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COVID-19-Impfung für Kinder: Wie Länder bei gleicher Evidenz zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen

Freitag, 11. Juni 2021

/Africa Studio, stock.adobe.com

Berlin – Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die COVID-19-Impfung nur für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen. In anderen Ländern, etwa Großbritannien, den USA und bald auch Österreich, werden dagegen alle Kinder geimpft. Oft stecken dahinter politische Gründe, doch „es herrschen auch nicht in allen Ländern die gleichen Voraussetzungen“, betonte der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens heute bei einer Pressekonferenz. Die mit COVID-19 einhergehende Krankheitslast könne zum Beispiel sehr unterschiedlich sein.

Das geringe Risiko für schwere Verläufe in Kombination mit unzureichenden Sicherheitsdaten bei 12- bis 15-Jährigen hatte die STIKO zu ihrer eingeschränkten Impfempfehlung für diese Altersgruppe bewogen.

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In einer solchen Situation „prallen zwei Perspektiven aufeinander“, erklärte Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems in Österreich. Aus epidemiologischer Perspektive ergebe es Sinn, möglichst viele Personen möglichst rasch zu impfen, um Herdenimmunität zu erreichen.

Die Perspektive der evidenzbasierten Medizin erfordere dagegen ein „sehr sorgfältiges Abwägen zwischen Nutzen und potenziellen Risiken“, um herauszufinden ob es für „den durchschnittlichen Jugendlichen einen Nettonutzen gibt“.

Bei niedriger Inzidenz und fehlenden Langzeitdaten zur Sicherheit spiele der Nutzen des einzelnen Jugendlichen aufgrund eines geringeren Risikos für schwere Erkrankungen eine große Rolle, so Gartlehner weiter. „Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin ist die Entscheidung der STIKO absolut nachvollziehbar und die einzig Richtige.“

„Wir haben Zeit, auf bessere Daten zu warten“

Der Gesundheitswissenschaftler wies außerdem darauf hin, dass keine besondere Dringlichkeit besteht, jetzt im Juni oder Juli alle 12- bis 15-Jährigen durchzuimpfen. „Wir haben die Zeit und den Luxus abzuwarten, bis bessere Daten vorliegen.“

Diese Zeit nehmen sich die politischen Entscheidungsträger mitunter nicht. In Deutschland hatte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) noch vor der Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für diese Altersgruppe angekündigt, dass allen Kindern ein Impfangebot gemacht werden soll. Angedacht war unter anderem, Millionen von Impfstoffdosen für die Impfung zurückzulegen.

„Wir würden uns immer wünschen, dass auch politische Entscheidungsträger die Evidenz mit einbeziehen, bevor sie euphorisch vorpreschen und Ankündigungen machen, das war in Österreich nicht anders als in Deutschland“, berichtete Gartlehner.

Er lobte, dass in Deutschland mittlerweile wieder „rationalere Entscheidungen getroffen werden“, in Österreich sei das noch nicht der Fall. In der Alpenrepublik ist der Plan weiterhin, über den Sommer rasch beginnend möglichst viele 12- bis 15-Jährige durchzuimpfen. „Aus evidenzbasierter Sicht ergibt das nicht wirklich Sinn“, so Gartlehner.

Populationen sind nicht immer vergleichbar

Dass die Populationscharakteristika, wie in Deutschland und Österreich, gut vergleichbar sind, gilt allerdings nicht für alle Länder. „Das kann schon in der EU unterschiedlich sein“, sagte Mertens. Das sei der Grund, weshalb es sowohl der Zulassung bedürfe, aber auch einer Impfempfehlung für Deutschland.

Er verwies zum Beispiel auf die USA, wo von einer anderen mit COVID-19 einhergehenden Krankheitlast auszugehen sei. „Wenn in einem Land wie den USA die Zahl der Kinder mit metabolischem Syndrom und damit erhöhtem Risiko sehr viel höher ist“, dann ist dem STIKO-Vorsitzenden zufolge auch die Krankheitslast deutlich höher. Dadurch könne die Bewertung der gleichen Evidenz ganz anders ausfallen. © nec/aerzteblatt.de

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