NewsMedizinCOVID-19: Über- und Untersterblichkeit variiert international deutlich
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

COVID-19: Über- und Untersterblichkeit variiert international deutlich

Dienstag, 3. August 2021

/picture alliance, Marcel Kusch

Jerusalem – Die COVID-19-Pandemie hat im vergangenen Jahr in den meisten Ländern zu einem Anstieg der Todesfälle geführt. Am höchsten war die Übersterblichkeit nach einer Analyse in eLife (2021; DOI: 10.7554/eLife.69336) allerdings nicht in Ländern wie Italien, Großbritannien oder den USA, die im Zent­rum der medialen Aufmerksamkeit standen, sondern in einigen weniger beachteten Ländern Osteuropas und Lateinamerikas. In anderen Ländern ist es infolge des Ausfalls der Grippewelle sogar zu einem Rück­gang der Todesfälle gekommen.

Die hohe Mortalität von COVID-19 hat sich relativ schnell in den offiziellen Statistiken niedergeschla­gen. In einigen Orten Norditaliens sind auf dem Höhepunkt der 1. Welle in einem Monat mehr Menschen gestorben als im gesamten Jahr zuvor. Der Anstieg war damals nur teilweise auf die Zahl der gemeldeten Todesfälle an COVID-19 zurückzuführen.

Der Zusammenbruch des Gesundheitswesens hat vermutlich auch das Sterberisiko an anderen Erkran­kungen erhöht. Auf der anderen Seite haben die Maßnahmen zur Begrenzung der Pandemie bewirkt, dass auch andere Infektionserkrankungen seltener auftraten. Die jährliche Grippewelle, die normaler­weise in den Wintermonaten zu einem Anstieg der Todesfälle führt, ist in vielen Ländern komplett ausgefallen.

Die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung ist deshalb ein Gradmesser für die Folgen der Pandemie. Der Ökonom Ariel Karlinsky von der Hebräischen Universität Jerusalem und sein Kollege Dmitry Kobak, der am Forschungsinstitut für Augenheilkunde in Tübingen tätig ist, haben auf ihrer „Human Mortality Data­base“ die Daten zu 103 Ländern (von etwa 200 insgesamt) zusammengetragen. Allerdings fehlen China und Indien und Teile Afrikas, so dass die Analyse Lücken aufweist. Dennoch werfen die Zahlen ein interessantes Licht auf das Ausmaß der Epidemie.

In absoluten Zahlen wurde die größte Übersterblichkeit in den Vereinigten Staaten mit 640.000 Todes­fällen bis zum 6. Juni 2021 registriert. Es folgen Brasilien mit 500.000 (bis 31. Mai 2021) und Russland mit 500.000 (bis 30. April 2021) mehr Todesfälle als in den Jahren davor. Da es sich um bevölkerungsrei­che Länder handelt, erlauben die Zahlen keinen Vergleich zwischen den Ländern.

Aussagekräftiger ist die Übersterblichkeit bezogen auf 100.000 Einwohner. Hier führt Peru die Liste mit 590 Todesfällen an, gefolgt von einigen osteuropäischen und lateinamerikanischen Ländern: Bulgarien (460), Nordmazedonien (420), Serbien (400), Mexiko (360), Ecuador (350), Litauen (350) und Russland (340).

In den Ländern, in denen es gleich zu Beginn 2020 zu schweren Ausbrüchen kam und die deshalb ein breites Medieninteresse auslösten, war die Übersterblichkeit geringer: In Italien waren es 210 zusätz­liche Todesfälle auf 100.000 Einwohner, in Spanien 190 und in Großbritannien 160.

Deutschland kam mit 50 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Einwohner relativ glimpflich davon. In den meisten Nachbarländern wie den Niederlanden (110), Belgien (140) Frankreich (110), der Schweiz (100), Österreich (110), Tschechien (320) und Polen (310) war die Übersterblichkeit deutlich höher.

Die einzige Ausnahme bildet Dänemark. Im nördlichen Nachbarland ist die Sterberate im Coronajahr um 10 pro 100.000 Einwohner gesunken. Eine Untersterblichkeit war auf für Neuseeland und Taiwan nach­weis­bar, in denen es nur wenige COVID-19-Todesfälle gab.

