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Medizin

Profifußballer (außer dem Torwart) haben erhöhtes Risiko auf degenerative Hirnerkrankungen

Donnerstag, 9. September 2021

/picture alliance, Fotostand, Wassmuth

Glasgow – Jeder 20. schottische Fußballprofi erkrankt im Verlauf seines Lebens an einer degenerativen Hirnerkrankung. Besonders häufig betroffen sind nach einer Analyse in JAMA Neurology (2021: DOI: 10.1001/jamaneurol.2021.2403) Verteidiger und Mittelfeldspieler sowie Fußballer mit einer langen Profikarriere.

Bei einem Kopfball trifft der Ball mit dem 5- bis 60-fachen der Erdbeschleunigung auf den Schädel des Spielers. In den meisten Fällen bleibt der Zusammenprall zunächst folgenlos. Wiederholte Kopfbälle können im Prinzip jedoch dieselben Folgen haben wie die Schläge beim Boxen.

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Es gibt Beispiele von Fußballprofis wie Jeff Astle in England oder Danny Blanchflower in Nordirland, die in frühem Alter an einer Demenz gestorben sind, und in den selten durchgeführten Autopsien wurden bei Fußballern auch Hinweise auf eine chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) gefunden, die beim American Football inzwischen als gesicherte Spätfolge angesehen wird.

Neurologen aus Glasgow hatten vor 2 Jahren in der „FIELD“-Studie („Football’s Influence on Lifelong Health and Dementia Risk“) gezeigt, dass schottische Fußballprofis häufiger an neurodegenerativen Erkrankungen gestorben sind. Die Todesursache wurde bei 1,7 % der Fußballer gestellt gegenüber 0,5 % in einer Vergleichsgruppe aus der Allgemeinbevölkerung.

Inzwischen hat das Team um William Stewart seine Recherchen auf Klinikstatistiken und die Verschrei­bungsdaten von Medikamenten ausgeweitet. Nach den aktuellen Zahlen haben 386 von 7.676 Ex-Profis (5,0 %) der Jahrgänge 1900 bis 1976 eine neurodegenerative Erkrankung oder sind daran gestorben. In einer Kontrollgruppe sind es 366 von 23.028 (1,6 %) der wegen ihres gleichen Alters, Wohnorts und sozio­ökonomischem Status ausgewählten Schotten. Stewart ermittelt eine Hazard Ratio von 3,66, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 2,88 bis 4,65 signifikant war.

Am höchsten war das Risiko bei Verteidigern (Hazard Ratio 4,98; 3,18 bis 7,79). Hier dürften weniger die Kopfbälle als das Zusammenprallen mit dem Kopf des Gegners der Auslöser sein. Die Hazard Ratio von Mittelfeldspielern betrug 4,59 (2,73 bis 7,71).

Stürmer scheinen mit einer Hazard Ratio von 2,79 (2,06 bis 3,78) weniger gefährdet zu sein. Die sicherste Position im Team hat aus neurologischer Sicht der Torwart, für den Stewart nur eine nicht-signifikante Hazard Ratio von 1,83 (0,93 bis 3,60) ermittelte. Das Risiko stieg zudem mit der Dauer der Karriere.

Langzeitprofis mit mehr als 15 aktiven Jahren erkrankten mit einer Hazard Ratio von 5,20 (3,17 bis 8,51) mit Abstand am häufigsten. Für Fußballer mit weniger als 5 Jahren in der Profiliga betrug die Hazard Ratio „nur“ 2,26 (1,51 bis 3,37).

Das Ausmaß des Demenzrisikos ist übrigens über die Jahre gleich geblieben, beziehungsweise sogar leicht gestiegen. In den Geburtsjahrgängen 1910-1929 lag die Hazard Ratio bei 3,78 (2,26 bis 6,35). Für die Jahrgänge 1950 bis 1969 stieg sie auf 5,11 (2,77 bis 9,43). Moderne Bälle aus Kunststoff oder die strengere Ahndung von Fouls scheinen keine günstigen Auswirkungen gehabt zu haben.

Die retrospektive Analyse kann letztlich nicht beweisen, dass Kopfbälle oder Kopfverletzungen im Trai­ning oder bei Wettkämpfen die Ursache für die Häufung von Demenzen sind. Mit der steigenden Zahl der Publikationen nimmt jedoch die Glaubwürdigkeit zu. Einzelne Fußballverbände haben bereits Konse­quenzen gezogen.

So hat der US-Fußballverband kürzlich das Kopfballtraining und -spielen für Spieler unter 10 Jahren verboten. Bei Erwachsenen gibt es keine Einschränkungen und für Fans dürfte ein Fußballspiel ohne Kopfbälle kaum vorstellbar sein. © rme/aerzteblatt.de

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