NewsMedizinGroßbritannien: Delta-Variante von SARS-CoV-2 breitet sich bei offenbar verminderter Impfstoffwirkung weiter aus
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Großbritannien: Delta-Variante von SARS-CoV-2 breitet sich bei offenbar verminderter Impfstoffwirkung weiter aus

Freitag, 4. Juni 2021

/Dan74, stock.adobe.com

London – Der Impfstoff Comirnaty (BNT162b2) von Biontech/Pfizer erzeugt nach Laborstudien im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01290-3) nur eine abgeschwächte Immunität gegen die Variante Delta (B.1.617.2), die in England innerhalb kurzer Zeit zur häufigsten Form von SARS-CoV-2 geworden ist.

Laut dem jüngsten Situationsbericht von Public Health England (PHE) hat die Variante Delta, die aus Indien eingeschleppt wurde, bereits in der Woche vor Pfingsten einen Anteil von 61 % an allen sequen­zierten Proben von SARS-CoV-2 erreicht. Die Variante Delta hat sich damit in den ersten 50 Tagen seit ihrem Auftreten in England deutlich schneller ausgebreitet als alle anderen Varianten davor.

Anzeige

Innerhalb der letzten Woche ist die Zahl der dokumentierten Fälle durch die Variante Delta von 5.472 auf 12.431 angestiegen. Die Variante Delta ist – neben dem Ende des Lockdowns – dafür verantwortlich, dass die Gesamtzahl der COVID-19-Fälle in England und Schottland wieder steigt. Laut der „Scientific Advisory Group for Emergencies“ ist der R-Wert wieder auf 1 bis 1,2 gestiegen, was den Beginn eines exponentiellen Wachstums bedeuten könnte.

Am stärksten betroffen sind die Bezirke Bolton und Blackburn with Darwen. In Bolton ist die Zahl der Infektionen innerhalb einer Woche um 795 auf 2.149 gestiegen, in Blackburn with Darwen hat es 368 neue Fälle gegeben mit einer Gesamtzahl von jetzt 724. Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter sind in den Regionen „von Tür zu Tür“ unterwegs, um Antigentests zu verteilen und die Einwohner zur Impfung zu ermuntern. Mobile Teams entnehmen Abwasserproben, um die Verbreitung der Variante zu verfolgen.

Die Zahl der Todesfälle ist derzeit gering. Bis Ende Mai sind erst 17 von 9.426 bis dahin mit der Delta-Variante infizierte Menschen gestorben. Die Case-Fatality-Rate ist laut PHE mit 0,2 % geringer als bei der Alpha-Variante (B.1.1.7), die bei 2,0 % liegt. Laut dem jüngsten Wochenbericht von PHE ist jedoch die Zahl der Patienten angestiegen, die wegen einer Erkrankung eine Notfallaufnahme aufsuchten.

Auch die Übertragungsrate scheint höher zu sein als bei der Variante Alpha. Die Zahl der Infektionen unter den bekannten Kontakten („secondary attack rate“) beträgt bei Personen mit Reiseanamnese 2,6 % gegenüber 1,6 % bei der Variante Alpha. In der Gruppe ohne bekannte Reisen sind es 12,4 % gegenüber 8,2 %.

Ein wichtiger Punkt für den weiteren Verlauf der Epidemie ist die Frage, ob die seit Dezember durchge­führten Impfungen vor einer Infektion schützen. Die bisherigen Ergebnisse der SIREN-Studie, die fast 45.000 Personen alle 2 Wochen mit PCR-Tests untersucht, sind derzeit günstig. In der Kohorte, die zu 95 % geimpft ist, ist es bisher zu keinem Anstieg der Infektionen gekommen. Auf der anderen Seite gibt es 96 dokumentierte Fälle einer Reinfektion, die durch Sequenzierung der Variante Delta belegt werden konnte.

Laboruntersuchungen, die ein Team um David Bauer vom Francis Crick Institute in London durchgeführt hat, deuten auf eine abgeschwächte Impfstoffwirksamkeit gegen die Variante Delta hin. Die Forscher haben Serumproben von 250 Personen, die 1 oder 2 Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs Comirnaty erhalten hatten, im Labor auf ihre Fähigkeit hin untersucht, Viren von der Infektion von Zellen abzu­halten. Die Forscher hatten extra einen „high throughput“-Neutralisations-Assay entwickelt, um in kurzer Zeit die Schutzwirkung gegen den Wildtyp (D614G) und die Varianten Alpha (B.1.1.7), Beta (B.1.351) und Delta (B.1.617.2) zu testen.

Die Ergebnisse fielen ernüchternd aus. Selbst Personen, die mit 2 Dosen Comirnaty vollständig geimpft waren, erzielten nur 5,8-fach geringere Antikörpertiter gegen die Variante Delta als gegen den Wildtyp. Gegen die Variante Alpha war der Titer um den Faktor 2,6 und gegen die Variante Beta 4,9-fach abge­schwächt. Comirnaty könnte deshalb nur eingeschränkt vor der Variante Gamma schützen.