Karlinsky und Kobak gehen davon aus, dass der Rückgang der Sterblichkeit auf die Abstands- und Hygieneregeln zurückzuführen ist. Sie könnten Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten, etwa der Grippe, verhindert haben. Für Deutschland ist eine Untersterblichkeit ebenfalls für Februar und März 2021 erkennbar. In diesen Monaten war es in den Vorjahren oft zu einem Anstieg der Grippetodesfälle gekommen.

Für die beiden Forscher ist die „Human Mortality Database“ ein wichtiges Instrument, um die Auswir­kun­gen der Pandemie und den Erfolg verschiedener Eindämmungsmaßnahmen besser erfassen zu können. Sie wollen die Datenbank weiter ausbauen und regelmäßig aktualisieren. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #977457
BB-DD
am Donnerstag, 18. November 2021, 15:01

Wenn doch OttoNormal

...sich endlich mal mit korrekter Statistik beschäftigen würde. Ich empfehle für den Anfang die LMU München und den Codag-Bericht Nr. 8 von G. Kauermann et al zu exakt diesem Thema. Beste Grüße.
Avatar #977471
OttoNormal
am Donnerstag, 18. November 2021, 12:16

Lieber Herr Steeb

...welche Medien sind denn die "anderen Medien"? Man kann natürlich wie Sie es tun das aktuelle Jahr mit dem Maximum der letzten 35 Jahre vergleichen. Ist das sinnvoll? Lassen Sie mich die Antwort vorweg nehem: nein! Man könnte genauso gut anstatt über 3 Jahre über 10 oder 15 Jahre mitteln, dann wird ihre Abweichung von 2018 ganz klein. Oder gar den kleinsten und größten Wert der letzten 15 Jahre heraus nehmen und dann mitteln. Dann ist eine Übersterblichkeit deutlich sichtbar. Klar kann man mit der Altersverschiebung argumentieren, aber ist diese hinsichtlich dem verstärkten oder veringerten Auftreten von bestimmten Krankheiten statistisch, gesichert belegt? Ich nehme ihnen gern die Antwort wieder vornweg: nein. Und wenn doch, können Sie es doch gern belegen und verlinken. Wenn man ihrem Beispiel folgt, so könnte man auch für den Staat New York, die Sterbezahlen des Septembers 2011 mit dem September des Jahres 2001 vergleichen und auch Alterskohorten heran ziehen, um die Übersterblichkeit zu drücken. Ich hoffe sie sehen selbst, was das für ein grpßer Unsinn ist. Sie betreiben hier genau das, was sie anderen vorwerfen: Ideologie. Jedoch in einem sehr viel größeren Maß. Ich denke sie sind von Berufswegen her schon, wenn es um Ideologie geht, stark vorbelastet. Lassen Sie sich das in einem ruhigen Moment mal durch den Kopf gehen. Ganz unideologische Grüße von Otto.
Avatar #833365
HartmutSteeb
am Dienstag, 3. August 2021, 18:19

Studienergebnisse

In anderen Medien wurde der Bericht ausführlicher besprochen, etwa im Blick auf Deutschland, dass 46.000 Menschen 2020 mehr gestorben seien als 2019. Ehrlicher wäre es aber, das Grippejahr 2018 als Vergleich zu nehmen. Dann sind es "nur" noch 30.698 mehr. Berichtet wird, dass 23.000 auf die veränderte Alterskohorte zurückzuführen sind. Wenn das zutrifft, haben wir "nur noch" 7.698. Bei 985.572 Sterbefällen 2020 sind das 0,78% aller Sterbefälle. Jeder einzelne Sterbefall ist schlimm. Aber darf man bei einer Erhöhung unter einem % von einer fortdauernden epidemenischen Notlage sprechen und solche Kollateralschäden verursachen, wie durch die politischen Entscheidungen herbeigeführt wurden? Es wird Zeit, die Panik-Politik zu beenden.
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER