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Medizin

CMV: Hyperimmunglobulin kann Fetopathie in der Schwangerschaft nicht verhindern

Mittwoch, 8. September 2021

Cytomegalovirus (CMV). /picture alliance, BSIP, CAVALLINI JAMES

Durham/North Carolina – Monatliche Infusionen von Schwangeren mit einem Hyperimmunglobulin haben in einer randomisierten Studie die Übertragung von Zytomegalieviren (CMV) auf das Kind und dessen Schädigung nicht verhindern können.

Die Studie, deren Ergebnisse jetzt im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa1913569) veröffentlicht wurden, wurde wegen einer fehlenden Wirkung vorzeitig abge­brochen.

Infektionen mit dem Zytomegalievirus, das zu den Herpesviren gehört, verlaufen in der Regel asymp­tomatisch bis milde und bleiben für die Betroffenen meist ohne Folgen. Auch Schwangere bemerken die Infektion in der Regel nicht. Für ihr Kind sind die Viren, die über die Plazenta übertragen werden, jedoch eine ernste Bedrohung. Eine intrauterine Infektion kann eine schwere Embryopathie/Fetopathie auslö­sen, die häufig tödlich verläuft.

Viele Frauen erleiden eine Fehl- oder Totgeburt. Bei den lebend geborenen Kindern kommt es oft zu dauerhaften Organschäden. Die kongenitale CMV-Infektion ist die häufigste infektiöse Ursache für geis­tige Behinderungen und nicht-erbliche Hörstörungen im Kindesalter. In Deutschland werden nach Schät­zungen jedes Jahr 1.500 bis 2.000 intrauterin mit CMV infizierte Kinder geboren, von denen etwa 10 bis 20 % lebenslange Folgeerkrankungen entwickeln.

Eine Reihe von kleineren Beobachtungsstudien hatte in den 2000er-Jahren gezeigt, dass eine Behand­lung mit Hyperimmunglobulinen die Kinder möglicherweise schützen könnte. Die Hyperimmunglobuline werden aus dem Plasma von Blutspendern gewonnen, das wegen der weiten Verbreitung der Viren häufig Antikörper gegen CMV enthält.

Das US-National Institute of Child Health hat daraufhin im April 2012 eine großangelegte Studie begon­nen.An 16 Zentren des „Maternal–Fetal Medicine Units Network“ wurden bis Juni 2018 insgesamt 206.082 Schwangere vor der 23. Schwangerschaftswoche auf eine CMV-Infektion hin untersucht. Bei 712 Schwangeren (0,35 %) wurde aufgrund des Tests auf IgG- und IgM-Antikörper eine primäre CMV-Infektion diagnostiziert.

Von diesen Schwangeren wurden 399 nach dem Zufallsprinzip auf monatliche Infusionen von CMV-Hyperimmunglobulinen oder ein Placebo bis zur Entbindung randomisiert. Die Studie war doppelblind. Weder Patientinnen noch ihre Ärzte wussten, ob die Infusionen den Wirkstoff oder nur Albumin enthiel­ten.

Der primäre Endpunkt war eine Kombination aus angeborener CMV-Infektion oder fetalem oder neona­talem Tod, wenn kein CMV-Test des Feten oder Neugeborenen durchgeführt wurde. Die Studie wurde kurz vor ihrem Ende abgebrochen, als erkennbar war, dass die Infusionen der CMV-Hyperimmunglobuline ihr Ziel nicht erreichen würden.

In der Gruppe, die die CMV-Hyperimmunglobuline erhalten hatte, war der primäre Endpunkt in 46 von 203 Fällen (22,7 %) eingetreten gegenüber 37 von 191 Kindern (19,4 %) in der Kontrollgruppe. Brenna Hughes von der Duke University School of Medicine in Durham/North Carolina ermittelt ein relatives Risiko von 1,17, das mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,80 bis 1,72 nicht signifikant war.

In der CMV-Hyperimmunglobulingruppe starben 10 Feten (4,9 %). Darunter waren 5 Schwanger­schaftsab­­brüche. In der Placebogruppe starben 5 Kinder (2,6 %) inklusive 2 Schwangerschafts­­abbrüchen. Auch in diesem sekundären Endpunkt erscheint es bei einem relativen Risiko von 1,88 (0,66 bis 5,41) sehr unwahrscheinlich, dass ein Nutzen der Behandlung übersehen wurde. Frühgeburten traten bei 12,2 % beziehungsweise 8,3 % auf (relatives Risiko 1,47; 0,81 bis 2,67) und 10,3 % und 5,4 % der Kinder hatten ein Geburtsgewicht unter der 5. Perzentile (relatives Risiko 1,92; 0,92 bis 3,99).

Die monatlichen Infusionen mit den CMV-Hyperimmunglobulinen scheinen den Kindern tendenziell eher geschadet als genutzt zu haben. Eine Teilnehmerin der Hyperimmunglobulingruppe erlitt nach der 1. Infusion eine schwere allergische Reaktion, auch Kopfschmerzen oder Schüttelfrost traten häufiger auf als in der Placebogruppe.

Obwohl die Ergebnisse der Studie insgesamt enttäuschend waren, seien sie doch hilfreich, meint Hughes in der Pressemitteilung. Die Behandlung habe aufgrund der Ergebnisse der Beobachtungsstudien in den USA – trotz ihrer hohen Kosten von mehreren Tausend Dollar pro Infusion – bereits eine beachtliche Popu­larität erreicht. Diese jetzt publizierten Ergebnisse könnten deshalb helfen, die Patientinnen vor einer unnötigen Behandlung und unnötigen Kosten zu bewahren.

Das Problem der CMV-Infektionen in der Schwangerschaft bleibt damit ungelöst. Gefährdet sind im Prinzip etwa die Hälfte aller Frauen, die vor der Schwangerschaft noch keine Infektion durchgemacht und deshalb keinen Antikörperschutz haben. Diese Schwangeren sollten sich von Infizierten fern halten.

Das wichtigste Reservoir von CMV sind Kleinkinder bis zum 3. Lebensjahr, die nach einer CMV-Infektion größere Virusmengen ausscheiden können. Darunter sind auch Kinder mit kongenitaler CMV-Infektion, die das Virus bis zum 8. Lebensjahr ausscheiden können. Das Virus kann in allen Körperflüssigkeiten enthalten sein, so in Tränenflüssigkeit, Speichel, Urin, Genital­sekret sowie Muttermilch und Blut.

Laut dem Robert-Koch-Institut kann das Virus durch Stillen, Küssen, Sexualkontakte, aber auch durch Blutprodukte und Organtransplantate übertragen werden. Da sich CMV als Herpesvirus latent im Körper festsetzt, kann es zur Reaktivierung einer Infektion kommen. Ein seropositiver Träger kann deshalb im Verlauf des Lebens immer wieder zum Überträger werden. © rme/aerzteblatt.de

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