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Politik

Hecken plädiert für tiefgreifende Krankenhausreform

Montag, 5. Juli 2021

/picture alliance, dpa

Berlin – Deutschland benötigt eine grundlegende Reform der Krankenhausversorgung. Dieser Ansicht ist der Unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Josef Hecken. Mehr als ein Drittel der Kliniken in Deutschland seien für die medizinische Versorgung nicht nötig, sagte er der Frank­furter Allgemeinen Sonntagszeitung.

„Zurzeit haben wir 1.900 Krankenhäuser in Deutschland. 1.200 Kliniken wären jedoch genug, um die Ver­sorgung im Notfall sicherzustellen“, erklärte Hecken. Dann wäre immer noch von jedem Ort innerhalb von dreißig Minuten eines dieser Krankenhäuser zu erreichen.

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Außerdem müssten die Kliniken künftig die Arbeit klüger untereinander aufteilen, so Hecken weiter. Klei­nere Krankenhäuser auf dem Land sollten sich auf einfache Eingriffe beschränken, während anspruchs­volle Operationen nur in darauf spezialisierten Zentren durchgeführt werden sollten. „Das wäre gut für die Wirtschaftlichkeit und für die medizinische Qualität.“

Bestimmte Behandlungen ab einer vorher festgelegten Schwere der Erkrankung auszuschließen, könne man „ethisch nicht vertreten“, ergänzte Hecken auf die Frage nach möglichen Einsparungen. Allerdings sehe er zum Beispiel bei Krebspatienten eine aus seiner Sicht bedenkliche Entwicklung.

„Nur 16 Prozent der schwer kranken Krebspatienten werden in ihrer letzten Lebenswoche palliativ ver­sorgt, bekommen also nur eine Schmerzbehandlung ohne weitere Eingriffe“, erklärte der G-BA-Chef. Bei mehr als 20 Prozent der Krebspatienten hingegen werde in der Woche vor ihrem Tod noch eine Therapie oder Operation durchgeführt, bei 8,5 Prozent sogar eine Wiederbelebung.

„Welcher Mehrwert für die Patienten ist davon noch zu erwarten?“, fragte Hecken. Er betonte, die Pallia­tiv­versorgung müsse für die Kliniken auch finanziell attraktiver werden.

2020 haben die Krankenkassen nach eigenen Angaben rund 80 Milliarden Euro für Krankenhausleistun­gen ausgegeben, dazu kamen elf Milliarden Euro vom Bund. Die Ausgaben für Arzneimittel und nieder­ge­las­sene Ärzte seien jeweils rund halb so hoch gewesen.

Um den zu erwartenden weiteren Anstieg der Krankenhauskosten zu bremsen, sei eine umfassende Struk­­turreform nötig, forderte Hecken. Dafür müssten jedoch die Länder, die zuletzt nur rund drei Milliar­den Euro zur Finanzierung der Kliniken beigetragen hätten, auf ihre im Grundgesetz festge­schriebene Planungshoheit über die Krankenhäuser verzichten.

„Jede Landesregierung versucht, jedes ihrer Krankenhäuser zu retten. In vielen Fällen geht es dabei nicht primär um die medizinische Versorgung der Bürger, die stets als hehrer Zweck genannt wird, sondern schlicht um den Erhalt der Arbeitsplätze im Krankenhaus“, so Hecken.

Auch die Krankenkassen sehen Reformbedarf bei den Kliniken. Es brauche die Sicherung der notwendi­gen Landkrankenhäuser, mehr Spezialisierung für besonders schwere Fälle und insgesamt deutlich bes­sere Bedingungen für die Pflege am Krankenbett, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverban­des. „Für die gute Versorgung der Bevölkerung ist es gerade in Ballungsgebieten sinnvoll, sich auf die wirklich notwendigen Kliniken zu konzentrieren“, fügte er hinzu.

Im Sommer 2019 hatte die Bertelsmann-Stiftung mit einer Studie zur Krankenhausdichte in Deutschland für Wirbel gesorgt. Darin wurde vorgeschlagen, die Zahl der Kliniken auf unter 600 zu reduzieren. Die Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern würde zu einer höheren Versorgungsqualität führen, hatten die Autoren argumentiert. Ärztevertreter und Kliniken hatten mit massiver Kritik reagiert. © kna/dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #722321
Hennighausen
am Dienstag, 6. Juli 2021, 18:45

Heckens Ausführungen sind der Diskussion wert!

Im Prinzip muss man die Gedanken Heckens ernst nehmen und von allen Seiten beleuchten. In einer Zeit der ständig steigenden Krankheits-/ Gesundheitskosten müssen im Prinzip auch liebgewordene Eirichtungen auf den Prüfstand, die Ausführungen Heckens zur Palliativmedizin müssen aber gesondert unter Einbeziehung einer Ethikkommission diskutiert werden. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, kleinere Krankenhäuser in MVZs umzuwandeln, die aber auch gleichzeitig mit einer Notfallversorgung im S. d. Akutmedizin vertraut sind, vielleicht auch als Dependancen eines großen Krankenhauses. Außerdem gilt es, die Kooperation zwischen Kliniken und Praxen bzgl. der Notfallversorgung weiterzuent-wickeln. Letzteres erfordert viel Arbeit, es gilt "dicke Bretter zu bohren!" Wir alle, die wir uns dieses Themas annehmen, sollten immer vor Augen haben, dass die Beitragszahlenden und die Steuerzahlenden von ihrem sauer verdienten Geld die Kosten tragen und dass auch für viele andere Bereiche Steuergelder nötig sind, z. B. Verkehrsinfrastruktur, Bildung, innere Sicherheit etc. Außerdem sollte man bei dem Thema "kleinere Krankenhäuser/ einfachere Operationen" bedenken, dass man am Beginn einer Operation nicht unbedingt weiß, ob diese nicht zu einer "großen" Operation wird. Und, ein alter Schnack: "Wo ein Bett ist, ist auch ein Patient".
Avatar #800581
vorwerdi
am Dienstag, 6. Juli 2021, 09:27

