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Katastrophengebiet: Merkel in NRW, Aufräumarbeiten gehen weiter

Dienstag, 20. Juli 2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, Mitte) und der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet (CDU, 3. von link) besichtigen ein Lager mit Lebensmitteln bei ihrem Besuch im vom Hochwasser betroffenen Gebiet von Bad Münstereifel. /picture alliance, Oliver Berg

Bad Münstereifel – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich heute erneut ein Bild von der Hoch­wasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen. Zusammen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der zugleich Unionskanzlerkandidat ist, besuchte sie Bad Münstereifel. Der Ort im Kreis Euskirchen ist von dem Unwetter der vergangenen Tage heftig betroffen. Merkel sprach mit Vertretern von Hilfsorganisatio­nen sowie Hilfskräften vor Ort.

Die Kanzlerin war bereits am vergangenen Wochenende in Rheinland-Pfalz gewesen und hatte sich dort mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ein Bild von der Lage im Hochwassergebiet rund um Adenau gemacht.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war bereits am vergangenen Samstag nach NRW gekommen: Er hatte sich auf Einladung von Laschet die Situation im vom Hochwasser zerstörten Erftstadt angsehen. Dort hatte im Stadtteil Blessem ein gewaltiger Erdrutsch Straßen und Häuser mitgerissen. Die Abbruch­kante am Rand des Kraters galt zuletzt weiter als Risikozone.

Nach der Flutkatastrophe sehen die betroffenen Länder auch die Gefahr erhöhter Coronarisiken, etwa durch Hilfsaktionen oder die Unterbringung in Notunterkünften.

„Derzeit kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass die Bewältigung der Katastrophe nicht zu einem Superspreader-Event wird“, sagte David Freichel vom Corona-Kommunikationsstab der Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das Landesgesundheitsministerium bereite in Absprache mit den Behörden der betroffenen Landkreise eine Sonderimpfaktion in den Katastrophengebieten vor. Viele Rettungskräfte hätten bereits vollen Impfschutz.

Auch in Nordrhein-Westfalen sieht man die Gefahr erhöhter Coronarisiken. „Eine erhöhte Gefahr der Aus­breitung von SARS-CoV-2 könnte sich vor allem durch die Unterbringung von Personen in Notunterkünf­ten entwickeln“, zitierte der RND das Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Die Gesundheitsämter vor Ort seien sich aber der zusätzlichen Gefahr bewusst. Sie könne durch Testungen, Masken und Lüften reduziert werden.

Seit gestern gibt es mehrere Tage nach Beginn der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen immerhin einen Grund zum Aufatmen: Die seit Tagen vom Hochwasser bedrohte Steinbachtalsperre in der Nähe von Euskirchen scheint zu halten. Ein Dammbruch war dort nicht mehr zu befürchten, hatten die Behör­den mitgeteilt. Die Bewohner umliegender Orte konnten zurück in ihre Häuser.

Bis gestern stieg die Zahl der Todesopfer auf mindestens 164: Aus Rheinland-Pfalz wurden 117 und aus NRW 47 Unwetter-Tote bestätigt. In beiden Bundesländern wurde nicht ausgeschlossen, dass noch weite­re Opfer gefunden werden könnten. Die Einsatzkräfte suchen nach Vermissten.

Wie die Polizei in Koblenz twitterte, würden im Kreis Ahrweiler derzeit sämtliche Hotels, Gaststätten und Unterkünfte angeschrieben, um vorhandene Gästelisten mit den Vermisstenmeldungen abzugleichen. Die Polizei bittet Unterkünfte, die noch nicht von der Polizei kontaktiert worden sind, sich mit den Einsatz­kräf­ten in Verbindung zu setzen.

Für die Menschen in den Flutgebieten gilt es weiter, Schlamm und Trümmer aus ihren Häusern und von den Straßen beiseitezuschaffen. Fortschritte wurden dabei aus dem Örtchen Kordel bei Trier in Rhein­land-Pfalz gemeldet. Die meisten Trümmer seien dort entfernt, sagte ein Polizeisprecher am Morgen.

Aber vielerorts ist die Infrastruktur mit Straßen, Bahngleisen, Brücken, Mobilfunkmasten, Strom- und Gasleitungen sowie Trinkwasserversorgung zerstört. Der Bund rechnet mit mindestens rund zwei Milliar­den Euro Schäden alleine bei der Deutschen Bahn und bei Straßen.

Unwetter hatten am Wochenende auch Teile Bayerns getroffen. Im südöstlichen Landkreis Berchtesgade­ner Land kam es in einigen Orten rund um Watzmann und Königssee zu Erdrutschen und Überflutungen. 50 Millionen Euro Soforthilfe sollen die bayerischen Hochwasseropfer vom Land erhalten, wie Minister­präsident Markus Söder (CSU) dem Bayerischen Rundfunk sagte.

Inmitten des Elends machten auch Plünderer manchen Menschen zu schaffen. Nach mehreren Dieb­stäh­len im Hochwassergebiet verstärkte die Polizei im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen ihre Präsenz. Besonders im Raum Altena wurde das veranlasst, wie die Polizei mitteilte. Bürger seien gebeten, ver­däch­tige Menschen oder Fahrzeuge über den Notruf 110 zu melden.

In der Debatte um mögliche Versäumnisse beim Katastrophenschutz mahnten mehrere Politiker und Verbände davor, zu früh mit der Aufarbeitung zu beginnen oder Schuldzuweisungen vorzunehmen.

Der Präsident des Deutschen Städtetages, Burkhard Jung, forderte in den Zeitungen der Funke Medien­gruppe „nach der akuten Nothilfe eine glasklare Analyse“ dessen, was für die Zukunft aus der Unwetter­katastrophe zu lernen sei. Als Beispiel nannte er „Konsequenzen für die künftige Kommunikation bei Ex­tremwetter“. So habe etwa das Zusammenbrechen von Festnetz und Mobilfunknetz die Kommunikation erschwert.

Auch der Deutsche Feuerwehrverband sprach sich für „eine Aufarbeitung und Evaluierung“ für die Zeit nach dem noch laufenden Einsatz aus. „Dabei ist auch zu klären, ob etwa Warnsysteme angepasst werden müssen - beispielsweise mit der analog angesteuerten Sirene als Ergänzung zu digitalen Medien“, sagte Verbandspräsident Karl-Heinz Banse der Augsburger Allgemeinen. Derzeit sei es aber zu früh „für Forde­rungen oder gar Schuldzuweisungen“. „Aktuell befinden wir uns vor Ort noch in der Phase der Nothilfe.“

Auch der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, warnte davor, die Debatte um die Aufar­beitung zu früh zu starten. Es gelte jetzt in erster Linie, mit aller Kraft den Menschen vor Ort zu helfen und „anschließend aufzuarbeiten, wo Bund, Land und Kommunen im Bevölkerungsschutz besser werden können“, sagte Wüstner der Heilbronner Stimme.

Für den Katastrophenschutz sind in Deutschland die Bundesländer zuständig. Der Bund hat keine un­mit­telbaren Zuständigkeiten. Bei Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen können die Länder allerdings zum Beispiel das Technische Hilfswerk (THW) oder die Bundespolizei zur Hilfe anfor­dern. Dennoch war aus Teilen der Opposition im Bundestag heftige Kritik gegen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) laut geworden. Ihm ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophen­hilfe zugeordnet. © kna/dpa/aerzteblatt.de

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