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Politik

„Unsere Daten weisen nicht darauf hin, dass die Impf­müdigkeit steigt“

Freitag, 20. August 2021

Berlin – Die Coronainzidenzen nehmen in Deutschland wieder zu und steigen nach niedrigen Fallzahlen im Juli jetzt deutlich an, wesentlich schneller als im vergangenen Jahr. Aber auch die Coronaimpfungen gehen voran: Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist vollständig geimpft. Dennoch scheint die Impfkam­pag­ne ins Stocken zu geraten.

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) sprach mit Lars Korn von der Universität Erfurt über die Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Korn gehört zum Forschungsteam der Psychologin und Professorin für Gesundheits­kom­mu­nikation Cornelia Betsch, das bereits Anfang März 2020 das Projekt COSMO (COVID-19 Snapshot Monitoring) startete und regelmäßig die Bevölkerung zu ihrem Befinden und ihren Einstellungen in der Pandemie befragt.

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5 Fragen an Lars Korn, COSMO-Forschungsteam der Universität Erfurt

DÄ: Herr Korn, mittlerweile wird vielfach ein Stocken der Impf­kam­pagne und eine geringe Impfbereit­schaft unter den bislang Ungeimpften beklagt. Wo liegen dafür die Ursachen?
Lars Korn: Zunächst möchte ich betonen, dass sich zwar der An­stieg der Impfquoten verlangsamt hat und die Impfkampagnen ins Stocken geraten sind, jedoch weisen unsere Daten vom COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) nicht darauf hin, dass die Impf­müdigkeit steigt. Im Gegenteil: Wir beobachten einen kontinu­ierlichen Anstieg der Impfbereitschaft unserer erwachsenen Befragten.

Sicher ist es wichtig, Probleme, wie das stagnierende Impftempo, zu identifizieren und Lösungen zu fin­den. Gleichzeitig finde ich es aus psychologischer Sicht ebenso sinnvoll, Erfolge und Zwischen­ziele anzu­erkennen und zu kommunizieren. Außerdem ist Impfen ein sozialer Vertrag – es gibt also eine gesell­schaftliche Erwartung sich impfen zu lassen.

Allerdings ist es so, dass soziale Verträge nur dann gesamt­gesell­schaftlich akzeptiert werden, wenn sich genügend Menschen daranhalten. Ein aus­schließlicher medialer Fokus auf kleine Personengruppen, die die Impfung ablehnen, kann die Wahrneh­mung so ver­zerren, dass das Konzept des Impfens als sozialer Vertrag gefährdet wird. Das heißt, es ist wichtig heraus­zustellen, dass Mitte August bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung vollständig gegen Corona ge­impft war und es zukünftig sogar noch mehr werden.

Nun zur eigentlichen Frage: Die Gründe, weshalb sich Menschen nicht für eine Impfung entscheiden, sind vielfältig. Unsere Forschungsgruppe hat eine Skala zur Messung der Ursachen des (Nicht-)Impfens ent­wickelt. Diese Skala umfasst fünf Kernelemente, die in unterschiedlichem Ausmaß auch bei der Impfent­scheidung gegen Corona eine Rolle spielen.

In unserem regelmäßigen Monitoring stellen wir immer wieder fest, dass das Vertrauen in die Wirksam­keit und Sicherheit der Impfung und das Vertrauen in das System, das die Impfungen bereitstellt, von besonderer Bedeutung sind. Sind die wahrgenommenen Nebenwirkungen hoch und/oder die wahrge­nom­mene Impfeffektivität niedrig, entscheiden sich Perso­nen eher gegen die Impfung.

Schließlich spielt das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft eine Rolle. Eine Impfung schützt nicht nur den Einzelnen vor Infektion und Hospitalisierung, sondern trägt auch dazu bei, dass sich der Virus weniger stark verbreitet. Das hilft Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen kön­nen oder es aber nicht können, weil kein Impfstoff für sie zugelassen ist. In unserer COSMO- Befragung stellen wir regelmäßig fest, dass Personen, denen der soziale Nutzen von Impfungen nicht oder kaum bekannt ist, auch weniger bereit sind, sich selbst impfen zu lassen.

In diesem Zusammenhang spielt auch das Informationsverhalten eine Rolle. Der Zugang zu Falschinfor­ma­tionen ist ziemlich einfach. Bewegt man sich in sozialen Medien, trifft man in kurzer Zeit auf Falschin­for­mationen. Das liegt daran, dass sie sich schneller verbreiten und persistenter sind als vertrauens­würdige Informationen. Diese Falschinformationen können verunsichern und Menschen zur Entschei­dung gegen die Impfung bewegen.

