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Medizin

Lachgas lindert Depressionen bereits in niedriger Konzentration

Montag, 26. Juli 2021

/sharon mccutcheon/EyeEm, stock.adobe.com

Chicago – Eine 1-stündige Behandlung mit Distickstoffmonoxid, besser bekannt als Lachgas, hat in einer Phase-2-Studie eine Majordepression bei Patienten gelindert, bei denen zuvor mehrere medikamentöse Therapien erfolglos geblieben waren. Die Behandlung war laut der Publikation in Science Translational Medicine (2021; DOI: 10.1126/scitranslmed.abe1376) bereits in einer niedrigen Konzentration wirksam, die gut verträglich war und die Symptome über mindestens 2 Wochen gebessert hat.

Das vor 250 Jahren erstmals hergestellte Distickstoffmonoxid entwickelte sich schnell von einem Jahrmarktsvergnügen zu einem bevorzugten Narkosemittel, als das es heute noch verwendet wird. Die stimmungsaufhellende Wirkung ist seit längerem bekannt und vermutlich für die Bezeichnung Lachgas verantwortlich. Lachgas hat wegen seiner dissoziativen Wirkung ein Missbrauchspotenzial.

Die Idee, Distickstoffmonoxid zur Behandlung von Depressionen zu verwenden, kam dem Anästhesiologen Peter Nagele vom University of Chicago Medical Center, aufgrund der Erfolge der Ketaminbehandlung. Ketamin wird in der Anästhesie ebenfalls zur Sedation und Schmerzlinderung eingesetzt (es hat ebenfalls ein Abhängigkeitspotential). Beide Mittel erzielen ihre Wirkung vermutlich über die Hemmung von NMDA-Rezeptoren im Gehirn.

Nagele konnte bereits in einer Pilotstudie zeigen, dass eine einstündige Behandlung mit Distickstoff­monoxid die Symptome bei Patienten lindert, die im Durchschnitt seit 19 Jahren unter schwersten Depressionen litten und median 8 unterschiedliche Medikamente ohne durchschlagenden Erfolg eingenommen hatten. Wie bei der Ketaminbehandlung trat die Wirkung sofort ein, während dies bei der Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder anderen oralen Medikamenten in der Regel erst nach Wochen der Fall ist.

Die Behandlung erfolgte in der Pilotstudie allerdings in einer relativ hohen Dosierung von 50 % Lachgas, was häufig mit Nebenwirkungen wie einer unangenehmen Übelkeit verbunden ist, die die Behandlung für die meisten Patienten nicht akzeptabel macht. Die Forscher hatten die Patienten außerdem nicht nachbeobachtet, so dass unklar blieb wie lange die Wirkung anhält.

In einer Phase-2-Studie wurde deshalb neben 50 % Lachgas auch 25 % Lachgas mit einer Placebo­behandlung verglichen. An der Studie nahmen 20 Patienten teil, die im Durchschnitt seit 17,5 Jahren an einer Majordepression litten und auf median 4,5 Antidepressiva nicht angesprochen hatten. Der mediane HDRS-21-Score („Hamilton Depression Rating Scale, 21 Items“) betrug bei der Aufnahme 20,5 und der mediane MADRS-Score („Montgomery-Asberg Depression Rating Scale“) 30. Beides zeigte eine schwere therapieresistente Majordepression an.

Die Patienten erhielten in einem Cross-Over-Design nacheinander alle 3 Behandlungen mit Intervallen von 1 Monat. Wie Nagele und Mitarbeiter berichten, kam es bei 11 von 20 Patienten (55 %) zu einer signifikanten Verbesserung in mindestens der Hälfte ihrer depressiven Symptome, 8 Patienten (40 %) waren nach der einstündigen Behandlung mit Lachgas nicht mehr depressiv.

Eine signifikante Wirkung wurde bereits mit der niedrigen Dosis von 25 % erzielt. Der HDRS-21 war bereits 2 Stunden nach der Behandlung gegenüber der Placebogruppe um 0,75 Punkte gesunken. Nach 24 Stunden betrug der Rückgang 1,41 Punkte und nach 2 Wochen 5,19 Punkte. Die Behandlung mit 50 % Lachgas erzielte eine etwas bessere Wirkung mit einem Rückgang des HDRS-21 gegenüber der Placebogruppe nach 2 Stunden um 0,87 Punkte, nach 24 Stunden um 1,93 Punkte und nach 2 Wochen um 7,00 Punkte.

Es kam zwar auch zu einer gewissen Placebowirkung, die sich nicht genau abschätzen lässt, da die Patienten den Unterschied zwischen Lachgas und normaler Luft erkannten. An einer antidepressiven Wirkung von Lachgas ist laut Nagele jedoch nicht zu zweifeln.

Die niedrigere Dosis von 25 % Lachgas hat den Vorteil, dass es nur selten zu Kopfschmerzen (2 Patienten) oder Übelkeit (1 Patient) gekommen ist (gegenüber 4 und 5 Patienten nach der höheren Dosierung). Dies könnte die Behandlung für viele Patienten akzeptabel machen. Bei einem Dosierungsintervall von 1 Monat oder länger könnte die Behandlung auch klinisch praktikabel sein.

Ein Vorteil gegenüber Ketamin könnte laut Mitautor Charles Conway von der Washington University School of Medicine in St. Louis darin bestehen, dass die betäubende Wirkung sehr schnell nachlässt. Die Patienten könnten ähnlich wie nach einer Behandlung in der Zahnarztpraxis (wo in den USA weiterhin häufig Lachgas eingesetzt wird) wieder nach Hause fahren. Nach der Behandlung mit Ketamin müssten die Patienten nach der Behandlung über mindestens 2 Stunden lang beobachtet werden. Danach könnten sie nur in Begleitung nach Hause fahren. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #592022
Durst
am Montag, 9. August 2021, 09:40

Nur in Begleitung nach hause fahren?

Seit wann sind Patienten mit schwersten Depressionen überhaupt fahrtauglich? Eine doch sehr befremdliche Argumentation als ein "Behandlungsvorteil"....
Avatar #670845
frankpoehn
am Dienstag, 27. Juli 2021, 15:01

Nicht der Patient lacht....

....sondern das Auditorium.
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