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Medizin

Massenimpfung mit CoronaVac stoppt SARS-CoV-2 in brasilianischer Stadt

Mittwoch, 2. Juni 2021

Auf diesem vom Forschungsinstitut Butantan zur Verfügung gestellten Bild wird einer Frau eine Impfung gegen COVID-19 verabreicht und dadurch das Impfprojekt S („Projeto S“) gestartet. /picture alliance, Instituto Butantan

São Paulo – Die Impfung der gesamten erwachsenen Bevölkerung mit dem Impfstoff CoronaVac, der in klinischen Studien nur eine mäßige Schutzwirkung erzielte, hat in einer Kleinstadt im Bundesstaat São Paulo eine schwere COVID-19-Epidemie innerhalb kurzer Zeit gestoppt. Dies zeigen die Ergebnisse einer Step-Wedge-Studie, die das staatliche Butantan Institut in einer Pressemitteilung bekannt gab.

Der Impfstoff CoronaVac des chinesischen Herstellers Sinovac ist mit einem Anteil von 80 % der bevor­zugte Impfstoff in Brasilien. Es handelt sich um einen konventionellen Impfstoff aus inaktivierten Viren. Diese erzielen häufig eine schwächere Schutzwirkung. Bei CoronaVac lag sie nach den im Februar vom Hersteller vorgestellten Ergebnissen der Phase-3-Studie nur bei 50 %.

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Da der Impfstoff dem Immunsystem mit den inaktivierten Viren eine große Anzahl von Antigenen anbie­tet, sind die Chancen hoch, dass auch Virusvarianten erfasst werden. Dies scheint bei CoronaVac der Fall zu sein. Erste Erfahrungen aus der Stadt Manaus zeigen, dass CoronaVac auch vor einer Infektion mit der Lineage P.1 (oder nach der neuen WHO-Klassifikation Variante Gamma) schützt.

Das Butantan-Institut in São Paulo, das weltweit bekannt ist für die Entwicklung von Antiseren gegen Schlangengifte, hat in den letzten Monaten zusammen mit der Medizinischen Universität in Ribeirão Preto untersucht, ob die Epidemie durch die Massenimpfung einer gesamten Ortschaft gestoppt werden kann. Die Stadt Ribeirão Preto mit 650.000 Einwohnern liegt 313 Kilometer nördlich von São Paulo in einer Anbauregion für Zuckerrohr. Für das Project S wurde die wenige Kilometer entfernte Kleinstadt Serrana ausgewählt.

Die Stadt wurde für eine Step-Wedge-Studie in 4 Zonen aufgeteilt, in denen nacheinander mit der Imp­fung begonnen wurde. Die Idee einer randomisierten Studie, in der ein Teil der Bevölkerung mit Placebo geimpft würde, wurde wohl angesichts der starken Ausbreitung von SARS-CoV-2 aus ethischen Gründen verworfen. Das Step-Wedge-Design wird in solchen Situationen von der Forschung als Alternative akzep­tiert.

Die Studie war offenbar gut organisiert. Zwischen dem 17. Februar und Ende April diesen Jahres wurden rund 27.000 Personen oder etwa 96 % der Erwachsenen geimpft. Ausgenommen waren Kinder und Jugendliche sowie Einwohner mit chronischen Erkrankungen. CoronaVac erfordert 2 Impfungen im Ab­stand von 4 Wochen.

Obwohl die Stadt nicht von der Außenwelt abgeschlossen war – viele Einwohner pendeln zur Arbeit nach Ribeirão Preto – und damit der Eintrag neuer Viren nicht zu verhindern war, kam es schon bald zu einem Rückgang der Erkrankungsfälle. Eine erste Auswirkung war laut Studienleiter Ricardo Palacios vom Butantan-Institut erkennbar, als das erste Stadtviertel die 2. Dosis erhalten hatte. Inzwischen ist die Studie abgeschlossen.

Nach den (noch nicht publizierten) Ergebnissen hat die Impfung die Zahl der Erkrankungen an COVID-19 in der gesamten Stadt um 80 % gesenkt (95-%-Konfidenzintervall 76,9 % bis 82,7 %). Die Zahl der Kranken­hauseinweisungen ging um 86 % (74,1 % bis 92,3 %) und die Zahl der Todesfälle um 95 % (62,7 % bis 99,3 %) zurück.