Hinzu kommt, dass der Antikörpertiter mit der Zeit und dem Alter der Geimpften nachlässt. Body-Mass-Index und Geschlecht hatten dagegen keinen Einfluss. Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen liefern eine mögliche Erklärung für die rasche Ausbreitung der Variante Delta in den letzten Wochen. Sie deuten zudem auf die Notwendigkeit weiterer Auffrischungen für die Aufrechterhaltung des Impfschutzes hin.

Delta ist wahrscheinlich mit schwereren Erkrankungen verbunden

Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Personen, die sich mit Delta infizieren, häufiger einen schwe­­ren Verlauf haben. Daten aus Schottland und England zeigten, dass Delta mit einem im Vergleich zu Alpha höheren Hospi­tali­sierungsrisiko einhergehe, heißt es im PHE-Bericht. Allerdings befän­den sich viele Fälle noch in der Nachbeobachtungszeit. In einigen Regionen wie­sen die Krankenhaus­aufnahmen auf einen Anstieg hin, doch der nationale Trend sei noch nicht eindeutig.

Möglich ist dem Bericht zufolge auch, dass sich die Variante Delta der natürlichen Immunität entziehen könnte. Die Evidenz dafür ist bislang allerdings rein experimenteller Natur. Untersuchungen mit Rekon­vales­zentenplasma aus der ersten Pandemiewelle – also Plasma von Personen, die mit Alpha infiziert gewesen waren – zeigten eine reduzierte Neutralisation von Pseudoviren und Lebendviren.

Die epidemiologischen Daten reichen für eine Schlussfolgerung allerdings noch nicht aus. In einer großen nationalen Kohorte von Mitarbeitern des Gesundheitswesens (SIREN) ist bislang kein Anstieg der Zahl an Reinfektionen zu beobachten.

Delta hat einen erheblichen Wachstumsvorteil

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Delta über einen beträchtlichen Wachstumsvorteil verfügt und vermutlich die Vorherrschaft übernehmen wird. Die hohe Wachstumsrate sei vermutlich auf eine Kombi­na­tion aus ortsbezogenem Kontext, Übertragbarkeit und Immune Escape zurückzuführen.

Auch die möglicherweise reduzierte Wirksamkeit der Impfstoffe und das erhöhte Hospitalisierungsrisiko könnten dabei eine Rolle spielen. © rme/nec/aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #749951
WolfgangFunk
am Montag, 7. Juni 2021, 10:31

Delta SARS in GB

Wäre Zeit für ein wissenschaftlich ambitioniertes Blatt (DÄ!), sich von ungefilterter Weitergabe von groben Vermutungen zu verabschieden. Die zitierten Quellen haben alle kein höheres Krankheitsrisiko bewiesen Also durchatmen, seriös bleiben.
Avatar #710625
thomas1806
am Freitag, 4. Juni 2021, 19:57

Mit Impfungen endlich ernst machen

Hieran sieht man ziemlich eindeutig, dass die Sache mit SARS-CoV-2 noch lange nicht ausgestanden ist. Wir müssen also endlich alles Menschenmögliche tun, um die Bürger Deutschland-, EU- und weltweit mit Impfstoff zu versorgen-Nur so haben wir überhaupt eine Chance, das evolutionäre Rennen gegen das Virus zu gewinnen, s. Delta-Variante... Vor diesem Hintergrund wirkt auch jegliches Störfeuer von Seiten der STIKO oder Herrn Reinhardt (letzterer war ja noch nicht einmal vom Nutzen von Masken überzeugt...) irgendwie deplatziert und mit der aktuellen Evidenzlage schwer in Einklang zu bringen. Zudem wird hierdurch das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung weiter unterminiert, was ich leider schon oft erfahren musste... Leute wie Herr Spahn dürfen die Expertise nicht an sich reißen können, bitte nicht! Was spräche denn überhaupt im Anbetracht der Gesamtsituation dagegen, für eine generelle Impfpflicht zu werben anstatt dagegen? Natürlich ist die COVID-19-Impfung „keine Lakritze“, wie Herr Mertens neulich so medienwirksam formulierte - COVID-19 ist aber auch kein „Schnuppen“, auch nicht für Kinder: https://www.thelancet.com/journals/lanchi/article/PIIS2352-4642(20)30177-2/fulltext
Avatar #789658
2haeschen
am Freitag, 4. Juni 2021, 18:59

Verminderte Impfstoffwirkung?

... In der Kohorte, die zu 95 % geimpft ist, ist es bisher zu keinem Anstieg der Infektionen gekommen. Auf der anderen Seite gibt es 96 dokumentierte Fälle einer Reinfektion, die durch Sequenzierung der Variante Delta belegt werden konnte....

Widerspricht sich das oder verstehe ich es falsch? Vielleicht kann jemand
helfen ... lieben Dank ...
LNS
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER