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Klimawandel: IPCC zeigt drastische Folgen und Handlungsspielraum auf

Montag, 9. August 2021

/jozsitoeroe, stock.adobe.com

Genf – Der Weltklimarat führt die Folgen der menschengemachten Erderwärmung in seinem neuen Bericht drastischer vor Augen als je zuvor. Wenn es nicht starke und schnelle Reduktionen der Emissio­nen gebe, werde die globale Mitteltemperatur in den kommenden 20 Jahren einen Wert von mindestens 1,5 Grad über der Temperatur der vorindustriellen Zeit erreichen, sagte Valérie Masson-Delmotte heute bei Vorstellung des Berichts. Sie ist Co-Vorsitzende der Arbeitsgruppe, die seit dem letzten Bericht dieser Art 2013 rund 14.000 Klimastudien für den Weltklimarat (IPCC) bewertet hat.

Die Menschen müssten sich wegen der steigenden Temperaturen auf mehr Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen und Hitze einstellen, heißt es in dem Bericht. Erst kürzlich gab es eine Reihe dieser Katastrophen wie Überschwemmungen in Deutschland sowie extreme Hitzewellen in Südosteuropa und im Westen Kanadas. Über eine sofortige Reduktion der Treibhausgasemissionen haben die Menschen es laut Bericht aber noch in der Hand, die schlimmsten Folgen zu verhindern.

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Das Ziel 1,5 Grad steht im Pariser Klimaabkommen von 2015. Die Staaten wollen die Erwärmung im Ver­gleich zum vorindustriellen Niveau (1850-1900) deutlich unter zwei Grad halten und 1,5 Grad anstre­ben. Bislang liegt die Erwärmung bei etwa 1,1 Grad, mit regionalen Unterschieden. In Deutschland sind es bereits 1,6 Grad.

Anders als 2013 stellt die Wissenschaft jetzt klar fest: selbst das 2-Grad-Ziel ist nur mit sofortigen und weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen zu erreichen. Damit müsse bis etwa 2050-2070 Klimaneutra­lität erreicht werden. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden.

„Wenn wir die Emissionen nicht schnell genug herunterfahren und bis etwa 2050-2070 netto-null er­reicht haben, werden wir beide Pariser Klimaziele verfehlen“, sagte Mitautor Douglas Maraun von der Universität Graz.

Mit neuen Messmethoden sei klar, dass praktisch der gesamte Klimawandel seit Ende des 19. Jahrhun­derts auf den Menschen zurückzuführen sei, sagte der zweite Co-Vorsitzende, Panmao Zhai. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre sei die höchste seit etwa zwei Millionen Jahren, der Meeresspiegel steige so schnell wie seit rund 3.000 Jahren nicht mehr und der Gletscherrückgang so stark wie seit etwa 2000 Jahren nicht mehr. „Es ist zweifelsfrei, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land aufgeheizt hat“, so der Bericht.

Die G20, also die Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer, trage eine besondere Verantwor­tung, sagte die Chefin des UN-Umweltprogramms (UNEP), Inger Andersen. Sie seien für 80 Prozent der bisherigen Emissionen verantwortlich.

Selbst, wenn es gelingen sollte, bis 2050-2070 Klimaneutralität zu erreichen, dürfte der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts um bis zu 62 Zentimeter höher sein als 1995-2014. Klimaneutralität heißt, dass nur noch höchstens so viel Treibhausgas ausgestoßen wird wie Senken aufnehmen können.

„In der Arktis sind Dreiviertel des Meereisvolumens im Sommer schon abgeschmolzen“, sagte Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. „Wir werden es vermutlich nicht mehr verhindern können, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer zumindest in einzelnen Jahre weitgehend eisfrei sein wird.“

Der Weltklimarat nennt auch zwei Horrorentwicklungen, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszu­schließen seien. Zum einen ist das ein Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter bis Ende des Jahrhun­derts, je nachdem, wie der Eisschild der Antarktis weiter schmilzt.

Zum anderen ist das ein Kollaps der Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die schon an Fahrt verloren hat. Sie verteilt kaltes und warmes Wasser im Atlantik und beeinflusst etwa den für Milliarden Menschen wichtigen Monsun in Afrika und Asien. Ein Zusammenbruch des Systems, zu dem auch der Golfstrom ge­hört, hätte auch Auswirkungen auf Europa.

Der Weltklimarat entwirft fünf Szenarien. Darunter sind zwei, in denen die Welt etwa 2050 bis 2070 Kli­ma­neutralität erreicht und danach mehr CO2 speichert als ausstößt. Nur damit könnte der Anstieg der Mitteltemperatur Ende dieses Jahrhunderts bei 1,8 Grad oder darunter bleiben. Bei gleichbleibenden Emissionen bis 2050 würde die Temperatur Ende dieses Jahrhunderts um 2,1 bis 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. In zwei weiteren Szenarien mit mindestens der Verdoppelung der CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts wäre ein Anstieg der Temperatur um bis 5,7 Grad möglich.

„Wenn man sich anschaut, was die einzelnen Regierungen für den Klimaschutz zugesagt haben, würde man im Moment am ehesten im mittleren Szenario landen“, sagte Notz. „Für die Zukunft bleibt aber na­tür­lich unklar, ob die Zusagen eingehalten werden oder ob die Regierungen andererseits ihre Bemüh­un­gen noch verstärken werden.“

Bundesumweltministerin Svenja Schulze forderte eine rasche Abkehr von Kohle, Öl und Gas und einen Ausbau von der Sonnen- und Windkraft. „Es gab schon genug Weckrufe und Appelle“, erklärte die SPD-Politikerin in Berlin. „Der heute vorgestellte IPCC-Bericht führt uns erneut vor Augen, dass die Zeit für die Rettung des Planeten, wie wir ihn kennen, abläuft.“

Ein Realitätscheck: Die Energieagentur der US-Regierung (EIA) hat 2019 berechnet, dass der CO2-Aus­stoß wegen der erst beginnenden Industrialisierung vieler Länder bis 2050 von heute im Jahr rund 36 Milliarden Tonnen auf mehr als 42 Milliarden Tonnen wächst. China produziert zur Zeit das meiste Treib­hausgas, etwa ein Viertel der Gesamtmenge, vor den USA mit 18 und der EU mit 17 Prozent. Der Anteil der CO-Emissionen, die in Senken wie Wäldern oder Ozeanen aufgenommen werden und nicht in der Atmosphäre bleiben, liegt nach dem Bericht bei etwa 44 Prozent.

Der Bericht wurde von mehr als 230 Forschenden aus 66 Ländern verfasst. Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger wurde von den 195 IPCC-Mitgliedsländern einstimmig abgesegnet. „Die Regierungen sitzen also mit im Boot, keiner kann hinterher sagen: ich habe damit nichts zu tun“, sagte Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. © dpa/aerzteblatt.de

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