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Ärzteschaft

Ärzte kritisieren Sparforderungen der AOK

Mittwoch, 7. Juli 2021

/Michail Petrov, stock.adobe.com

Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Hartmannbund (HB) haben Forderungen des AOK-Bundesverbandes für die neue Legislaturperiode mit Befremden aufgenommen. Im Zentrum der Kritik steht die Forderung des Kassenverbandes, die ambulanten Leistungen wieder vollständig zu bud­ge­tieren.

„Es geht um Leistungskürzungen. Und es geht auch um neue innovative Leistungen, von denen gesetz­lich Krankenversicherte nicht mehr profitieren können, weil sie dann schlichtweg nicht finanziert wer­den“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, heute.

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Scharfe Kritik übte auch der Hartmannbund. „Angesichts der enormen Herausforderungen eines moder­nen, zukunfts­orientierten Gesundheitssystems wirkt das Papier in seinem Kern wie ein Sammelsurium archaischer Reflexe“, sagte dessen Vorsitzender Klaus Reinhardt, der auch Präsident der Bundesärtzte­kammer (BÄK) ist.

Laut dem Kassenverband wird die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im kommenden Jahr ein Defi­zit von rund 17 Milliarden Euro hinnehmen müssen. „Es gibt historischen Handlungsbedarf, die Politik hat die Gesundheitspolitik im Blindflug vor die Wand gefahren und das Geld der Beitragszahler mit vollen Händen ausgegeben“, sagte Volker Hansen, Aufsichtsratsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.

Deswegen sei es nötig, Reformen aus der Vergangenheit zurückzunehmen, zum Beispiel bei der vertrags­ärztlichen Vergütung. So sollten Leistungen nicht mehr außerhalb des Budgets gefördert werden. Außer­dem sollte die Abrechnungs- und Wirtschaftlichkeitsprüfung bei niedergelassenen Ärzten wieder ver­stärkt eingeführt werden, so die AOK-Forderung.

Gassen betonte, noch immer erhielten die Vertragsärzte und -psychotherapeuten nicht alle Leistungen in voller Höhe bezahlt. „Sie werden garantiert nicht noch mehr unbezahlt arbeiten“, sagte er auch mit Blick auf die extrem hohe Belastung der Praxen infolge der Pandemie.

Der AOK-Ruf nach kompletter Budgetierung sei zudem ein fatales Signal an den Nachwuchs, warnte der KBV-Vizechef Stephan Hofmeister und sagte: „Welche junge Ärztin oder welcher junge Arzt will dann noch ambulant tätig sein?“

Das gelte ebenso für Abrechnungs- und Wirtschaftlichkeitsprüfungen, die die AOK wieder verschärfen will. „Jedes Stückchen Fortschritt, was die Ärztinnen und Ärzte in den letzten Jahren mühsam erkämpft haben, würde mit solchen rückwärtsgewandten Maßnahmen zunichtegemacht“, warnte er.

Gassen und Hofmeister kritisierten außerdem den AOK-Vorschlag, ein neues Gremium auf Landesebene einzuführen, dass den Sicherstellungsauftrag für die ärztliche Versorgung übernehmen solle.

„Alle Betei­ligten sollten sich darüber im Klaren sein, was es für die Patientinnen und Patienten bedeutet, wenn der Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung nicht mehr bei den Kassenärztlichen Ver­einigungen liegt. Im Übrigen stellen nicht Gremien, sondern die ärztlichen und psychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen mit ihren Praxisteams die Versorgung täglich sicher“, sagte Hofmeister.

Ein vernichtendes Urteil fällte auch der HB. Das AOK-Positionspapier sei ein „Dokument des fatalen Ver­har­­rens in den alten Denkmustern“, so Reinhardt. © hil/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #672734
isnydoc
am Mittwoch, 14. Juli 2021, 22:33

Entspanntes Loewenherz ... bringt es auf den Punkt!

" ... entspannte, und vor allem wertschätzende Alltags- und Arbeitskultur ..." liegt nicht im Interesse des Gesetzgeber - sprich Parlament - und Twitter-Diskussionen mit Gematik-Protagonisten zeugen vom Leben in sehr unterschiedlichen Welten:
https://twitter.com/MLangguth/status/1411250741579239426/photo/1

Avatar #109757
Loewenherz
am Donnerstag, 8. Juli 2021, 16:02

Spardiktat nach Corona? War zu erwarten.

"So, jetzt habt ihr zwei Jahre gebuckelt wie die A****löcher, jetzt ist dann auch die Zeit richtig, wieder an Euch zu sparen. Danke für die Leistung, auch." Bin mir relativ sicher, dass die Tariffolgeabschlüsse von Ver.di und Marburger Bund, auch entsprechend ernüchternd ausfallen werden.
»In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen. Denn als Geister ruft euch nur zu seinem Zwecke, erst hervor der alte Meister.«
@isnydoc: Dieser Mist, gepaart mit der drohenden "Einheitsversicherung", war für mich ein Grund, nach dem Abschied aus dem Krankenhaus, die kurative Medizin in eigener Praxis nicht ins Auge zu fassen, sondern "in die Industrie" zu wechseln. Gleitzeit (zumindest die meisten Tage), regelmäßiges Arbeiten im homeoffice, gelegentliche Dienstreisen in die ganze Welt, und eine entspannte, und vor allem wertschätzende Alltags- und Arbeitskultur, gepaart mit der Möglichkeit, am Ende des Tages zu sagen "schaff ich diese Woche leider nicht mehr" vs. Knochenmühle und Willkür.
Avatar #830245
Hortensie
am Donnerstag, 8. Juli 2021, 13:28

Sparen an der Gesundheit? Ist doch völlig unpopulär geworden

Budgets sind das Dümmste, was der Politik und den kranken Kassen eingefallen ist. Denn im Ergebnis führen sie dazu, dass Krankheiten nicht auskuriert werden und es dann zu noch mehr Kosten kommt, wenn der Patient ins Krankenhaus muss oder erwerbsunfähig wird.
Dann sollte man doch entweder die Beiträge erhöhen oder andere Einsparungen suchen.
Wie wäre es denn, wenn man nur max. 4 gesetzliche Kassen zulässt und alle übrigen 10, 20 oder 50 Kassen auflöst?
Die Vorstandsgehälter würden sich dadurch drastisch reduzieren, wenn es nur 4 gesetzliche Kassen geben würde.
Und auch bei anderen Kostenarten (Mieten, etc.) ließen sich enorme Einsparungen erzielen.
Avatar #672734
isnydoc
am Donnerstag, 8. Juli 2021, 13:14

„Welche junge Ärztin oder welcher junge Arzt will dann noch ambulant tätig sein?“

Eben, am besten gleich bei den Körperschaften anheuern oder Gesundheitspolitik machen ... ansonsten Videocall und 5G-Verbindung von Zugspitze bis Rügen/Sylt beim diensttuenden Arzt im Callcenter, Der vermittelt dann leitliniengerecht und vollständig dokumentiert weiter.
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