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Coronaprognose: Herdenimmunität in Deutschland nicht erreichbar

Montag, 26. Juli 2021

/freshidea - stock.adobe.com

Saarbrücken – Angesichts der aktuellen Coronalage sieht der Saarbrücker Pharmazieprofessor Thorsten Lehr keine Chance für das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland. „Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist“, sagte er.

Er begründet seine Annahme mit viel zu wenig Impfungen und einer zu geringen Impfbereitschaft. Für eine Herdenimmunität und somit eine erfolgreiche Eindämmung der Coronapandemie müssten 85 Pro­zent der Deutschen geimpft oder genesen sein. Stattdessen sieht Lehr eine neue Welle auf Deutschland zurollen.

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„Das exponentielle Wachstum ist voll im Gange. Und die Zahlen werden jetzt weiter steigen“, sagte er mit Verweis auf seine Berechnungen. Wenn das Wachstum so weitergehe, wie derzeit, dann sei Ende Septem­ber eine Inzidenz von 150 zu erwarten.

„Wir würden also bis dahin ein Verzehnfachung der Inzidenz sehen. Das muss man schon als neue Welle bezeichnen“, sagt Lehr, der zusammen mit anderen Forschern ein COVID-19-Simulationsprojekt betreibt.

Eine Abbremsung bringen könnten sicherlich Impfungen, aber die Zahl der Impfungen gehe momentan „wirklich massiv zurück“, sagte er. Vor allem die der Erstimpfungen. In Deutschland ist rund die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft.

Der niederschwellige Zugang zu Impfangeboten werde nun „ganz wichtig“ sein: „Der Berg muss auch mal zum Propheten kommen.“ Zudem müsse man auch „in Gruppen reingehen“, die noch nicht geimpft wor­den seien – wie die 12- bis 15-Jährigen.

Zwischen 60 und 70 Prozent aller neuen Infektionen betreffen laut Lehr die 15- bis 35-Jährigen. Die an­steckendere Delta-Variante mache fast 90 Prozent der Fälle aus. Lehr sagte, er sehe bei steigender Inzi­denz eine „relativ große Gefahr, dass sich Durchbruchvarianten entwickeln könnten“.

Aber: Selbst wenn das Impftempo jetzt wieder Fahrt aufnähme, würde das wegen des zeitlichen Verzugs - also bis die Impfungen voll wirkten – derzeit nicht stark weiterhelfen. „Deshalb sollten wir vor allem zu­sehen, dass wir nicht sämtliche Maßnahmen lockern“, sagte der Experte.

Man sollte Grundregeln und die Maskenpflicht beibehalten – und auf keinen Fall wie in Großbritannien alle Maßnahmen über Bord werden. „Die Krankenhausbelegungen sind dort bereits dramatisch gestie­gen. Es wird da noch drastisch werden.“

Auch in Deutschland rechnet Lehr mit einem erneuten Anstieg der Krankenhausbelegungen mit COVID-Patienten. „Wir sehen das schon in manchen Bundesländern.“ Sicherlich gebe es eine Verschiebung zu Patienten, „die nicht ganz so schnell sterben“. Aber es bleibe dabei, dass sie wahrscheinlich einen schwe­ren Verlauf haben werden. Und: Es werde auch unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben.

Es gehe nicht darum, Panik zu verbreiten, betonte der Professor. „Es geht uns darum, aufzurütteln und auf­zuklären.“ Denn es liege in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. „Das ist ja keine Sintflut, die über uns kommt und an der wir nichts ändern können. Wir haben selber in der Hand, was passiert. Des­wegen müssen wir schauen, dass wir diesen Sommer nicht wieder verschlafen wie den letzten Sommer.“

Er sei für das Festhalten an der Sieben-Tage-Inzidenz als Wert für die Bewertung der Coronalage. Sie zeige das Infektionsgeschehen und die Viruslast in der Bevölkerung. Der Faktor der Hospitalisierung trete zeitverzögert zu den Fällen auf.

