NewsMedizinZöliakie: Transgluta­minase-2-Inhibitor schützt die Darmschleimhaut
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Zöliakie: Transgluta­minase-2-Inhibitor schützt die Darmschleimhaut

Montag, 5. Juli 2021

/Johanna Mühlbauer, stock.adobe.com

Mainz – Die Einnahme eines Transglutaminase-2-Inhibitors, der in der Darmmukosa die Umwandlung von Gluten in den Auslöser einer Immunreaktion verhindert, kann Patienten mit Zöliakie vor einer Schä­digung der Darmschleimhaut schützen. Dies zeigen die jetzt im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2032441) veröf­fentlichten Ergebnissen einer „Proof of Principle“-Studie.

Erst in den vergangenen Jahren wurde erkannt, dass das Enzym Transglutaminase 2 in der Mukosa des Dünn­darms eine Schlüsselrolle in der Pathogenese der Zöliakie spielt. Das Enzym verändert durch eine Desa­minierung die Oberflächenspannung des Klebereiweißes Gluten. Erst dadurch kann Gluten an HLA-DQ2- oder HLA-DQ8-Molekülen auf der Oberfläche von Antigen-präsentierenden Zellen binden.

Dies führt zur Aktivierung von T-Helfer-Zellen, die dann durch Sekretion von proinflammatorischen Zytokinen die Schleim­haut schädigen und die für die Erkrankung typische Atrophie der Darmzotten auslösen. Dies schränkt die Aufnahme von Nährstoffen durch die Schleimhaut ein und verursacht eine lebensgefähr­liche Malabsorption.

Die Einblicke in die Pathogenese haben zu einem neuen Behandlungskonzept geführt. Der Wirkstoff ZED1227 blockiert die Transglutaminase 2 und verhindert dadurch, dass ein desaminiertes Gluten das Immunsystem aktiviert.

Nachdem sich ZED1227 in einer Phase-1-Studie als sicher erwiesen hat, wurden in einer Phase-2-Studie 159 Patienten mit nachgewiesener Zöliakie mit ZED1227 in 3 Dosierungen oder mit Placebo behandelt. Die Teilnehmer nahmen den Wirkstoff über 6 Wochen jeden Morgen auf nüch­ternen Magen ein. Eine halbe Stunde später aßen sie einen Keks, der 3 Gramm Gluten enthielt.

In der Placebogruppe haben die Kekse den Krankheitsprozess, der zuvor durch eine glutenfreie Diät kon­trolliert werden konnte, erneut gestartet. Wie Detlef Schuppan vom Institut für Translationale Immunolo­gie an der Universitätsmedizin Mainz und Mitarbeiter berichten, hatten die Darmzotten in der Kontroll­biop­sie nach 6 Wochen bereits wieder deutlich an Höhe verloren. Gleichzeitig hatte die Tiefe der Krypten zugenommen. Der Quotient aus Zottenhöhe und Kryptentiefe war in der Placebo-Gruppe um 0,61 zurück­gegangen.

In den 3 Behandlungsgruppen konnte die erneute Entwicklung einer Zottenatrophie weitgehend verhin­dert werden. Bei den Patienten, die 10 mg ZED1227 eingenommen hatten, war der Quotient nur um 0,17 zurückgegangen. Unter der Dosis von 50 mg ZED1227 war der Quotient um 0,12 und unter der Dosis von 100 mg um 0,13 gesunken. Die Unterschiede zur Placebogruppe waren in allen 3 Gruppen signifikant, was beweist, dass die Behandlung die Entwicklung einer Zottenatrophie verhindern kann.

Auch die Zahl der Entzündungszellen (intraepitheliale Lymphozyten) ging mit steigender Dosierung von ZED1227 um 2,7/100 Epithelzellen, 4,2/100 Epithelzellen und 9,6/100 Epithelzellen zurück. Die präven­tive Einnahme des Transglutaminase-2-Inhibitors verhinderte, dass es in der Darmschleimhaut erneut zu einer Entzündung kam.

Unter der höchsten Dosierung von 100 mg ZED1227 konnte auch das Auftreten von Symptomen und eine Verschlechterung der Lebensqualität verhindert werden. In dieser Gruppe kam es allerdings bei 3 von 40 Patienten zu einem Hautausschlag, der eine mögliche Nebenwirkung der Behandlung ist.

Der Hersteller will die Sicherheit und Effektivität der Behandlung jetzt in einer Phase-2-Studie prüfen. ZED1227 wäre das erste wirksame Medikament bei einer Zöliakie. Bisher können die Patienten die Symp­tome nur vermeiden, indem sie völlig auf glutenhaltige Nahrungsmittel verzichten. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #784627
nutribonn
am Dienstag, 6. Juli 2021, 15:21

Zöliakie ist kein Industrie-Problem

@hhhwschmidt Nur weil mikrobielle Tranglutaminasen in Lebensmitteln verwendet werden (und in den meisten durch erhitzen wieder deaktiviert werden) gibt es keinen Grund anzunehmen, dass diese mit der Entstehung von Zöliakie in Verbindung stehen. Laut BfR https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/transglutaminase-in-fleischerzeugnissen.pdf ist auch nicht geklärt ob die mikrobiellen Transglutaminasen für Betroffene ein Risiko darstellen.
Avatar #832587
hhhwschmidt
am Montag, 5. Juli 2021, 18:05

Ein Industrie-Problem, dass durch Arzneimittel gelöst werden soll?

Es existiert die Hypothese, die darauf beruht, dass eine verwandte Klasse eines bakteriellen Enzyms, mikrobielle Transglutaminase (mTg), in den letzten Jahren vermehrt in der industriellen Lebensmittelverarbeitung eingesetzt wird. mTg werden zunehmend als Lebensmittel-"Kleber" in Backwaren, Milchprodukten, Meeresfrüchten und Fleischwaren eingesetzt. Nahrungs-Gluten könnte durch mTg im Darm, vor der Absorption, oder sogar außerhalb des Körpers im Falle von gebackenen Weizenprodukten mit mTg "aktiviert" werden. So könnte es sich bei der dramatischen Zunahme der Zöliakie tatsächlich um eine Folge industrieller Lebensmittelverarbeitung handeln.
LNS
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER