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Nephrologen empfehlen Urintest-Screening nach SARS-CoV-2-Infektion

Mittwoch, 2. Juni 2021

/Giovanni Cancemi, stock.adobe.com

Berlin – Die Niere ist einer der wichtigsten Seismographen für den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung und kann auch nach Abklingen der Erkrankung weiter befallen sein. Infolgedessen empfehlen Experten der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) eine Nachuntersuchung von allen Infizierten mittels Urinstix, selbst bei einem unauffälligen Infektionsgeschehen.

Diesen Rat leitete Oliver Gross von der Klinik für Nephrologie und Rheumatologie der Universitäts­medizin Göttingen (UMG) aus zahlreichen Studien und Beobachtungen ab, die auf einer digitalen Pressekonferenz zum Auftakt des Kongresses der European Renal Association – European Dialysis and Transplant Association (ERA-EDTA) präsentiert wurden.

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Die deutschen Nierenspezialisten haben bereits früh in der Pandemie durch den Hinweis auf die promi­nente Beteiligung der Niere vor allem bei den schwer erkrankten COVID-19-Patienten entschei­dend zur Stratifizierung der Kohorten beigetragen.

Wie Tobias Huber, Direktor der III. Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) auf der Pressekonferenz erläuterte, konnte man die Beteiligung der Nieren aufgrund von Autopsie­studien(NEJM 2020; DOI: 10.1056/NEJMc2011400) verstorbener COVID-19-Patienten am UKE bereits im Mai 2020 nicht nur nachweisen, sondern auch zeigen, dass die Viruslast in diesem Organsystem die zweithöchste nach der Lunge darstellt.

Bald darauf konnten US-amerikanische Wissenschaftler (CJASN 2021: DOI: 10.2215/CJN.09610620) den Nachweis führen, dass die Nierenbetei­ligung bei COVID 19 einen eindeutigen Fingerzeig für einen problematischen Verlauf darstellt: Lag nämlich eine akute Nierenschädigung (Acute Kidney Injury, AKI) vor, so ging dies unter anderem mit einem beträchtlich – mehr als sechsfach – erhöhten Risiko für eine Beatmung (Odds Ratio [OR] 6,46) und dem Risiko, an der Infektion zu sterben (OR 6,71) einher. Auch der Klinikaufenthalt war verlängert. Nicht zuletzt: 47 Prozent der genesenen Patienten hatten bei der Entlassung noch nicht wieder ihre Ausgangskreatininwerte erreicht.

COVID-19 manifestiert sich nicht nur an den Nieren, wer nierenkrank ist, hat bereits schlechtere Voraussetzungen, um mit einer solchen Virusinfektion fertig zu werden. Die Sterblichkeitsraten der Dialysepatienten ließen erkennen, dass diese mit einer im Vergleich zu Nierengesunden deutlich erhöhten Letalität von 20 Prozent rechnen mussten, so Huber. „Aufgrund dessen konnten wir erreichen, dass die Impfpriorisierung für diese Patienten angehoben wurde“, resümiert der Hamburger Nephrologe die Bedeutung der früh erhobenen Registerdaten aus Deutschland.

Die Niere leidet später weiter

Des weiteren erläuterte Oliver Gross die Bedeutung einer so einfachen Untersuchung, wie sie der Urinstix darstellt: Man kann anhand des orientierenden und rasch zu erhebenden Urinbefundes bereits diskriminieren, dass ein knappes Drittel der Erkrankten keine Nierenbeteiligung hat, 70 Prozent jedoch schon.

Dabei bleibt es überdies nicht. Rund ein Drittel der stationär behandelten COVID-19-Patienten ist selbst nach 6 Monaten nephrologisch nicht vollständig genesen und hat eine eGFR (estimated glomerular filtration rate) von immer noch < 90 ml/min/1,73 m2. „Das bestätigen in etwa auch die hiesigen Erfah­rungen“, hält Gross fest, wobei er einschränkend darauf hinwies, dass man in den Universitätskliniken eher Patienten mit besonders schweren Verläufen behandeln würde.

Auf die Frage, was dies für SARS-CoV2-Infizierte generell bedeute, betonte er: „Als Nephrologe muss man antworten, dass jeder COVID-Patient nachschauen lassen sollte, ob er einen Nierenschaden davongetragen hat“. Sicherlich seien bestimmte Risikopatienten, etwa Diabeteskranke, eher gefährdet, aber deren Nierenstatus würde ohnehin im Rahmen der Disease Management Programme (DMP) überprüft. Da Albumin ein sehr guter Prädiktor für das kardiovaskuläre Risiko darstelle, sollte man auch andere Genesene testen.

Huber verwies einschränkend darauf, dass der Urinstix zunächst eine eher oberflächliche Screening­methode darstelle, dass ein verdächtiger Befund jedoch dann genauer quantifiziert werden solle. Eine vorübergehende, harmlose Albuminurie sehe man auch schon mal bei Fieber oder nach Anstrengungen.

Sollte sich die Albuminurie tatsächlich – womöglich im Verbund mit weiteren pathologischen Werten oder einem erhöhten Blutdruck – nach einer wiederholten Testung bestätigen, könnte dies auf eine Therapiebedürftigkeit hindeuten. Wie wichtig Ärzte offenbar den orientierenden Urinbefund in der Pandemie nehmen, lässt sich schon am Stix-Verbrauch erkennen, darauf wies Gross ebenfalls hin: Um ein Drittel mehr davon konnten die Hersteller ihren Angaben zufolge in der Pandemie bisher absetzen. © mls/aerzteblatt.de

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