NewsÄrzteschaft„Die Verantwortung teilt sich zwischen Industrie und Ärzten auf“
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Ärzteschaft

„Die Verantwortung teilt sich zwischen Industrie und Ärzten auf“

Freitag, 23. Juli 2021

Berlin – Die ersten Anwendungen für die Telematikinfrastruktur (TI), wie die elektronische Arbeitsun­fähigkeitsbescheinigung (eAU) oder auch das elektronische Rezept stehen in den Startlöchern. Noch allerdings fehlen Feldtests, auch haben viele Praxen noch nicht die nötige Software oder Hardware be­stellt oder erhalten. Thomas Kriedel, im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zuständig für Digitalisierung, über Baustellen, Fristen, Pflichten und die politische Forderung, Konsequenzen aus Problemen bei Feldtests ziehen zu können.

Fünf Fragen an Thomas Kriedel aus dem KBV-Vorstand

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DÄ: Es gibt bezüglich der Digitalisierung in den Praxen aktuell mehrere Baustellen – dies gilt sowohl für die Hardwareseite, als auch für die Softwareseite …
Thomas Kriedel: … ja, das ist leider etwa komplex. Primär geht es ab dem 1. Oktober um die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbe­schei­nigung (eAU). Die hierfür benötigte Technik greift dann auch für das elektronische Rezept, welches ab dem 1. Januar 2022 kommen soll.

Die eAU sollte ja ursprünglich am 1. Januar starten, dies wurde aber nach unserer Intervention auf den 1. Oktober verschoben – weil die notwendige technische Ausstattung noch nicht zur Verfü­gung stand. Jetzt versuchen alle Beteiligten mit hohem Engage­ment diesen Termin im Oktober zu halten.

Für diesen Umstellungsprozess braucht es Einiges an Technik. Kon­kret braucht man zum 1. Oktober für die eAU den elektroni­schen Heilberufsausweis (eHBA) – und zwar die Generation 2.0; ältere Versionen müssten ausgetauscht werden.

Zweitens wird ein Anschluss an die Telematikinfrastruktur (TI) benötigt, und zwar mindestens mit einem TI-Konnektorupdate der Stufe PTV3. Dies bieten inzwischen alle drei Konnektoranbieter.

Drittens benötigen die Arztpraxen einen KIM-Dienst. Dieser sichere Mail-Dienst erlaubt das „Anhängen“ von Dokumenten und eben auch den Versand der eAU.

Viertens ist ein PVS-Update in den Praxen erforderlich, welches die jeweiligen Softwarelösungen be­fähigt, die Daten zu übertragen. Über die Kommunikationskette PVS-System, KIM-Dienst und TI kann dann die eAU an die Kassen übermittelt werden.

Die Verantwortung zwischen Ärzten und Industrie teilt sich also auf: Ärzte müssen den KIM-Dienst und den eHbA bestellen, die Industrie die entsprechenden Updates für die Software. Die Konnektoren stehen ja schon in den Praxen, wenn sie an der Telematikinfrastruktur teilnehmen.

DÄ: An welchem Stand sehen sie die jeweiligen Hard- und Software-Entwicklungen für die eAU derzeit?
Kriedel: Unsere Erwartungen bezüglich der Konnektoren ist, dass die Updates bei den physisch ja schon vorhandenen Konnektoren bis zum 1. Oktober bei nahezu 100 Prozent der Praxen eingespielt sein wer­den. Die Konnektoren sollten also in der Lage sein, die eAU sicher zu übertragen.

Leider sieht es bei den PVS-Updates ein bisschen anders aus: Da haben wir über 100 Hersteller, die alle ihr System mit einem Update eAU-tauglich machen müssen. Dies muss dann bei der KBV zertifiziert werden – deshalb haben wir hier eine relativ gute Übersicht.

Der Stand dieser Woche ist der, dass 23 Anbieter noch nichts für einen Zertifizierungsprozess einge­reicht haben. Diese Anbieter haben nach unseren Informationen allerdings nur rund 3.000 Kunden. Da es Aufgabe der PVS-Hersteller ist, sich bei uns zur Zertifizierung zu melden, können wir nicht garantieren, dass die besagten 23 Hersteller bis zum Oktober zertifiziert sind.

Alle anderen haben den Prozess bereits durchlaufen oder befinden sich im Zertifizierungsverfahren – wir gehen aktuell davon aus, dass diese Verfahren alle vor Oktober erfolgreich abgeschlossen sind. Wir ge­ben den zügigen Verfahren eine hohe Priorität und teilen den Herstellern auch schnell eventuell auftau­chende Probleme mit. Dies stellt bei uns im Haus durchaus eine Belastung dar – diese ist aber notwen­dig, um die gesetzten Ziele zu erreichen.

Ein weiterer technischer Part ist die KIM-Ausstattung. Da gibt es inzwischen, so mein Stand, 32 zuge­lassene Anbieter, inklusive des KBV-eigenen kv.dox. Wir gehen davon aus, als groben Indikator, dass wir etwa 100.000 KIM-Adressen brauchen – das wäre in etwa die Anzahl der Arztpraxen.

Nach unserem Stand sind derzeit ungefähr 11.500 KIM-Adressen vergeben. Das ist nicht viel. Aber wir haben ja noch circa zehn Wochen Zeit und bräuchten also ab jetzt etwa 1.500 Registrierungen pro Tag – das zeigt in etwa die Dimension. Unsere Einschätzung, ob bis zum 1. Oktober alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mit KIM versorgt sind, ist eher skeptisch.

