jedoch nicht signifikant.

Eine Einschränkung der Mendelschen Randomisierung ergibt sich aus der sogenannten horizontalen Pleiotropie: Ein und dasselbe Gen kann unter Umständen verschiedene nicht verwandte phänotypische Merkmale auslösen.

So war in den GWAS aufgefallen, dass der Chronotyp (über eine Variante in der Nähe des FTO-Gens) auch mit einer Adipositas assoziiert ist. Da die Adipositas zu den potenziellen Risikofaktoren für eine Depres­sion gehört, könnte das FTO-Gen und nicht der Chronotyp für die Depression verantwortlich sein. Vetter hat deshalb in Sensitivitätsanalysen einzelne Risikogene aus der Mendelschen Randomisierung heraus­genommen. Bis auf einen Fall waren die Ergebnisse gleich. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass der späte Chronotyp wegen einer horizontalen Pleiotropie nur scheinbar mit einer Depression assoziiert war.

Spannend ist jetzt die Frage, ob eine Veränderung der Aufstehzeiten in der Lage wäre, eine Depression zu vermeiden. Dies müsste idealerweise in einer randomisierten Studie untersucht werden. Aufgrund der GWAS muss jedoch befürchtet werden, dass viele Menschen aufgrund ihrer genetischen Prädisposition es nicht schaffen könnten, früher aufzustehen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Mittwoch, 21. Juli 2021, 22:27

Warum gibt es dann so viele Nachteulen?

Es gab Zeiten, da lebten unsere fernen Vorfahren in der afrikanischen Savanne und haben ihre Beute in der Mittagshitze zu Tode gehetzt. Wer um die Mittagszeit auf Jagd geht, muss kein Frühaufsteher sein.

Da unsere Vorfahren zu jener Zeit keine steinernen Behausungen hatten, wechselte im Laufe des Tages ihre Rolle, in der Mittagshitze waren sie die wichtigsten Predatoren, nachts dagegen wurden sie zur potentiellen Beute des nächsten Löwenrudels. Der beste Schutz waren damals ein Lagerfeuer und eine aufmerksame Nachtwache. Damit wären wir bei den Nachteulen. Was nützt dem Frühaufsteher morgens die gute Laune, wenn er nachts einschläft und vom Löwen gefressen wird?

Das Alles ist nur eine Hypothese, würde aber vieles erklären.
Avatar #109757
Loewenherz
am Mittwoch, 21. Juli 2021, 11:22

rein subjektiv Antwort auf die Frage:

Als klassische Eule quäle ich mich seit 12 Jahren durchs Berufsleben und höre mir, von wohlmeinenden aber zumeist bezüglich der Thematik komplett ahnungslosen Chefs, gerne an, dass man sich "nur mal zusammenreissen muss" und der Rhythmus sich ja automatisch adaptiert. Seit Eintritt ins Arbeitsleben mit entsprechendem Dauerjetlag: +25 kgKG.
Abnehmphasen treten regelhaft ein, wenn ich urlaubs- oder dienstbedingt näher an meinem Biorhythmus leben kann. Ansonsten ist das tägliche Selbstquälerei mit anhaltender Leistungsabfrage ausserhalb meiner eigenen Peakzeiten. Das System favorisiert die Lerchen, und das noch deutlich ausgeprägter im Arztberuf und den Krankenhäusern.
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