NewsMedizinTyp-2-Diabetes: Dualer GIP- und GLP-1-Agonist Tirzepatid senkt Blutzucker und Körpergewicht stärker
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Typ-2-Diabetes: Dualer GIP- und GLP-1-Agonist Tirzepatid senkt Blutzucker und Körpergewicht stärker

Montag, 28. Juni 2021

/fovito, stock.adobe.com

Dallas und Los Angeles – Der duale GLP-1/GIP-Rezeptoragonist Tirzepatid hat in mehreren zulassungs­relevanten Studien den Blutzucker von Typ-2-Diabetikern deutlich gesenkt, ohne dass es zu einem An­stieg von Hypoglykämien kam.

Das „Twincretin“ erzielte nicht nur eine deutlich bessere Wirkung als Placebo. In 2 Vergleichsstudien konnte Tirzepatid auch gegenüber einem Insulinanalogon und einem GLP-1-Rezeptoragonisten überzeu­gen.

Die jetzt auf der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) vorgestellten und im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01324-6) und im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2107519) publizierten Ergebnisse dürften die Grundlage für eine Zulassung schaffen, die der Hersteller noch in diesem Jahre erhofft.

Der duale GLP-1/GIP-Rezeptoragonist Tirzepatid simuliert die Wirkung von 2 körpereigenen Hormonen, die auch als Inkretine bezeichnet werden. Das 1. Hormon ist das „Glucagon-like Peptid 1“ (GLP-1), das nach den Mahlzeiten von den L-Zellen in Ileum und Kolon freigesetzt wird.

Das 2. Hormon ist das glukoseabhängige insulinotrope Peptid (GIP), das von K-Zellen des Duodenums und des Jejunums produziert wird. Beide Hormone fördern die Insulinsynthese (GLP-1) oder die Insulin­freisetzung (GIP) aus den Betazellen des Pankreas. GLP-1 hemmt zudem die Magenentleerung, was den Appetit senkt und zu einer Gewichtsreduktion beiträgt. Der selektive GLP-1-Agonist Semaglutid ist in den USA auch zur Behandlung der Adipositas zugelassen.

Die Wirkung auf das Insulingegenhormon Glucagon ist gegensätzlich: GLP1 hemmt die Freisetzung (aller­dings nur bei hohen Glukosewerten) von Glucagon, GIP steigert sie. Dies könnte Auswirkungen auf das Hypoglykämierisiko haben: Bei einer Unterzuckerung wird normalerweise Glucagon freigesetzt, um den Blutzucker zu steigern.

Ein Medikament, das die Wirkung der beiden Inkretine kombiniert, verspricht deshalb eine stärkere Blut­zuckersenkung bei einem geringeren Hypoglykämierisiko. Eine Gewichtsreduktion wäre ein Zusatz­nutzen, der bei den zumeist übergewichtigen und adipösen Typ-2-Diabetikern willkommen wäre.

In der Studie SURPASS-1 wurde Tirzepatid, das 1 Mal wöchentlich subkutan injiziert werden muss, in 3 Dosierungen 5 mg, 10 mg oder 15 mg mit Placebo verglichen: Bei den 478 Teilnehmern war der Diabe­tes erst seit 4,7 Jahren bekannt, und sie erhielten zu Studienbeginn bei einem medianen HbA1c-Wert von 7,9 % noch keine anderen Diabetesmedikamente.

Wie Julio Rosenstock vom Dallas Diabetes Research Center und Mitarbeiter berichten, senkte Tirzepatid bereits in der niedrigen Dosierung von 5 mg den HbA1c-Wert im Mittel um 1,87 %-Punkte. Bei der Dosis von 10 mg ging der HbA1c-Wert im Mittel um 1,89 %-Punkte und in der höchsten Dosierung von 10 mg um 2,07 %-Punkte zurück, während es in der Placebogruppe zu einem Anstieg um 0,04 %-Punkte kam.

Die Mehrzahl der Teilnehmer erreichte unter der Behandlung nach 40 Wochen einen HbA1c-Wert von unter 7 % (87 % in der 5 mg-Dosierung, 92 % in der 10 mg-Dosierung und 88 % in der 15 mg-Dosierung gegenüber 20 % in der Placebogruppe), der keine Intensivierung der Therapie erforderlich macht. Bei 34 % (5 mg), 31 % (10 mg) und 52 % (15 mg) der Teilnehmer wurde der HbA1c-Wert sogar auf unter 5,7 % gesenkt, der einen normalen Blutzucker anzeigt (in der Placebogruppe weniger als 1 %).

Parallel zum Blutzucker sank auch das Körpergewicht um 7,9 % (5 mg), 9,3 % (10 mg) und 11,0 % (15 mg), was bei den zumeist adipösen Patienten (BMI vor der Behandlung 31,9 kg/m2) ein gewünschter Be­gleiteffekt war.

Die Behandlung erwies sich als sicher. In der Tirzepatidgruppe kam es bei keinem Patienten zu einer schweren Hypoglykämie oder einem Abfall des Blutzuckers auf unter 54 mg/dl. Die Gewichtsabnahme hatte auch günstige Auswirkungen auf die Blutfette: Unter der höchsten Dosis von Tirzepatid ging das Gesamtcholesterin um 8,4 % und die Triglyceride um 21,0 % zurück. Das LDL-Cholesterin wurde um 12,4 % reduziert, das HDL-Cholesterin stieg um 7,5 % an.

