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„Eine zeitweise Aufhebung von Patenten darf kein absolutes Tabu sein“

Freitag, 4. Juni 2021

Berlin – Das UN-Kinderhilfswerk Unicef kümmert sich bei der Impfstoffinitiative Covax um die Logistik und verteilt den Impfstoff weltweit.

Zuletzt hatte Unicef-Direktorin Henrietta Fore im Vorfeld des kommenden G7-Gipfels große Rückstände bei der Auslieferung beklagt und wohlhabende Staaten dazu aufgerufen, ihren Impf­stoff zu spenden. Unicef-Sprecherin Christine Kahmann kennt die Hintergründe.

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5 Fragen an Christine Kahmann, Pressesprecherin bei Unicef

DÄ: Wie viel Impfstoff sollte in diesem Jahr eigentlich über Covax verteilt werden und wieso ist es nun so viel weniger?
Christine Kahmann: Unser Ziel ist es, bis Ende des Jahres zwei Milliarden Dosen COVID-19-Impfstoff zu liefern – unter der Voraussetzung, dass genügend Impfdosen zur Verfügung stehen. Der Roll-Out von Covax ist gut gestartet im Februar. Doch jetzt gibt es Probleme durch die anhaltende Knappheit an Impfstoffen.

Bis Ende Mai sollten 170 Millionen Impfdosen vom Serum Institute of India geliefert werden, insbeson­dere an die ärmsten Länder weltweit. Doch bisher konnten nur 30 Millionen Impfdosen des Herstellers in andere Länder geliefert werden, da die zweite COVID-19-Welle Indien mit tödlicher Wucht getroffen hat.

Diese aktuelle Notlage hat dazu geführt, dass sich die Lieferungen von Impfstoffdosen des Serum Institute of India verzögern. Bis Ende Juni werden voraussichtlich weitere 50 Millionen Dosen fehlen – 190 Millionen Impfdosen insgesamt.

Aber auch der verbreitete Impfnationalismus und fehlende finanzielle Mittel gefährden das Programm. Deshalb appellieren wir an die G7-Staaten, überschüssige Dosen schnellstmöglich zu teilen.

DÄ: In der EU soll bis zum Spätsommer jeder Bürger ein Impfangebot erhalten. Wie sieht die Situation im globalen Süden aus?
Kahmann: Während wir vorsichtig auf eine Rückkehr zur Normalität hoffen, breitet sich das Virus in vielen Ländern weiter aus – die Krise in Asien muss uns alle alarmieren. Das Ziel von Covax ist, noch in diesem Jahr in jedem Land mindestens 20 Prozent der Bevölkerung weltweit gegen COVID-19 zu impfen.

Wenn die Impfkampagne nicht ins Stocken gerät, sehen wir eine Chance, dass dieses Ziel auch erreicht wird und insbesondere das Gesundheitspersonal und besonders gefährdete Menschen geimpft werden können. Das ist entscheidend, da diese Menschen viele Kontakte haben und unersetzlich sind, um grund­legende öffentliche Aufgaben zu sichern.

Jeder geimpfte Gesundheitshelfer und jede geimpfte Lehrerin bedeutet für die Mädchen und Jungen in den ärmsten Ländern Hoffnung auf medizinische Versorgung und Bildung.

DÄ: Wie bewertet Unicef vor dem Hintergrund des globalen Impfstoffmangels den Plan, in Deutschland ab diesem Monat auch Kinder und Jugendliche zu impfen?
Kahmann: Deutschland hat die Bedeutung von Impfungen im Rest der Welt erkannt. Denn nur so lässt sich das Virus stoppen und verhindern, dass weitere gefährliche Mutanten unsere Fortschritte wieder zerstören. Es ist deshalb ein gutes Signal, dass die Bundesregierung angekündigt hat, verfügbare Ressour­cen, einschließlich überschüssiger Impfdosen, zu teilen.

Wir begrüßen es auch, dass Impfungen von Kindern – sofern sie zugelassen und empfohlen sind – aus­drück­lich keine Voraussetzung für den Schulbesuch sein sollen. Wir dürfen nicht vergessen: die Pande­mie trifft Kinder in allen Bereichen ihres Lebens, Impfungen sind nicht alles.

Ziel muss es aus der Sicht von Unicef jetzt sein, die größten Gefahren durch COVID-19 einzudämmen und gleichzeitig Kindern so schnell wie möglich wieder ein soziales und schulisches Umfeld zu ermög­lichen, das sie für ihre Entwicklung so dringend benötigen. Behörden, Länder und die Regierung müssen jetzt dafür sorgen, dass Kinder nicht länger in ihren Rechten eingeschränkt werden, sondern wieder ein weitgehend normales Leben führen können.

DÄ: Ein breites Bündnis von Hilfsorganisationen, darunter auch Unicef, fordert die Freigabe von Paten­ten, damit ärmere Länder selbst Impfstoff herstellen können, ohne Restriktionen fürchten zu müssen. Die Mehrheit der G7-Staaten lehnt diesen Schritt ab. Ist er dennoch umsetzbar?
Kahmann: Das Wichtigste sind jetzt schnelle und pragmatische Lösungen. Alle Länder sollten so schnell wie möglich über ausreichend Impfdosen gegen COVID-19 verfügen.

Dazu müssen jegliche Hindernisse, die den Zugang zu Impfstoffen erschweren, beseitigt werden. Es braucht freiwillige Lizenzen, Technologie- und Know-How-Transfer oder die Aufhebung von Liefer­beschrän­kungen für notwendige Bestandteile von Impfstoffen.

Da die Welt leider wohl noch lange mit COVID-19 leben muss, gilt es aber auch langfristige Lösungen zu finden. Eine zeitweise Aufhebung von Patenten darf angesichts der globalen Krise kein absolutes Tabu sein. Die Diskussion um Patente darf aber nicht davon ablenken, dass wir jetzt handeln müssen.

DÄ: Welche Alternativen zu einer Patentfreigabe sehen sie derzeit?
Kahmann: Covax muss angemessen finanziert, Impfstoffe müssen gerechter geteilt werden und die Gesundheitssysteme langfristig gestärkt werden – dazu rufen wir die Regierungen auf. Aber auch jeder und jede Einzelne kann etwas tun.

Viele Menschen in Deutschland, die das Glück hatten in den vergangenen Wochen geimpft zu werden, und auch Unternehmen und Philanthropen, haben sich bei uns gemeldet, weil sie gerne aus Dankbarkeit und aus dem Wissen um die weltweite Gefahr helfen möchten.

Wir rufen deshalb alle Hausärztinnen und Hausärzte dazu auf, in ihren Praxen Spenden für das globale Impfvorhaben zu sammeln und die Unicef-Arbeit dadurch zu unterstützen. Informationen bekommen Praxen über unsere Internetseite oder über die Unicef-Gruppen in der jeweiligen Region. © alir/aerzteblatt.de

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