Dazu kommt noch der eHBA, den wir ja seit langem bewerben. Auch die Kammern und die BÄK haben da viel getan. Derzeit sieht es so aus, als ob dies von Erfolg gekrönt ist: Die Zahlen, die wir haben, zeigen, dass bislang rund 139.000 eHBAs ausgegeben wurden. Wobei darunter etwa 10.000 eHBA der Version 1.0 sind. Bei der Ausstattung der Praxen mit eHBAs sind wir aber insgesamt optimistisch, dass sie bis Okto­ber ausreichend sein wird.

Nicht sicher sind wir aber, ob alle Krankenkasse auf der die eAU annehmenden Seite schon technisch bereit sind. Auch hier gibt es noch Herausforderungen – die benötigten endgültigen Spezifikationen der gematik für die Anbindung der IT-Systeme stehen nach unseren Informationen erst Mitte August zur Verfügung.

DÄ: Was kann auf dem Weg zum Start der eAU noch schief gehen?
Kriedel: Was uns Sorge bereitet, ist die Frage, ob die technischen Lösungen zum Start im Oktober schon ausgereift sein werden. Wir haben als KBV in der gematik erfolgreich den Antrag gestellt, vorher einen entsprechenden Feldtest durchzuführen. Dieser hat sich allerdings verzögert und soll nun in der zweiten Augusthälfte starten.

Wenn man den Test ernst nimmt, dann müsste er im Grunde länger dauern, vor allem die Option eröff­nen, bei gegebenenfalls auftretenden Fehlern und Problemen in den Praxen noch Anpassungen – etwa an den PVS-Systemen – durchführen zu können. Unter dem jetzigen Zeitstress ist dies allerdings schlechterdings nicht möglich. Das kritisieren wir.

Die Erwartung ist aber, das ist eine klare politische Forderung, wenn es Mängel geben sollte, die die prak­tische Versorgung massiv behindern, dann muss es Anpassungen der Prozesse und eine Verschie­bung des Starts um mindestens ein Quartal geben. Denn solche Fehler müssen ausgemerzt werden.

Die Frage bleibt darüber hinaus, was passiert, wenn einzelne Praxen nicht alle Komponenten rechtzeitig zur Verfügung haben? Zudem kann es ja auch Störfälle der TI geben – wie wir letztes Jahr ja gesehen haben. Deshalb haben wir im Bundesmantelvertrag Regelungen ausgehandelt, die eine Ausweichmög­lichkeit erlauben.

Diese sähe so aus: Statt des eHBA können übergangsweise die SMC-B-Karten für die sichere Signatur ge­nutzt werden. Sollte keine TI-Verbindung stehen, können Ausdrucke genutzt werden. Das Verfahren blie­be dann wie heute, nur mit einem neuen Formular – das bislang genutzte Muster 1 ist eigentlich ab dem 1. Oktober ungültig. Das neue Formular wird allerdings nur von bereits geupdateten PVS-Systemen un­terstützt. Deshalb gehen wir davon aus, dass übergangsweise auch das Muster 1 noch genutzt werden kann.

DÄ: Sie sagen, Sie fordern als Konsequenz aus möglichen Problemen beim Feldtest eine Verschiebung der eAU um ein Quartal. Nun gibt es ja durch die Bundestagswahl Ende September ja die Problematik, dass nur noch eine geschäftsführende Bundesregierung im Amt ist. Haben Sie Sorge, dass es dann eine Zeit lang unklare Zuständigkeiten gibt und somit nicht mehr reagiert werden kann?
Kriedel: Die Sorge ist natürlich da, dass eine geschäftsführende Bundesregierung da nicht eingreifen will. Anderseits ist das ein drängendes Versorgungsproblem, wenn die eAUs nicht funktionieren. Da erwarte ich schon, dass auch ein geschäftsführendes Ministerium kurzfristig reagiert. Das ist ja keine grundsätz­liche Sache, die auf Dauer so bleibt. Es ist eine Verschiebung möglicherweise um ein Quartal.

Die Versorgung hat da Vorrang. Dasselbe gilt ja auch für das E-Rezept zum 1. Januar 2022, das ist ja noch gravierender. Ich hoffe aber, dass wir im Vorfeld schon mal wissen, ob das klappen kann oder nicht. Unse­re Forderung ist natürlich: Wenn ein Arzt unverschuldet nicht in der Lage ist, zum 1. Oktober die eAU zu erstellen und rauszuschicken, dann erwarte ich, dass da keine Sanktionen oder Forderungen entstehen.

DÄ: Sehen sie denn eine Fristverlängerung als realistisch an? Wenn zum 1. Januar auch das E-Rezept star­ten wird, dann sind es ja gleichzeitig viele Neuerungen in der Praxis.
Kriedel: Es wurde ja schon versucht, dass all diese Neuerungen nicht zu einem Zeitpunkt kommen. Selbst wenn die Technik in vielen Dingen ähnlich ist. Aber die Praxen müssen ja ihre Abläufe ändern, gerade für das E-Rezept.

Das war immer noch unsere Forderung, dass mit der Einführung eine einfache elektroni­sche Signatur möglich sein muss, die Komfortsignatur. Das setzt den PTV4+-Konnektor voraus, das „+“ steht für die Komfortsignatur. Den erwarten wir spätestens zum 1. Januar, eine Gerätezulassung alleine reicht nicht aus. © bee/aha/aerzteblatt.de

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