In der SURPASS-2-Studie wurde Tirzepatid in denselben 3 Dosierungen mit dem selektiven GLP-1-Ago­nisten Semaglutid (1 mg subkutan einmal pro Woche) verglichen. An der internationalen Studie (ohne deutsche Beteiligung) nahmen an 128 Zentren 1.879 Patienten teil, die im Mittel seit 8,6 Jahren an ei­nem Typ-2-Diabetes litten und deren HbA1c-Wert bereits auf 8,28 % angestiegen war, obwohl alle Pa­tien­ten bereits mit Metformin behandelt wurden. Der BMI betrug 34,2 kg/m2. Die Mehrzahl der Teil­nehmer war damit adipös.

Wie Juan Frías vom National Research Institute in Los Angeles und Mitarbeiter berichten, erzielte der duale GLP-1/GIP-Agonist Tirzepatid eine bessere Wirkung als der einfache GLP-1-Agonist. Der HbA1c-Wert sank in den 3 Dosierungen von Tirzepatid nach 40 Wochen um 2,01 %-Punkte, 2,24 %-Punkte und 2,30 %-Punkte gegenüber einem Rückgang um 1,86 %-Punkte unter der Behandlung mit Semaglutid. Die Vorteile von Tirzepatid waren bei allen Dosierungen signifikant. Unter der höchsten Dosis von Tirzepatid erreichten 86 % einen HbA1c-Wert von unter 7 %. Bei 46 % ging der HbA1c-Wert sogar auf unter 5,7 % zurück (in der Semaglutidgruppe 79 % und 19 %).

Auch bei der Gewichtsabnahme erzielte Tirzepatid eine bessere Wirkung. Die zu Beginn 93,7 kg schweren Teilnehmer verloren in den 3 Dosisgruppen 7,6 kg, 9,3 kg beziehungsweise 11,2 kg an Gewicht im Ver­gleich zu einem Rückgang um 5,7 kg in der Semaglutidgruppe. Interessanterweise hatten die Gewichts­kurven nach 40 Wochen noch kein Plateau erreicht, so dass sogar noch eine weitere Gewichtsabnahme möglich erscheint.

Hypoglykämien waren selten. In den Tirzepatidgruppen kam es bei 3 Patienten (0,6 %), 1 Patienten (0,2 %) und 8 Patienten (1,7 %) zu einem Abfall des Blutzuckers auf unter 54 mg/dl. Bei 2 Patienten (1 Mal in der 5-mg-Dosierung und 1 Mal unter der 15-mg-Dosierung) kam es zu einer schweren Hypoglykämie, von der sich die Patienten jedoch erholten). In der Semaglutidgruppe fiel der Blutzucker bei 2 Patienten (0,4 %) unter 54 mg/dl. Zu einer schweren Hypoglykämie kam es nicht.

Bereits im Mai hatte der Hersteller die Ergebnisse der SURPASS-4-Studie vorgestellt, in der Tirzepatid mit Insulin Glargin verglichen wurde. Die 2.002 Teilnehmer der Studie litten seit 11,8 Jahren an einem Typ-2-Diabetes mit einem HbA1c-Wert von 8,52 % und einem Körpergewicht von 90,3 kg. Mehr als 85 % der Teilnehmer hatten bereits ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten. Im Insulin Glargin-Arm wurde ein Nüchternblutzucker von unter 100 mg/dl angestrebt. Dazu musste die Insulin Glargindosis von 10 Ein­heiten vor Beginn der Studie auf 43 Einheiten Insulin Glargin pro Tag erhöht werden.

Unter der Behandlung mit Tirzepatid kam es unter der höchsten Dosierung zu einem Rückgang des HbA1c-Werts um 2,58 %-Punkte gegenüber einem Rückgang von nur 1,44 %-Punkten in der Insulin Glargingruppe. Die Behandlung mit Tirzepatid führte zu einer Gewichtsabnahme um 11,7 kg (unter der höchsten Dosis), während die Patienten unter der Behandlung mit Insulin Glargin 1,9 kg zunahmen.

Ein Nachteil von Tirzepatid sind (neben der Notwendigkeit einer subkutanen Applikation) die häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen. In der SURPASS-4-Studie kam es unter den 3 Dosierungen bei 11,9 %, 15,9 % und 22,2 % zu Übelkeit, bei 12,2 %, 19,5 % und 20,4 % zu Durchfällen und bei 4,9 %, 8,2 % und 8,3 % zu Erbrechen. Insgesamt 8,2 %, 7,3 % und 8,9 % der Patienten brachen die Behandlung vorzeitig ab.

Da keine schweren Sicherheitsprobleme aufgetreten sind, dürfte Tirzepatid als 1. dualer GLP-1/GIP-Rezeptoragonist demnächst zugelassen werden. Wie bei Antidiabetika üblich wird die Zulassung von der FDA an die Durchführung einer Endpunktstudie geknüpft, mit der der Hersteller bereits begonnen hat.

Die Studie SURPASS-CVOT prüft derzeit ob es unter der Behandlung mit Tirzepatid bei 12.500 Teilneh­mern mit atherosklerotischen Vorerkrankungen seltener (oder häufiger) zu weiteren Herz-Kreislauf-Er­eignissen kommt als unter der Behandlung mit dem GLP-1-Agonisten Dulaglutid. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER