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Medizin

Studie: Krebsmedikament Imatinib könnte Mortalität von COVID-19-Patienten senken

Dienstag, 22. Juni 2021

/picture alliance, Carrie Antlfinger

Amsterdam – Der Kinase-Inhibitor Imatinib, der bei anderen Erkrankungen eine Funktionsstörung der Blutkapillaren in den Lungen verhindert hat, konnte in einer randomisierten Studie in den Niederlanden bei Patienten mit COVID-19 die Dauer der Sauerstoffbehandlung oder Beatmung zwar nicht reduzieren. Es kam laut der Publikation in Lancet Respiratory Medicine (2021; DOI: 10.1016/S2213-2600(21)00237-X) jedoch zu einem deutlichen Rückgang der Sterblichkeit, der weitere Studien sinnvoll erscheinen lässt.

Zu den pathologischen Veränderungen von COVID-19 gehört die Zerstörung von Endothelien. Die Folge ist ein „capillary leak“ mit dem Eintritt von Flüssigkeit in das Gewebe. In den Lungen kommt es zu einem alveolären Ödem, das den Gasaustausch stört und mitverantwortlich ist für das akute Lungenversagen vieler Patienten. Die Zerstörung des Endothels begünstigt außerdem die Bildung von Thrombosen in den kleinen Lungengefäßen, was die Oxygenierung des Blutes weiter erschwert.

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Der Kinase-Inhibitor Imatinib, der vor 2 Jahrzehnten zur Behandlung der chronischen myeloischen Leu­kämie (CML) eingeführt wurde, gehört zu den derzeit diskutierten Wirkstoffen gegen ein „capillary leak“. Imatinib hat außerdem in einem präklinischen Screening an Lungenorganoiden eine Wirkung gegen SARS-CoV-2 gezeigt. Die gute Verträglichkeit machte Imatinib für ein „Repurpusing“ interessant, bei dem gegen andere Erkrankungen zugelassene Medikamente in klinischen Studien auf ihre Wirksam­keit bei COVID-19 getestet werden.

In den Niederlanden wurde eine 1. kontrollierte klinische Studie zu Imatinib durchgeführt. An 13 Zen­tren wurden von Ende März 2020 bis Anfang Januar 2021 insgesamt 385 Patienten auf eine Behandlung mit Imatinib (400 mg/die über 9 Tage nach einer Erstdosis von 800 mg) oder Placebo randomisiert.

Die Patienten erhielten zusätzlich die übliche Standardbehandlung, zu der seit Mitte letzten Jahres auch Dexamethason gehört. Insgesamt 72 % der Studienteilnehmer erhielten das Steroid, das in der RECOVERY-Studie die Prognose der Patienten verbessert hat.

Da es keinen Standardtest für ein „capillary leak“ gibt, wurden für die Studie Patienten ausgewählt, bei denen ein hypoxämisches Atemversagen (SaO2 <94 %, PaO2 <9 kPa) vorlag, das eine häufige Konse­quenz des „capillary leak“ ist. Primärer Endpunkt war die Dauer bis zur Beendigung der Sauerstoffgabe oder der Beatmung.

Wie das Team um Harm Bogaard von der Vrije Universiteit Amsterdam berichtet, blieb Imatinib hier ohne Wirkung. In den ersten 28 Tagen konnte in der Imatinibgruppe bei 160 von 197 Patienten (81 %) die Sau­erstoffgabe oder die Beatmung beendet werden. In der Placebogruppe war dies bei 143 von 188 Patien­ten (76 %) der Fall. Die Hazard Ratio von 0,95, war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,76 bis 1,20 nicht signifikant.

Trotz dieses enttäuschenden Ergebnisses war die Behandlung kein Misserfolg: In der Imatinibgruppe waren am Tag 28 nur 15 Patienten verstorben (8 %) gegenüber 27 Patienten (14 %) in der Placebo­gruppe. Dies ergibt eine Hazard Ratio von 0,51, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,27 bis 0,95 signifi­kant war. Auch die Dauer der mechanischen Beatmung konnte von 12 auf 7 Tage verkürzt werden. Die Patienten konnten nach median 8 Tagen gegenüber 15 Tagen in der Placebogruppe aus der Intensiv­station entlassen werden.

Diese Vorteile in den sekundären Endpunkten können aus verschiedenen Gründen nicht als sicherer Beweis für eine Wirkung von Imatinib gewertet werden. So war kein signifikanter Unterschied in der Mortalität mehr nachweisbar, wenn Ungleichverteilungen zwischen den beiden Gruppen in Geschlecht, Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Risiken in die Berechnung der Hazard Ratio einbezogen wurden. Auch lässt sich der Einfluss auf die Sterblichkeit nach 28 Tagen noch nicht abschließend beurteilen.

Die Ergebnisse der Studie reichen deshalb nach Einschätzung von David Bernal-Bello vom Hospital Universitario de Fuenlabrada in Madrid nicht aus, um den Einsatz von Imatinib bei Patienten mit einem hypoxischen Lungenversagen zu rechtfertigen, obwohl sich Imatinib als gut verträglich erwiesen und vermutlich keinem Patienten geschadet hat.

Der Editorialist rät, die Ergebnisse weiterer Studien abzuwarten. Dazu gehört die unter Leitung von Bernal-Bello derzeit in Spanien durchgeführte Covid19COVINIB-Studie, die neben Imatinib auch die Wirksamkeit des Jak-Inhibitors Baricitinib gegen Placebo untersucht, sowie eine weitere Studie aus den USA, in der Imatinib nur mit Placebo verglichen wird. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #736261
Dr. Peter Pommer
am Dienstag, 22. Juni 2021, 21:58

Reproting bias

Liebes Ärzteblatt,
bekanntermaßen sind nur DIE Ergebnisse einer Studie wissenschaftlich relevant, die zu den primären Endpunkten gehören. Und die hat Imatinib nicht erreicht, vermutlich ist es also völlig wirkungslos.
Spekulationen zu weiteren sekundären oder nachträglichen Endpunkten sind unserös und allenfalls im Interesse einer Firma, die mit dieser neuen Indikation wieder großes Geld mit einem Blockbuster versuchen könnte zu machen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Peter Pommer
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