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Politik

Krankenhäuser müssen sich auf dauerhaft niedrigere Fallzahlen einstellen

Donnerstag, 17. Juni 2021

/picture alliance, Bernd Wüstneck

Berlin – Die Krankenhäuser müssen sich dauerhaft auf sinkende Fallzahlen im stationären Bereich ein­stellen. Davon gingen Experten gestern auf dem Hauptstadtkongress in Berlin aus.

„2022 wird die Auslastung in den Krankenhäusern unter anderem durch ambulante Prozessoptimierung deutlich zurückgehen“, meinte der Geschäftsführer der Knappschaft Kliniken, Andreas Schlüter. „Studien gehen von einem Rückgang von fünf bis zehn Prozent der Fallzahlen aus. Der Wachstumsmarkt ist vorbei. Und die Krankenhäuser müssen sich entwickeln.“

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Während der Pandemie hätten die Krankenhäuser im Jahr 2020 ihre Prozesse infolge des Anreizes, für leere Betten Geld zu erhalten, extrem optimiert. „Das führte zu einer niedrigen Auslastung“, so Schlüter.

„Heute gibt es viele verängstigte Patienten, sodass auch die Praxen der niedergelassenen Ärzte relativ leer sind. Und wenn weniger Menschen zum Hausarzt gehen, kann der Hausarzt auch nur weniger Pa­tien­ten ins Krankenhaus überweisen.“

Viele Krankenhäuser werden es nicht schaffen

„2021 werden die Krankenhäuser deutliche Probleme kriegen“, meinte Schlüter. „Ich gehe davon aus, dass die Hälfte der Krankenhäuser defizitär sein werden. Denn die Ausgleichszahlungen sind Mitte Juni weg­gefallen.“

Zwar gebe es 2021 noch einen Mindererlösausgleich, allerdings sei dieser um zwei Prozent im Vergleich zu 2019 abgesenkt. „Das kann sich dann schon einmal auf ein bis zwei Millionen Euro belau­fen“, so Schlüter.

Gleichzeitig seien die Kosten ebenso wie der Personalschlüssel angestiegen. Der ärztliche Dienst wachse weiter und die Facharztquote sei in Nordrhein-Westfalen angehoben worden. „In der Summe wird das dazu führen, dass es viele Krankenhäuser im Jahr 2021 nicht schaffen werden“, so Schlüter.

Schöpferische Zerstörung

Die Autoren des Krankenhaus Rating Reports haben in ihrem aktuellen, gestern vorgestellten Report er­rechnet, was es für die Krankenhäuser wirtschaftlich bedeuten könnte, wenn die Fallzahlen dauerhaft niedrig bleiben.

„Wenn die Fallzahlen 2022 wieder auf das alte Niveau steigen würden, würde die Zahl der Kranken­häu­ser mit einem negativen Jahresergebnis in unserer Projektion von 33 Prozent im Jahr 2019 zunächst auf zwölf Prozent im Jahr 2020 sinken, bevor sie bis 2030 kontinuierlich wieder auf 34 Prozent anzu­steigen würden“, erklärte Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Reports.

„Bleiben die Fallzahlen aber auf dem Niveau der Jahre 2020 und 2021 würde die Zahl der Krankenhäuser mit einem negativen Jahresergebnis schon 2022 auf 71 Prozent ansteigen, um dann bis 2030 weiter auf 84 Prozent zu wachsen.“

„Sollten die Patienten nicht mehr in dem Maße in die Krankenhäuser zurückkehren wie im Jahr 2019 haben wir plötzlich Überkapazitäten“, sagte Augurzky. „Dann bräuchten wir ab dem Jahr 2022 eine schöp­ferische Zerstörung. Wir gehen davon aus, dass sich die Krankenhauskapazitäten dann um 15 Prozent reduzieren müssten.“

Eine halbe Million Köpfe zu wenig

Zu der Fallzahlreduktion im Krankenhaus komme in den 2020er-Jahren die demografische Entwicklung. „Die ersten Jahrgänge der Babyboomergeneration gehen jetzt in Rente“, sagte Augurzky. „Pro Jahr gibt es zwischen 2020 und 2030 etwa 1,2 Millionen Menschen, die das 65. Lebensjahr erreichen. Gleichzeitig gibt es nur etwa 750.000 20-Jährige. Es fehlen also eine halbe Million Köpfe.“

Hinzu komme neben den aufzubringenden Sozialversicherungsbeiträgen, dass viele junge Menschen einen Fokus auf die Work-Life-Balance setze und in Teilzeit arbeite. „Ich sehe noch nicht ganz, wie man das zusammenbringen kann“, sagte Augurzky. „Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der jeder unzufrieden ist.“

Man könne diese Situation aber auch als Chance begreifen. „Denn jetzt sind wir dazu gezwungen, ernst­haft über Lösungen für Probleme nachzudenken, die uns schon seit 20 Jahren begleiten“, sagte der Esse­ner Gesundheitsökonom.

„Wir brauchen jetzt ein neues Zielbild, sonst kommen wir nicht durch dieses Jahrzehnt. Ich würde in die Richtung gehen: Ethisch ist, was Ressourcen spart. Wenn wir eine halbe Million Menschen weniger für die Arbeit haben, muss man froh über jede intelligente Lösung sein, die Arbeit einspart.“

Ganzheitliche regionale Versorgung

Augurzky warb dafür, das Krankenhaus neu zu denken – nicht nur als Ort für eine stationäre Versorgung, sondern als Zentrum für eine fachärztliche Versorgung. „2030 könnten wir in einer Welt leben, in der Leis­tungserbringer in einem solchen Zentrum eine ganzheitliche Grundversorgung anbieten und dabei die Verantwortung für die regionale Versorgung übernehmen“, sagte Augurzky.

Diese Zentren wären dann telemedizinisch angedockt an einen größeren regionalen Versorger, der eine gesamte Region versorgt und der wiederum an eine universitäre Spitzenmedizin angedockt sei.

Zudem forderte Augurzky, dass auch die Krankenkassen mehr unternehmerisch handeln dürfen, ohne dass sie von ihrer Aufsicht ausgebremst werden. „Die Krankenkassen stehen im Wettbewerb zueinander und wenn sie unternehmerisch Mist bauen, werden sie durch den Wettbewerb abgestraft“, sagte er. Eine Aufsicht, die nur Erbsen zähle, brauche man deshalb nicht. © fos/aerzteblatt.de

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