Der deutliche Rückgang weist laut Palacios darauf hin, dass die Impfung eine Herdenimmunität erzielt hat. Denn auch bei den Kindern und Jugendlichen sei es zu einem Rückgang der Infektionen gekommen. Unklar ist derzeit, wie lange die Immunität anhält. Die Studie soll deshalb noch über ein weiteres Jahr fortgesetzt werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #831974
BB-DD
am Freitag, 4. Juni 2021, 13:01

@Hans-Jörg

Arzt bin ich nicht, ich nehme mir dennoch heraus, zu einem solchen Studiendesign meine Meinung zu sagen.
Beste Grüße und danke für die Diskussion.
Avatar #770751
Hans-Jörg
am Freitag, 4. Juni 2021, 11:04

kann man so nicht stehen lassen!

Lieber BB-DD,
ihren Kommentar kann man so nicht stehen lassen! Sicher fehlen in dieser Mitteilung Hinweise auf Kontrollgruppen, vielleicht steht da in der Orginalveröffentlichung was drin. Man kann ja relativ einfach mit vergleichbaren Städten vergleichen. Ich hab auf die Schnelle im Internet nach den Inzidenzzahzlen vom Bundesstaat Sao Paulo gesucht, von Mitte Februar bis Anfang März kam es zu einem Rückgang der 7-Tage-Inzidenz von 135 auf 100 pro 100.000 Einwohner, dann ein Anstieg bis Ende März auf 196, zum 2.4. ein sprunghafter Anstieg auf 269 und schließlich wieder ein Rückgang bis Ende April auf 157. Am 26.5. lag die Inzidenz bei 139. Zumindest für den Bundesstaat lag demzufolge die "Welle" zwischen Februar und Mai bei insgesamt deutlich höherer Inzidenz als bei uns. Zu postulieren, dass der Rückgang ausschließlich auf das Abflauen der Welle zurückzuführen sei, halte ich für mehr als diskussionswürdig, zumal die reinen Inzidenzwerte im Bundesstaat heute höher sind als Mitte Februar. Und wenn die Zahlen in der Stadt Ende April deutlich niedriger sind als Mitte Februar und im Bundesstaat die Zahlen Ende April höher sind als Mitte Februar, ist das aus meiner Sicht ein eindeutliger Hinweis auf den Einfluss der Impfung! Also bitte, bevor Hypothesen in die Welt gesetzt werden, bitte zumindest kurz informieren. In Bezug SARS-CoV-2 werden so viele Halb- bzw. Unwahrheiten in die Welt gesetzt, da sollten wir Ärzte uns zumindest damit zurückhalten. Wir sollten es zumindest versuchen!
Avatar #831974
BB-DD
am Donnerstag, 3. Juni 2021, 10:17

Sorry

Ich habe es gestern mit Ironie versucht, das kam wohl nicht so gut an, liebes Ärzteblatt. Deshalb hier die offenen Kritik:
Wenn man von Mitte Februar bis Ende April (so lange dauerte es bei uns in D vom langsamen Ansteigen der PCR-Positivfallzahlen bis zum "Peak" der 3. Welle) die komplette Bevölkerung einer Stadt ohne Kontrollgruppe impft und danach einen Rückgang um 80 % bei den "Infektionszahlen" sieht, hat das vermutlich GAR NICHTS mit der Impfung zu tun, sondern einfach nur mit dem Abflauen der "Welle". In Deutschland zumindest kann man ja wohl nicht behaupten, der für diese "3. Welle" verantwortlich gemachte Teil der Bevölkerung (hauptsächlich die "jungen", besonders häufig getesteten Leute) sei im Verlaufe dieser Zeit geimpft worden (Glücklicherweise nicht!). Trotzdem ging die Zahl der "PCR-Positivfälle" um besagte 80 % innerhalb des Monats Mai zurück. Die Wirksamkeit welches Impfstoffes wird dann dadurch belegt? Bei uns belegt es alternativ sicher die Wirksamkeit der "Notbremse" - statistisch nachweisen muss man das ebenso wenig können (Kauermann, Brinks et al, LMU München). Wenn man weiß, wie eine Grippewelle funktioniert, lässt sich mit jeder Impfstoffstudie ohne Kontrollgruppe (darauf verzichtet man natürlich aus ethischen Gründen) und mit jeder Notbremse mit vorherigem gesetzlichen Verbot der Kontrollgruppen der Nachweis der Wirksamkeit erbringen.
Avatar #789658
2haeschen
am Mittwoch, 2. Juni 2021, 17:48

Ausgenommen waren ... Einwohner mit chronischen Erkrankungen

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