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Medizin

Geschlechter­unterschiede in COVID-19-Studien zu wenig berücksichtigt

Mittwoch, 7. Juli 2021

/Monster Ztudio, stock.adobe.com

Bielefeld – Die große Mehrzahl der laufenden klinischen SARS-CoV-2- und COVID-19-Studien bezieht Geschlechtsunterschiede bei den Studienteilnehmern zu wenig oder gar nicht ein. Das berichtet ein inter­nationales Forscherteam der Universität Bielefeld, des Radboud University Medical Center sowie der Universitäten Aarhus und Kopenhagen in der Fachzeitschrift Nature Communications (DOI: 10.1038/s41467-021-24265-8). Die Forscherinnen und Forscher werteten dafür in einer Metaanalyse fast 4.500 klinischen Studien aus.

„Frauen und Männer sind von einer Coronaerkrankung unterschiedlich betroffen“, betont das Wissen­schaftlerteam. So seien bei Männern schwere Krankheitsverläufe häufiger, sie müssten häufiger stationär betreut werden und stürben häufiger an der Erkrankung. Außerdem bestehe ein Zusammenhang zwischen der sozialen Geschlechterrolle und der Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus anzustecken.

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Dementsprechend steige das Ansteckungsrisiko von Frauen, weil sie häufiger als Pflegekräfte tätig seien und in Berufen mit viel Kundenkontakt arbeiteten. „Das zeigt: Gender und Geschlecht müssen in klini­schen Studien und in der Gesundheitspolitik berücksichtigt werden“, sagt die Letztautorin der Studie, Sabine Oertelt-Prigione von der Medizinischen Fakultät Ostwestfalen-Lippe an der Universität Bielefeld.

Die Arbeitsgruppe analysierte 4.420 COVID-19-Studien, die in der Datenbank ClinicalTrials.gov einge­tragen sind. Die ausgewertete Stichprobe beinhaltet vor allem 2 Arten von Studien: 1.659 Beobachtungs­studien und 2.475 Interventionsstudien zu COVID-19.

178 Studien (4 %) erwähnten Geschlecht oder Gender als geplante Variable in der Analyse. Weitere 237 Studien (5,4 %) planten geschlechtsspezifische oder repräsentative Stichproben ein oder hoben die Bedeu­tung von Geschlecht oder Gender hervor. In 124 Studien (2,8 % waren die Probanden jeweils aus­schließlich Frauen oder Männer. 100 dieser Studien untersuchten, wie sich das Virus oder eine bestimmte Behandlung auf Frauen auswirkt. Die weiteren 24 Studien befassten sich mit den Effekten auf Männer.

Oertelt-Prigione hält diese Ergebnisse für bedenklich: „Von Anfang an konnten wir sehen, dass diese Krank­heit bei Frauen und Männern unterschiedlich verläuft. Darauf weisen die Zahlen der Einweisungen ins Krankenhaus und der Todesfälle hin“, sagte sie. Das zeige, dass Gender und Geschlecht in klinischen Studien und in der Gesundheitspolitik berücksichtigt werden müssten.

Die Arbeitsgruppe hielt nach eigenen Angaben zunächst den hohen Zeitdruck bei den Studien zunächst für einen wesentlichen Grund dafür, dass Geschlecht und Gender in den Studien vernachlässigt werden.

„In Bezug auf den Zeitdruck haben wir gehofft, dass mit dem Fortschreiten der Pandemie auch das Bewussts­ein wachsen würde, wie Geschlecht und Gender mit der Erkrankung zusammenhängen. Wir sind davon ausgegangen, dass im Verlauf der Pandemie zunehmend mehr Studienprotokolle mit dem Fokus Geschlecht und Gender auf ClinicalTrials.gov registriert werden. Leider war das nicht der Fall“, bilanzierte die Erstautorin der Studie, Emer Brady von der Universität Aarhus. © hil/aerzteblatt.de

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