Lehr sagte, er habe bisher geglaubt, dass Deutschland ohne Lockdown durch die vierte Welle komme. „Ich bin mir inzwischen nicht sicher, ob wir nicht irgendwelche Maßnahmen brauchen.“ Es hänge auch sehr viel von der Politik ab. „Es ist Bundestagswahl im September. Ich glaube, die Bundestagswahl wird mit unschönen Inzidenzen in Kombination kommen.“ © dpa/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #659853
klresch
am Dienstag, 27. Juli 2021, 10:39

Impfstoff in die Arme der Älteren statt "Impfen in der Disco"!

Nach aktuellem Stand der Erkenntnis wäre eine Herdenimmunität nur zu erreichen, wenn ein Großteil der Kinder und Jugendlichen geimpft wird.

Nach aktuellem Stand der Erkenntnis erkranken Kinder und Jugendliche nur "extrem selten" schwerwiegend an COVID-19. Seit Beginn der Pandemie wurden dem rki 23 Todesfälle von unter 20-jährigen übermittelt, bei 16 davon lagen Informationen zu Vorerkrankungen vor - in all diesen 16 Fällen lagen Vorerkrankungen vor. Im worst case scenario wären also 7 von über 15 Millionen ohne Vorerkrankungen und damit zufällig/schicksalshaft der Erkrankung erlegen (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenbericht_2021-07-22.pdf?__blob=publicationFile).

Legt man (orientierend) Art und Häufigkeit von Impfkompliaktionen und Nebenwirkungen Erwachsenener zu Grunde, so gibt es bislang keinerlei Anlass zu erwarten, dass Kinder und Jugendliche von einer Impfung unter dem Strich auch nur marginal profitieren würden. Das Ziel der Herdenimmunität ließe sich wohl nur auf Kosten und zu Lasten der jungen Generation erreichen.

Demgegenüber muss festgestellt werden, dass auch in der Woche vom 13. bis 20. Juli (immer noch!) 97% der an/mit Covid-19 Verstorbenen (134 von 138) über 50 Jahre alt waren und 86% (119 von 138) über 60 Jahre (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Klinische_Aspekte.xlsx?__blob=publicationFile).

Daraus lässt sich nur eines schließen: Herdenimmunität ist für die Jüngeren selbst ziemlich irrelevant und für die Ältern nicht wirklich ausreichend.

Meine Prognose: Die Pandemie verliert epidemiologisch ihren Schrecken, wenn die Älteren "komplett" geimpft sind. Deshalb ist es absolut nicht Ziel führend, die Kräfte mit "Impfen in der Disco" zu vergeuden, es müssen Strategien entwickelt (und begleitend evaluiert) werden, wie man den Impfstoff in die Arme der noch nicht Geimpften Älteren bekommt.
Avatar #812884
Dr. med. Ralf Hilbert
am Montag, 26. Juli 2021, 17:21

Dr. med., Labor Arzt, Biochemiker

Bis zum heutigen Tag gibt es keine offiziell anerkannte Methode, keinen verifizierbaren Parameter, mit den/dem der Erfolg der Corana-Impfung(en) Quantifiziert werden kann. Und auf dieser Grundlage äußert sich ein Pharmazieprofessor, dass er an ein Erreichen der Herdenimmunität nicht "glaube".
Hinsichtlich eines nicht quantifizierbaren Parameters liefert ein Wissenschaftler Glaubensbekenntnisse ab, die es scheinbar nicht nur wert sind, publiziert zu werden, sondern die möglicherweise auch noch die Entscheidungsgrundlage für präventive Maßnahmen sind!?!
Und dann wundern sich meine Zeitgenossen, dass es Menschen gibt, die aus solch einem narzisstisch intendierten Auftritt eine Verschwörung basteln.
Einfach peinlich.
LNS
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