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Medizin

Studie: Fertignahrungsmittel erhöhen Risiko auf entzündliche Darmerkrankungen

Donnerstag, 15. Juli 2021

/crevis, stockadobecom

Hamilton/Ontario – Der zunehmende Verzehr von Fertigprodukten könnte mit für die Zunahme von ent­zündlichen Darmerkrankungen verantwortlich sein, zu der es in den letzten Jahrzehnten in west­lichen Ländern und zuletzt auch in Ostasien gekommen ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine interna­tionale Be­obachtungsstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2021; DOI:10.1136/bmj.n1554).

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa waren bis in die Nachkriegszeit auch in Europa und Nordamerika selten. Heute gehören sie zu den häufigsten schweren Darmerkrankungen bei jüngeren Menschen. In den letzten Jahrzehnten ist es auch in einigen ostasiatischen Ländern zu einem starken Anstieg gekom­men und zwar parallel zur Übernahme westlicher Lebens- und Ernährungsgewohnheiten.

Da jegliche Nahrung den Darm passiert, liegt ein Zusammenhang mit der Ernährung nahe. Derzeit wird vermutet, dass eine defekte Schleimhautbarriere gegenüber den Darmbakterien von zentraler Bedeutung für die beiden Erkrankungen ist. Industriell verarbeitete Fertigprodukte („Ultra-processed foods“) enthal­ten eine Reihe von nicht-natürlichen Zutaten und Zusatzstoffen wie künstliche Aromen, Stabilisatoren, Emulgatoren und Konservierungsmittel, die die Darmbarriere schädigen könnten.

So konnte in Tierexperimenten gezeigt werden, dass Emulgatoren wie Carboxymethylcellulose oder Polysorbat 80 bereits in geringer Konzentration die Mukosabarriere im Darm schädigen und das Eindrin­gen von Bakterien erleichtern. Die Darmentzündungen bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa wären dann der vergebliche Versuch des Immunsystems, dies zu verhindern.

Die PURE-Studie („Prospective Urban Rural Epidemiology“) bot die Möglichkeit, die Zusammenhänge an einer internationalen Kohorte zu überprüfen. Die 116.087 Teilnehmer aus 21 Ländern mit unterschied­lichen Ernährungsgewohnheiten hatten zwischen 2003 und 2016 in Fragebögen genaue Auskunft über ihre Ernährungsgewohnheiten gegeben.

In den einzelnen Ländern war der Anteil an Fertigprodukten zudem höchst unterschiedlich, was es im Prinzip erleichtert, einen Zusammenhang aufzudecken. Die Teilnehmer der Studie waren 35 bis 70 Jahre alt, befanden sich also jenseits des typischen Erkrankungsalters von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Dennoch wurde in einer medianen Nachbeobachtungszeit von 9,7 Jahren bei 467 Teilnehmern (0,4%) eine entzündliche Darmerkrankung diagnostiziert: 90 Teilnehmer erkrankten an Morbus Crohn und 377 an Colitis ulcerosa. Darunter waren fast doppelt so häufig Menschen, auf deren Speiseplan häufiger „Ultra-processed foods“ standen.

Neeraj Narula von der McMaster University in Hamilton/Ontario und Mitarbeiter ermitteln für Personen, die 1 bis 4 Portionen/Tag verzehrten, ein um 67 % erhöhtes Erkrankungsrisiko (Hazard Ratio 1,67; 95-%-Konfidenzintervall 1,18 bis 2,37) gegenüber Menschen, die weniger als 1 Portion am Tag verzehrten. Wenn mehr als 5 Portionen am Tag verzehrt wurden, war das Risiko um 82 % erhöht (Hazard Ratio 1,82; 1,22 bis 2,72). Der Zusammenhang war für den Morbus Crohn deutlicher als für die Colitis ulcerosa.

Von den einzelnen Nahrungsmitteln waren vor allem Erfrischungsgetränke, mit raffiniertem Zucker gesüßte Lebensmittel, salzige Snacks und verarbeitetes Fleisch mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden. Für unverarbeitetes Geflügelfleisch, rotes Fleisch, Milchprodukte, Stärke und Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten (wie Erbsen, Bohnen und Linsen) war kein erhöhtes Risiko nachweisbar. Auch ein vermehrter Salzkonsum scheint das Risiko nicht zu erhöhen.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann die Studie keine Kausalität herstellen. Die Diag­no­sen beruhten zudem auf den Angaben der Befragten und die Ernährungsgewohnheiten wurden nur ein einziges Mal ermittelt. Die Übereinstimmung mit den tierexperimentellen Befunden und die „Dosis­ab­hängigkeit“ der Assoziation sprechen jedoch für einen Zusammenhang. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #667904
meerwind7
am Montag, 19. Juli 2021, 14:33

"Fertignahrungsmittel" zu pauschales Urteil

Es gibt auch Fertginahrungsmittel mit überwiegend gesunden Zutaten. Wer sich ein überwiegend frisches Gericht zusammenkocht, und dabei ein paar ungesunde Zusatzstoffe hineinmischt, kommt wohl auch nicht besser davon. Ob bei "frisch" zubereiteten Speisen, die z.B. morgens in einer Großküche zusammengepanscht werden, in der Stadt herumgefahren und mittags in Schulen und Betriebskantinen verabreicht werden, weniger Emulgatoren verwendet werden als in Fertiggerichten, möchte ich bezweifeln; es steht nur nicht auf der Verpackung.
Avatar #667904
meerwind7
am Montag, 19. Juli 2021, 14:33

"Fertignahrungsmittel" zu pauschales Urteil

Es gibt auch Fertginahrungsmittel mit überwiegend gesunden Zutaten. Wer sich ein überwiegend frisches Gericht zusammenkocht, und dabei ein paar ungesunde Zusatzstoffe hineinmischt, kommt wohl auch nicht besser davon. Ob bei "frisch" zubereiteten Speisen, die z.B. morgens in einer Großküche zusammengepanscht werden, in der Stadt herumgefahren und mittags in Schulen und Betriebskantinen verabreicht werden, weniger Emulgatoren verwendet werden als in Fertiggerichten, möchte ich bezweifeln; es steht nur nicht auf der Verpackung.
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