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Vermischtes

„Das Hochwasser stand zwei Meter im Untergeschoss“

Mittwoch, 21. Juli 2021

Eschweiler – In der Nacht vom vergangenen Mittwoch auf Donnerstag ist das St.-Antonius-Hospital in Eschweiler durch das Hochwasser so stark beschädigt worden, dass alle Patienten evakuiert werden mussten. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) berichtet der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin des Hospitals, Uwe Janssens, von den dramatischen Ereig­nissen dieser Nacht und von den Lehren, die man jetzt aus der Katastrophe ziehen muss.

Fünf Fragen an Uwe Janssens, St.-Antonius-Hospital Eschweiler

DÄ: Das Unwetter der vergangenen Woche hat auch Eschweiler stark getroffen. Wie schlimm hat es das St.-Antonius-Hospital getroffen?
Janssens: Infolge des Starkregens ist in Eschweiler die Inde, die eigentlich ein kleiner Fluss ist, über die Ufer getreten. Innerhalb kurzer Zeit hat das Wasser unser etwa 200 Meter entfernt stehen­des Krankenhaus erreicht.

In der Folge sind die systemrelevanten zwei Untergeschosse mit kritischen Versorgungsstrukturen und Nebengebäude sowie das Außengelände komplett geflutet worden. Dort stand das Wasser am Ende bis zu zwei Meter hoch.

In dieser Katastrophensituation hat RWE den Strom für Eschweiler und damit auch für das Krankenhaus abgeschaltet. Unsere Not­strom­aggregate haben sofort funktioniert.

Wir mussten sie aber aufgrund der eindringenden Wassermassen aus Sicherheitsgründen wieder abschalten und hatten somit einen totalen Stromausfall. Natürlich wären dabei auch die Beatmungs­maschinen auf der Intensivstation ausgefallen. Wir haben sie aber vorausschauend durch Notstromag­gre­gate abgesichert, die die Feuerwehr schon am Abend installiert hatte.

DÄ: Wie haben Sie darauf reagiert?
Janssens: Die Betriebsleitung hatte schon am Nachmittag einen Krisenstab gebildet, der von Anfang an sehr gut mit der Feuerwehr und allen anderen Helfern zusammengearbeitet hat, die zu uns gekommen sind. In kurzer Zeit hat uns die Feuerwehr Strom auf das Dach des Krankenhauses gelegt, sodass die In­tensivstation und die Patienten abgesichert waren. Unser Personal war sofort bereit, weiter zu arbeiten.

Darüber hinaus hat unsere Pflegedirektorin, Frau Dr. Osko, alle verfügbaren Pflegekräfte zur Unterstüt­zung des Nachtdienstes und der Patientenversorgung angefordert, die dann tatsächlich unverzüglich vor Ort waren. Das war gut so: Wenig später hätte keine Person mehr sicher das Krankenhaus erreichen können.

Wir waren am späten Abend faktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Durch diese vorausschauende Personalplanung, auch im ärztlichen Dienst, konnte die Patientenversorgung zu jeder Zeit sichergestellt werden – in Unkenntnis der sich dann überschlagenden Ereignisse.

Noch in der Nacht zu Donnerstag wurde uns nach dem kompletten Stromausfall klar, dass wir das Kran­kenhaus evakuieren müssen. Wir haben dann damit begonnen, unsere knapp 300 Patienten für die Ver­legung vorzubereiten. Weil unsere digitale Infrastruktur zerstört war, mussten wir zu jedem Patienten handschriftlich alle rele­vanten Informationen zusammenstellen.

Am Donnerstagmorgen ging das Wasser zurück und wir konnten mit der Verlegung der Patienten in die umliegenden Krankenhäuser beginnen. Die Helfer von Feuerwehr, THW und DLRG, später auch von Bun­deswehr und weiteren Rettungsdiensten, haben die Patienten dafür einzeln durchs Treppenhaus getra­gen.

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Unsere Ärztinnen und Ärzte betreuen die teils frisch operierten Patienten seither in den anderen Kran­kenhäusern mit. Andere Patienten, zum Beispiel Dialysepatienten, haben wir auf umliegende Praxen verteilt.

