NewsMedizinASCO 2021: Zu viele offene Fragen beim Pankreaskarzinom
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

ASCO 2021: Zu viele offene Fragen beim Pankreaskarzinom

Samstag, 12. Juni 2021

Köln – Obwohl Tumoren des oberen Gastrointestinaltraktes zu den Topthemen des diesjährigen ASCO zählen, fallen Neuigkeiten zum Thema Pankreaskarzinom vergleichsweise spärlich aus. Daher plädierte Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm, dafür, die Forschungsaktivitäten dringend zu verstärken, um den hohen Informationsbedarf unter anderem bezüglich neuer Therapieansätze aber auch optimaler Nachsorgestrategien zu decken.

5 Fragen an Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm

: Sind derzeit vielversprechendere therapeutische Ansätze in der Forschungspipeline ggf. auch im Zuge des ASCO?
Thomas Seufferlein: Es sind derzeit einige neue Ansätze in der Forschungspipeline, die aber zum großen Teil noch nicht so weit ausgereift sind, was die Studienlage angeht. Einige neue Ergebnisse werden womöglich erst im nächsten Jahr präsentiert. Auf dem ASCO werden dieses Jahr neue Optionen vorgestellt, z.B. eine Studie mit einem CD40-agonistischen Antikörper, die aber leider nicht die erhofften Ergebnisse gezeigt hat.

Grundsätzlich besteht weiterhin ein erheblicher Forschungsbedarf, der teilweise von den Förderinstitutionen (noch) nicht genauso eingeschätzt wird. Uns beschäftigen im klinischen Alltag oft auch ganz basale Fragen, zum Beispiel, was sind die besten und effektivsten Nachsorge-Strategien bei diesem Tumor? Oder welche Faktoren begünstigen ein Rezidiv nach einer Operation und wie wird ein Rezidiv am schnellsten entdeckt? Wir stehen auch vermehrt im Austausch mit Krebsregistern und zertifizierten Zentren, um diese Fragen unter anderem mit Daten aus der Versorgung zu adressieren.

DÄ: Woher kommt die große Diskrepanz zwischen mehreren erfolgreichen präklinischen Ergebnissen und dem anschließenden Scheitern in klinischen Studien beispielsweise in Bezug auf neue Antistroma-Ansätze bei duktalen Adenokarzinom des Pankreas?
Seufferlein: Insbesondere beim Pankreaskarzinom sind nicht nur die Tumorzellen von Bedeutung, sondern auch die umgebende Matrix. Das Microenvironment besteht unter anderem aus tumorassoziierten Fibroblasten, die sich in unterschiedlichen Aktivierungszuständen befinden und verschiedene Funktionen erfüllen. Wichtige Matrixkomponenten sind auch Zellen des Immunsystems.

Die umgebende Matrix ist auf der einen Seite eine Barriere beispielsweise für Chemotherapien. Auf der anderen Seite deuten experimentelle Daten darauf hin, dass eine Zerstörung der die Tumorzellen umgebenden Matrix auch ein verstärktes Wachstum der Tumorzellen zur Folge haben kann. Die Matrix begrenzt somit den Tumor und verhindert aber zugleich, dass Therapien an die Tumorzellen gelangen.

Deshalb sollten zukünftige, möglicherweise sequenzielle Ansätze ein gutes Timing aufweisen, bei der beispielsweise zuerst die Matrix reduziert wird und danach Chemotherapien folgen, die das aggressive Tumorwachstum effektiv eingrenzen. Ein anderer Ansatz ist, die rege Kommunikation und Symbiose zwischen Tumorzellen und Matrixzellen, also vor allem Fibroblasten und Immunzellen, zu stören, da sie sich wechselseitig beeinflussen.

DÄ: Die neue Leitlinie Pankreaskarzinom wird gerade überarbeitet und befindet sich aktuell in der Konsultationsphase. In welchen Bereichen wird es Neuerungen geben?
Seufferlein: Das kommende Update umfasst umfangreiche Veränderungen im Bereich der Diagnostik, der operativen und medikamentösen Therapie. Beispielsweise sollte bei Patienten/-innen, die für eine Operation in Frage kommen, im Vorfeld eine Mikrometastasierung ausgeschlossen werden zum Beispiel mit einem Kernspin der Leber oder einer FDG PET-Untersuchung. Die medikamentöse Therapie wurde auch in Hinblick auf bestimmte Subgruppen wie Patienten/-innen mit Pankreaskarzinom und einer Keimbahnmutation in BRCA-1 oder -2 aktualisiert.

DÄ: Inwiefern kann das genetische Profil bei duktalen Adenokarzinom des Pankreas dazu beitragen, das klinische Management zu optimieren?
Seufferlein: Die Genomik beim Pankreaskarzinom ist für die klinische Praxis noch nicht sehr relevant, allenfalls für kleine Subgruppen, wie bei Patienten/-innen mit einer Keimbahnmutation in BRCA-1 und -2, sind Sequenzierungsergebnisse therapeutisch nutzbar. Diese Patienten/-innen profitieren von platinhaltigen Chemotherapien und in der Erhaltungstherapie von PARP-Inhibitoren.

Eine weitere Gruppe umfasst Patienten/-innen mit RAS-Wildtyp, etwa 10 % der Patienten/-innen. In dieser Gruppe kommt unter anderem eine mTOR-Inhibition in Frage, daneben weisen diese Tumoren teilweise Fusionen in NRG oder NTRK auf, die therapeutisch angehbar sind.

Die Mehrzahl der Patienten/-innen hat allerdings RAS-mutierte Tumoren und da haben wir im Augenblick leider noch keine Inhibitoren, die klinisch wirksam wären. Allerdings gibt es hierzu spannende erste Ansätze für bestimmte RAS-Mutationen, die aber beim Pankreaskarzinom sehr selten sind. Bis zu 1 Prozent der Patienten/-innen haben eine Mikrosatelliteninstabilität im Tumor, die sich grundsätzlich für eine Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren eignen.

: Wie könnte die Früherkennung bei Patienten/-innen mit Pankreaskarzinom verbessert werden?
Seufferlein: Eine frühe Diagnose des Pankreaskarzinoms ist auch aufgrund der anatomischen Lage der Bauchspeicheldrüse schwierig. Das hat zur Folge, dass die klassischen diagnostischen Mittel, wie beispielsweise beim Dickdarmkarzinom mit einer endoluminalen Diagnostik, nicht in Frage kommen.

Ein anderer Aspekt ist die sehr frühe Metastasierungstendenz dieser Tumoren, so dass bei Erstdiagnose meist bereits ein fortgeschrittenes Stadium vorliegt. Lediglich bei Patienten/-innen mit zystischen Pankreastumoren können wir mittlerweile ganz gut in der Bildgebung differenzieren, ob eine engmaschige Überwachung oder eine Operation sinnvoll ist, weil die Bildgebung ein sehr hohes Risiko für eine bösartige Entwicklung nahelegt.

Patienten/-innen mit genetischen Prädispositionen zum Beispiel bei erblich-bedingter Bauchspeichel­drüsenentzündung oder positiver Familienanamnese für das Pankreaskarzinom brauchen effektive Überwachungsstrategien. Daher muss weiter nach anderen diagnostischen Wegen gesucht werden, wie z.B. durch Verwendung blutbasierter Marker.

In Zukunft könnten da womöglich bestimmte Marker-Kombinationen (z.B. zirkulierende freie DNA, mikro-RNAs etc.) helfen. Allerdings ist die Sensitivität und Spezifität auch von Marker-Kombinationen noch nicht so gut, dass sie im klinischen Alltag bereits angekommen wären. © cw/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER