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Ärzteschaft

„Es wurde geholfen, wo Not herrschte“

Montag, 27. September 2021

Berlin – Die Flutkatastrophe Mitte Juli traf Teile Deutschlands hart. Sie zeigte aber auch, dass innerhalb des medizinischen Versorgungssystems ein hohes Maß an Solidarität, Kooperationsfähigkeit und Improvisationskunst vorhanden ist.

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit Christoph Goldbecker, hausärztlicher Internist seit 2010 in Trier-Ehrang. Der ausgebildete Notarzt und Palliativmediziner, leistete selbst Hilfe – war allerdings bezüglich seiner eigenen Praxis auch auf ebensolche angewiesen.

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5 Fragen an Christoph Goldbecker, Internist

DÄ: Wie erlebten Sie die Katastrophe Mitte Juli?
Goldbecker: Ich bin Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr Trier, Löschzug Ehrang und war schon seit Mittwoch, dem 14. Juli zur Bekämpfung des Hochwassers und zum Schutz von Menschen und Sach­gütern im Einsatz. So war ich über die Entwicklung des Pegelstandes in Ehrang und auch die Ereignisse in flussaufwärts gelegenen Ortschaften grob informiert.

Am Folgetag, Donnerstag, den 15.Juli wollte ich in meiner Praxis die morgendliche Sprechstunde beginnen. Doch kurz danach mussten Teile des Ortes, auch mit Hilfe der Feuerwehr, evakuiert werden. So kam es zum erneuten, länger andauernden und emotional belastenderen Einsatz. Gerade als Hausarzt war das Begleiten von Menschen, teils Patienten seit Jahren, aus Ihren Wohnstätten in Notquartiere bei unklarem Verlauf nicht einfach.

DÄ: Dabei kam es vermutlich zu ungewöhnlichen Versorgungs­settings?
Goldbecker: Die Stresssituationen der Bürger bei Evakuierungen habe ich schon bei Bombenräumungen in meiner Heimatstadt Hannover bei Funden aus dem 2. Weltkrieg häufiger als Sanitäter in einer Schnell-Einsatzgruppe der Johanniter-Unfallhilfe erlebt.

In einem zu großen Teilen überflutetem Stadtteil war ich teilweise als Haus-, aber auch als Notarzt gefordert. Als bei einem Bürger Atemnot gemeldet wurde und viele Straßen voll Wasser zwischen uns lagen, wurde ich mit einem Feuerwehrboot, teils durch Kräfte vom technischen Hilfswerk (THW) und der DLRG unterstützt, durch den Ort gefahren. Bei Untiefen lief ich dann mit Notfallrucksack zu Fuß weiter, teils im Trockenen, teils bis zum Nabel in schlammigen Wasser mit Heizölverschmutzungen laufend.

Aufgrund der zahlreich überfluteten Keller und Ausfall der Elektrizität kam es bei einsetzenden Aufräumarbeiten der Hausbewohner zu Verletzungen.

Initial habe ich, als das Wasser abgelaufen war, in meiner geschädigten Praxis eine Schnittwunde unter dem Licht einer Smartphone-Taschenlampe chirurgisch versorgt und genäht.

DÄ: Ihre eigene Praxis war ja ebenfalls von den Fluten betroffen – Sie haben aber ein temporäres Ausweichquartier gefunden?
Goldbecker: Ja, bereits am Wochenende direkt nach der Flut sprach mich die Pfarrsekretärin unserer katholischen Gemeinde St. Peter Ehrang an, ob ich nicht vorübergehend meinen Praxisbetrieb im Pfarrhaus ausüben wolle. Unser Pfarrverwalter hatte die Idee zu der passageren Umnutzung der kirchlichen Räume.

Da meine Familie und ich aktiv im Gemeindeleben teilnehmen und die Kirche bei den Abläufen der Messen unterstützen, war ich sehr dankbar für das Angebot und nahm es gerne an.

Vorab hatte mir ein befreundeter fachfremder Kollege ein Sprechzimmer in seiner Praxis in der Trierer Innenstadt angeboten, als Hausarzt wollte ich aber gerne in der Nähe meiner Patienten Ehrang bleiben.

Die Arbeit mit einfacheren Bedingungen in dem Ausweichquartier waren ungewohnt, aber dennoch den Bedürfnissen der Menschen gerecht werdend. Vor knapp 15 Jahren habe ich in meiner Facharztweiter­bildungszeit ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Humedica für 5 Wochen in einem IDP-Camp in Darfur, Sudan, dort herrschten bei weitem noch schwierigere Arbeitsbedingungen.

DÄ: Wie würden Sie generell den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit der Beteiligten vor Ort bei der Bewältigung der Flutkatastrophe beschreiben?
Goldbecker: Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Hilfsorganisationen, der staatlichen als auch der vielen Freiwilligen und der betroffenen Bevölkerung untereinander war sehr gut.

Initial waren viele Staatsbedienstete, Kräfte der Feuerwehr, Polizei und Ordnungsämtern nach Ehrang beordert worden, teils auch über Landesgrenzen hinweg.

Innerhalb Erangs hielten die Menschen gut zusammen, es wurde geholfen, wo Not herrschte. Auch das Trösten und Menschen in den Arm zu nehmen, trotz Coronavorsichtsmaßnehmen, war wichtig und konnte viel Kraft geben.

Viele Menschen, gerade auch von extern, kamen an die Kyll, um einfach zu helfen. Sie kamen teils komplett frisch mit Arbeitskleidung ausgerüstet mit Schubkarren, Spaten und Schaufeln in unseren Ort. Zu Beginn durften sie teilweise bei unklarer Gefahrenlage noch gar nicht in alle Gebäude eintreten. Die Hilfe war aber auch hier international, es kamen über die Tage Helfer aus Frankreich, Luxemburg, Holland sowie Belgien.

Die Hilfsbereitschaft war groß, auch über die Ländergrenzen hinweg. Ein kleines Beispiel für europä­ische Solidarität. Ein Zeichen für gelebtes Europa!

DÄ: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Ha das Erlebte Denkanstöße für die eigene Tätigkeit und das Leben mitgegeben?
Goldbecker: Das Gefühl des Zusammenhaltes zwischen den Betroffenen, den vielen Helfern, egal ob von staatlicher als auch von privater Seite und auch den öffentlichen Stellen, hat mich beeindruckt. Ehrang ist ein bisschen näher zusammengerückt. Auch wenn es im Ahrverlauf zum Verlust von Menschenleben kam, viele Leute haben hier vieles, teils alles verloren. Die Menschen halten aber dennoch oder deswegen zusammen.

Und Medizin kann auch unter widrigen Umständen noch so betrieben werden, dass die den Anliegen und Leiden der Menschen/Patienten gerecht wird. Ein gutes Gefühl, zu merken, dass man als Hausarzt und Generalist anderen Menschen helfen kann. © aha/aerzteblatt.de

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