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Guillain-Barré-Syn­drom nach J&J-Impfung: Fachgesellschaft stellt sich gegen FDA

Mittwoch, 14. Juli 2021

/picture alliance, NurPhoto, Jakub Porzycki

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) widerspricht dem Warnhinweis der US-Arznei­mittelbehörde FDA, dass die Coronaimpfung von Johnson&Johnson mit einem erhöhten Risiko für Guil­lain-Barré-Syndrom (GBS) assoziiert sein könnte.

Die von den Behörden erhobenen Zahlen stellten keine besorgniserregende Erhöhung der GBS-Rate dar und es gebe derzeit auch keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang, heißt es in einer aktuellen Mitteilung der Fachgesellschaft.

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Gestern hatte zuerst die New York Times unter Berufung auf das nationale Vaccine Adverse Event Repor­ting System (VAERS) von 100 GBS-Fällen im zeitlichen Zusammenhang mit der Verabreichung des Vak­zins von Johnson&Johnson berichtet. 95 der Betroffenen mussten stationär aufgenommen werden, einer verstarb.

GBS-Fälle im Zusammenhang mit der Impfung gegen COVID-19 wurden auch schon für das Vakzin Vax­zevria von Astrazeneca berichtet: In einem Vier-Wochen-Zeitraum zwischen Mitte März und Mitte April 2021 wurden im indischen Bundesstaats Kerala bei sieben Menschen binnen zwei Wochen nach Erst­impfung mit Vaxzevria ein GBS beobachtet.

Die Fallserie wurde in den Annals of Neurology publiziert: Demnach lag die Inzidenz mit 5,8 pro Million Menschen in dieser Gruppe etwa 1,4- bis 10-mal so hoch, wie es in diesem Zeitraum sonst zu erwarten gewesen wäre.

Die Patienten befanden sich in ihrer fünften bis siebten Lebensdekade, sechs waren Frauen. Alle hatte ein GBS mit beidseitiger Gesichtslähmung, eine Symptomatik, die sonst bei weniger als 20 % der GBS-Erkrankungen vorkommt. 57 % hatten auch andere Hirnnervenbeteiligungen, was in Indien bislang bei weniger als 5% der GBS-Fälle beobachtet worden war.

Ebenso gab es Fallberichte aus Großbritannien im Zusammenhang mit der Gabe des Vakzins von Astra­zeneca. Die Patienten, vier Männer im Alter zwischen 20 und 57 Jahren, hatten eine beidseitige Gesichts­lähmung und Parästhesien. Die Symptome besserten sich bei zwei Betroffenen unter der Therapie mit 60 mg/d Prednisolon über fünf Tage, bei einem nach Gabe von intravenösen Immunglo­bulinen und bei einem spontan.

Weder in der PCR aus dem Nasopharynx-Abstrich noch aus serologischen Antikörpertests, dem Röntgen­bild des Thorax oder der Anamnese ergaben sich Hinweise auf eine SARS-CoV-2-Infektion. Serologische und Liquoruntersuchungen auf andere mögliche infektiöse Auslöser der Gesichtslähmungen fielen nega­tiv aus. Die Symptome begannen 11-22 Tage nach der ersten Impfdosis, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die maximale Immunantwort auf die Impfung zu erwarten wäre. Ein kausaler Zusammenhang kann da­raus allerdings nicht abgeleitet werden.

Die EMA zählte bis einschließlich Ende Mai 2021 insgesamt 156 Fälle eines GBS im zeitlichen Zusam­men­hang mit der Gabe des Vakzins von Astrazeneca – bei bis dato etwa 40 Millionen verimpften Dosen. Doch auch hier sei ein zeitlicher Zusammenhang nicht mit einer kausalen Beziehung gleichzusetzen, heißt es in der Mitteilung der DGN.

Die Inzidenz des GBS in Deutschland beträgt 1,6-1,9 pro 100.000 Einwohner. Bei 83,13 Millionen Ein­woh­nern treten in Deutschland jährlich zwischen 1300 und 1570 GBS-Fälle auf.

„Wenn im zweiten und dritten Quartal etwa 50 Prozent der Bevölkerung geimpft worden wären, wären in dieser Population rein statistisch zwischen 325 und 392 GBS-Fälle zu erwarten gewesen“, rechnet DGN-Generalsekretär Peter Berlit vor. „Im Moment ist in Deutschland erst 43% der Bevölkerung vollständig geimpft, somit müssten auch die erwartbaren Fälle etwa 10% niedriger liegen, also zwischen 290 und 350.“

Die von der EMA erhobene Zahl stellt damit aus Sicht der DGN keine besorgniserregende Erhöhung der GBS-Rate dar. Zudem müssten die Fälle des impfassoziierten GBS denen bei COVID-19-Infektion gegen­übergestellt werden. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich gezeigt, dass auch Infektionen mit SARS-CoV-2 mit GBS assoziiert sein könnten.

Das abschließende Fazit der Fachgesellschaft: „Insgesamt ist das GBS-Risiko durch die Impfung gegen SARS-CoV-2 nach heutigem Kenntnisstand als sehr gering einzustufen – und wir haben zum Glück eine wirksame Therapie dieses Krankheitsbilds zur Verfügung.“ © nec/aerzteblatt.de

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Dr. Peter Pommer
am Donnerstag, 15. Juli 2021, 22:48

Lobby

Traditionell (z. B. Aggrenox in den Leitlinien, bis Boehringer die JASAP-Studie endlich veröffentlichen musste) eine Pharma-Lobbyorganisation, die auch nun ihrer Richtung und ihrem Ruf treu bleibt.

Hätte sich bei der DGN jemand mit dem Thema Impfung ernsthaft befasst, würde klar werden, dass ein GBS mögliche Komplikation jeglicher Impfung sein kann, nicht nur der von J&J. Und wenn die FDA schon warnt, ist immer Feuer unterm Dach!
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