Nach Corona ist vor Corona

Es ist doch nicht überraschend, dass für die Zeit der Covid-Epidemie das Thema komplett ausgeblendet wurde, um jetzt wieder auf den Tisch zu kommen. Der GBA muss aber auch eine Antwort daaruf geben, wie italienische Verhältnisse bei Reduzierung der Bettenzahl in Zukunft vermieden werden können und eine ausreichende Reservekapazität geschaffen werden kann, denn eins haben wir aus den letzten 2 Jahren gelernt: die nächste Epidemie kommt sicher.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 5. Juli 2021, 23:07

Krankenhausgröße und wissenschaftlicher Fortschritt

Ein Krankenhaus besteht nicht nur aus den Betten für die Patienten, sondern auch aus einer umfangreichen Infrastruktur, die permanent vorgehalten werden muss. Ich persönlich erwarte von einem Akutkrankenhaus folgende Mindestausstattung (diese ist sicher subjektiv gewählt): Für die Akutversorgung eines Polytraumas ein CT (24/7 verfügbar), ein Blutdepot vor Ort (24/7 verfügbar) und für Herzinfarkte einen Herzkatheterarbeitsplatz (24/7 verfügbar). Dazu eine permanent besetzte ITS und einen Hubschrauberlandeplatz um komplexe Patienten sofort weiterzuverlegen.

All dies bringt ein kleines Haus an seine finanziellen Grenzen. Ich persönlich würde die untere Grenze für ein selbstständig arbeitendes Akutkrankenhaus bei etwa 150 Betten sehen, bei noch kleineren Häusern sind die Vorhaltekosten nicht refinanzierbar. Im Vergleich dazu hatten wir 2019 insgesamt 1914 Krankenhäuser, davon 833 in den Kategorien zwischen 1 und 149 Betten und 585 mit 300 oder mehr Betten:
https://www.vdek.com/presse/daten/d_ausgaben_krankenhaus.html

Die Bertelsmann-Stiftung sagt, es reichen 600 Krankenhäuser, das wären z.B. alle Häuser mit mehr als 300 Betten. Bei 1200 Häusern (das sagt Herr Hecken), dann könnten theoretisch von den Häusern mit unter 150 Betten noch 119 in dünn besiedelten Regionen weitergeführt werden. Bei aller Emotionalität sollte sich jeder ehrlich fragen, was ist wichtiger: Ein kurzer Weg und das Risiko auf lebensrettende Infrastruktur verzichten zu müssen, oder ein etwas weiterer Weg und die gesamte Grundausstattung vor Ort?

Wenn wir 358000 km^2 durch 1200 teilen, kommt ein Krankenhaus auf ca. 300 km^2. Das wäre ein Quadrat mit einer Seitenlänge von ca. 17 km, in Ballungszentren eher weniger, auf dem flachen Land auch deutlich mehr. Wenn die Politik sich entschließen würde, die kleinen Akuthäuser unter 150 Betten in Ballungszentren abzuschaffen und dafür versorgungsrelevante Häuser außerhalb der Ballungszentren zu stärken, dann könnte ich damit leben.
Avatar #728158
rh1974
am Montag, 5. Juli 2021, 22:35

Ganz neue Erkenntnisse ?

Die immer gleichen unlauteren Argumente werden nicht besser wenn man sie immer wiederholt.

Das Honorar System / Fallpauschalen sorgt doch gerade dafür, dass kleinere Krankenhäuser mit „einfacheren“ Eingriffen schlicht nicht mehr überleben können. Muss das so sein? Natürlich nicht, aber es wird als in Stein gemeißelt angesehen. Wird das honorarsystem nicht grundlegend angepasst, werden die kleinen und mittleren Versorger das nicht überleben. Obwohl sie - das sagt auch die Bertelsmann Studie - gerade in der Fläche gebraucht werden.
Avatar #672734
isnydoc
am Montag, 5. Juli 2021, 21:55

Babylonische Terminologie-Verwirrung aus Prinzip?

Was sind denn nun bitte "Krankenhauskosten"?
Hat die offizielle Standespresse dafür feste Definitionen oder sollte den Verfassern - © kna/dpa/aerzteblatt.de - diesbezüglich kein Standard bekannt sein?
Nach Aussagen des vielbeschäftigten Gesundheitsminister sollte neuerdings eine Änderung bezüglich der Fallpauschalen eingetreten sein, da die Pflegepersonalkosten "ausgegliedert" wurden.
Avatar #673989
wälti
am Montag, 5. Juli 2021, 20:36

Hecken fordert sozialverträgliches Ableben

Das die Krankenkassen die Zahl der Klinikbetten kritisieren, ist nicht neu.
Aber dass ein Kassenvertreter fragt, ob die Versorgung am Ende des Lebens nicht früher Palliativmedizin ich beendet werden sollte, ist neu. Hier geht es nicht um gute vernünftige Medizin, sondern ums Sparen! Hat doch gerade Corona gezeigt, wie gut es war, dass Deutschland viele kompetent versorgte Intensivbetten in der Fläche vorhält. Hecken hätte sicher gerne mehr Patienten, die der Priorisietung zum Opfer fallen, wenn die nächste Pandemie kommt
Billiger wäre es auf jeden Fall.
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