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Ende der Coronaregeln in England

Montag, 19. Juli 2021

/picture alliance, dpa/PA Wire | Yui Mok

London – Trotz dramatisch steigender Infektionszahlen sind heute in England fast alle Coronamaß­nah­men aufgehoben worden. Weder das Tragen von Masken noch Abstandsregeln oder zahlenmäßige Be­schränkungen für Veranstaltungen sind im größten britischen Landesteil fortan vorgeschrieben.

Premierminister Boris Johnson setzt auf die Eigenverantwortung der Menschen. Doch Experten warnen, dass die Situation trotz hoher Impfquote außer Kontrolle geraten könnte. Bereits jetzt werden täglich zum Teil mehr als 50.000 Fälle registriert – beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

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Gewerkschaften und Unternehmerverbände sprachen sich unterdessen für eine Beibehaltung der Mas­ken­pflicht und ein gleichzeitiges Ende der Pflicht zur Selbstisolation bei geimpften Kontaktpersonen aus. Schon jetzt kommt es in vielen Branchen, vor allem bei Verkehrsbetrieben, zu Engpässen, weil viele Mit­arbeiter in Selbstisolation sind.

Der Chef der Verkehrsgewerkschaft RMT (The Rail, Maritime and Transport Union), Mick Lynch, warnte, der vielfach als „Freedom Day“ („Freiheitstag“) gepriesene Tag der Öffnung könne sonst zum „Chaos Day“ werden. Zudem gab der Regierungschef am Wochenende nicht das beste Beispiel ab.

Nachdem Gesundheits­minis­ter Sajid Javid vorgestern mitgeteilt hatte, trotz zweifacher Impfung an COVID-19 erkrankt zu sein, wollten sich Johnson und sein Finanzminister Rishi Sunak zunächst um die eigentlich für Kontaktper­sonen vorgeschriebene Selbstisolation drücken. Die beiden nähmen an einem Pilotprojekt teil, das stattdessen tägliche Tests vorsehe, hieß es gestern Morgen.

Keine drei Stunden später, nach einem landesweiten Aufschrei – immerhin sitzen derzeit Hunderttau­sen­de Briten wegen einer Aufforderung zur Selbstisolation zu Hause – ruderte die Regierung zurück. Johnson befinde sich auf seinem Landsitz Chequers in Selbstisolation, hieß es dann.

Von dort aus wandte sich Johnson in einer Videobotschaft an seine Landsleute. Er haben „kurzzeitig darü­ber nachgedacht“, an dem Pilotprojekt teilzunehmen, sagte Johnson. „Aber ich denke, es ist viel wichtiger, dass sich alle an dieselben Regeln halten, und deswegen werde ich bis zum 26. Juli in Selbstisolation ge­hen“, so der konservative Politiker weiter.

Johnson gab sich zuversichtlich, dass die hohe Impfrate im Land auch ohne weitere Maßnahmen einen ausreichenden Schutz vor der Pandemie bietet. Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Ver­einigten Königreich eine erste Impfung erhalten. Knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft. „Das massive Impfprogramm hat die Verbindung zwischen Ansteckung und Krankenhauseinweisung und zwi­schen Ansteckung und schwerer Erkrankung und Tod erheblich geschwächt“, sagte Johnson.

Doch Experten zweifeln daran, ob der Schutz durch die Impfungen ausreichen wird, um einer großen In­fektionswelle standzuhalten. Dem Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College in London zufolge ist es „beinahe unausweichlich“, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 100.000 bald überschreitet.

„Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr“, sagte Ferguson der BBC ges­tern. Im schlimmsten Fall, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2.000 oder 3.000 täglich er­reiche, müssten Maßnahmen ergriffen werden, um die Pandemie wieder in den Griff zu kriegen, warnte er.

Das will Johnson eigentlich unbedingt verhindern. Er hatte den Weg seines Landes aus dem Lockdown stets als „vorsichtig aber unumkehrbar“ beschrieben. „Bitte, bitte, seien Sie vorsichtig“, flehte er die Briten an. Ob er damit noch überzeugen kann, scheint fraglich.

Die Lockerungen gelten nur für den größten britischen Landesteil England, der keine eigene Regierung hat. Die Regionalregierungen von Wales, Schottland und Nordirland sind für ihre Gesundheitspolitik selbst verantwortlich.

Weil es beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) in England zu immer mehr Personalengpässen kommt, hat die britische Regierung zudem für die Mitarbeiter die Regeln zur Selbstisolation nach Kontakt mit In­fizierten gelockert.

In Ausnahmefällen dürften zweifach geimpfte Mitarbeiter die eigentlich vorge­schrie­bene zehntägige Selbstisolation durch einen negativen PCR-Test und tägliche Antigentests ersetzen und weiterhin zur Arbeit erscheinen, hieß es in einer Mitteilung der Regierung heute.

Einem Bericht zufolge befinden sich derzeit bis zu 1,7 Millionen Menschen in Großbritannien in Selbst­isolation. Das führte bereits dazu, dass Zugverbindungen ausfielen und Supermarktfilialen schließen mussten, weil nicht mehr genügend Mitarbeiter da waren.

Nachdem in England nun fast alle Coronamaßnahmen aufgehoben sind, wird mit einem weiteren Anstieg der „pingdemic“ gerechnet, wie britische Medien das Phänomen bezeichnen. Als „ping“ wird das Klingeln der Warn-App oder eines Anrufs der Kontaktverfolgungsteams auf dem Handy bezeichnet. © afp/aerzteblatt.de

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