Im Nachhinein kann ich sagen: Mithilfe der Feuerwehr und allen anderen Hilfsorganisationen ist alles fantastisch gelaufen. Um 20:40 Uhr am Donnerstagabend waren schließlich alle Patienten sicher verlegt.

In der ganzen Katastrophe haben wir nur einen Patienten der Intensivstation verloren, der sich unabhän­gig von der Krisensituation nach einer kardiopulmonalen Reanimation am Vortag in einer palliativen Versorgungssituation befand.

DÄ: Wie ging es danach weiter?
Janssens: Von Donnerstag bis Samstag haben Feuerwehr und THW das Wasser mit riesigen Pumpen aus dem Keller abgepumpt und wir haben eine Schadenssichtung vorgenommen. Die Schäden waren unvor­stellbar.

Das Wasser hatte alle Maschinen zerstört, die gesamte Labormedizin, unter anderem auch ein nagel­neu­es MRT-Gerät und ein CT. Seither beseitigen wir mit unserem eigenen Personal die Schäden, räumen auf, reinigen und bereiten die Untergeschosse auf die Sanierung vor. Es ist sehr beeindruckend zu sehen, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei zusammenarbeiten.

Gleichzeitig baut unsere IT die kritische digitale Infrastruktur wieder auf. Die meisten digitalen Patien­ten­daten konnten gerettet werden. Die analogen Daten aus den gefluteten Bereichen in den Unterge­schossen sind allerdings verloren.

Vielfach waren das aber keine Daten, die man für die aktuelle Versorgung der Patienten benötigt. Unser Ziel ist es jetzt, bis Ende Juli alles wieder im Griff zu haben und uns möglichst bald wieder in die Patientenversorgung einzubringen.

DÄ: Was benötigen Sie jetzt?
Janssens: Wir brauchen jetzt von der Politik die Zusage, dass wir die finanziellen Mittel erhalten, die wir für den Wiederaufbau benötigen. Ohne finanzielle Hilfe und Absicherung können wir die Schäden nicht beheben.

Zudem müssen wir uns alle fragen, wie wir uns in Zukunft auf solche Ereignisse vorbereiten können. Eigentlich war unser Krankenhaus hochwassergesichert. Wir haben die Schutzvorrichtung sogar noch höher gebaut, als es die Richtlinien vorgesehen haben.

Wer aber die Intensität dieses Hochwassers erlebt hat, weiß, dass die alten Regeln nicht mehr gelten. Wir müssen uns jetzt anschauen, welche Krankenhäuser in Deutschland an kritischen Standorten liegen. Und wir müssen uns überlegen, ob wir diese Erkenntnisse in den dringend notwendigen Strukturwandel mit einbeziehen, den die Politik in der kommenden Legislaturperiode im stationären Sektor beginnen muss.

DÄ: Was hat Sie besonders beeindruckt in der Krisenbewältigung?
Janssens: Es hat mich tief beeindruckt, wie die Menschen nach der Katastrophe zusammengekommen sind, um sich gegenseitig zu helfen. Während der Coronapandemie haben wir ja eher eine Spaltung der Gesellschaft erlebt. Vielleicht lag das daran, dass man das Virus nicht sehen kann, die Zerstörung durch das Wasser aber direkt vor Augen hat.

Wir haben im St.-Antonius-Hospital einen Riesenschaden erlitten. Doch wir sind mit zwei blauen Augen davongekommen. Andere haben nach dieser Katastrophe bildlich gesprochen gar keine Augen mehr – sie haben alles verloren. Insofern bin ich auch demütig nach diesen Ereignissen.

Die Risikobewertung aller Krankenhausstandorte in Bezug auf Umweltkatastrophen sollte so bald als möglich vorgenommen werden. Der Katastrophenschutz bedarf einer Neubewertung.

Kleine Flüsse, aber auch Talsperren, können, wie wir jetzt erlebt haben, ganze Regionen überfluten und in eine Katastrophe führen. Auch die Alarmierung der Bevölkerung und der kritischen Infrastrukturen muss neu überdacht und aufgestellt werden. Und jedem muss nach dieser Katastrophe klar sein, dass er seinen Beitrag dazu leisten muss. © fos/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #650928
Ghennersdorf
am Donnerstag, 22. Juli 2021, 09:42

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