Ein weiterer Faktor ist das wahrgenommene Risiko, das von Corona ausgeht. In den vergangenen Mona­ten konnten wir etwas durchatmen, die Infektionszahlen waren niedrig. Dadurch fühlen sich Menschen weniger vom Virus bedroht und erkennen den Nutzen der Impfung weniger. Hinzukommen alltägliche Barrieren, gerade jetzt im Sommer.

DÄ: Wenn das Risiko so unterschiedlich wahrgenommen wird, wird dann in der Bevölkerung die Effek­tivität der Impfung richtig eingeschätzt?
Korn: Unsere Daten legen nahe, dass das nicht der Fall ist. In der COSMO-Befragung vom 13. und 14. Juli haben wir Wahrnehmungen zur Impfeffektivität der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astrazeneca unter­sucht. Es zeigte sich, dass insbesondere ungeimpfte Befragte die Effektivität der verfügbaren Imp­fun­gen stark unterschätzen. Sie gaben an, dass die Effektivität bestenfalls knapp 50 Prozent ist; Geimpfte schätzten die Effektivität höchstens auf 75 Prozent. Auch zeigte sich, dass die Befragten nicht zwischen der Effektivität gegen Infektion, symptomatische Verläufe und Hospitalisierung unterscheiden. Die Effek­tivität der Impfstoffe ist jedoch deutlich höher gegen symptomatische Infektionen und vor allem gegen Hospitalisierung.

DÄ: Wie ließe sich aus Ihrer Sicht die Impfbereitschaft steigern?
Korn: Wenn ich die Ergebnisse zu den Gründen des Impfens aus unseren COSMO-Umfragen berücksich­tige, sehe ich einige Möglichkeiten, die Impfakzeptanz zu erhöhen. Ich kann an dieser Stelle nicht alle denkbaren Interventionen aufzählen. Hier aber ein paar Beispiele: Wir wissen, dass das Vertrauen in die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs zentral für die Impfbereitschaft ist. Deshalb sollte es von beson­derer Bedeutung sein zu kommunizieren, dass eine zweifache Impfung sowohl mit dem Impfstoff von Biontech als auch mit dem von Astrazeneca nahezu sicher vor Krankenhausaufenthalten schützt und die Übertragung des Virus reduziert.

Weiterhin sollten die wahrgenommenen Barrieren durch niedrigschwellige Impfangebote reduziert wer­den. Die Impfung sollte gewissermaßen zu den Menschen gebracht werden und nicht umgekehrt. So könnte man Impfungen vor der Theateraufführung anbieten, in Fußgängerzonen, am Fußballstadion oder auch auf Märkten. Meiner Meinung nach könnte man im gleichen Atemzug auch das Informations­problem anpacken. Vor Ort könnte man mit einfachem aber evidenzbasierten Informationsmaterial und in einfacher Sprache über die Krankheit und dessen Risiko sowie über die Impfung aufklären.

DÄ: Könnten Regelungen, dass künftig nur Geimpfte oder Getestete am öffentlichen Leben teilnehmen können und Tests kostenpflichtig werden, die Impfbereitschaft erhöhen?
Korn: Anreize können das Verhalten verändern. Wenn Nicht-Impfen mit mehr Einschränkungen oder sogar finanziellen Belastungen einhergeht, dann kann es Personengruppen dazu bewegen, sich impfen zu lassen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle betonen, dass diese Anreize wohl kaum die Einstellung zum Impfen verändern. Was passiert, wenn diese Regelungen wieder abgeschafft werden? Was bedeutet es für andere Impfun­gen, für die es keine solchen Regelungen gibt? Anreize könnten sogar die intrinsische Motivation von impfbereiten Personen negativ beeinflussen, sodass sie zukünftig weniger gewillt sind, sich impfen zu lassen.

In der Psychologie wird dieses Phänomen als over-justification effect bezeichnet. Inwiefern dieser Effekt durch Regelungen bei Coronaimpfungen auftritt, sollte daher näher untersucht werden. Außerdem sollten, aus meiner Sicht, die genannten Regelungen immer auch mit Aufklärungsangeboten gekoppelt sein, um nachhaltige Impfkampagnen zu schaffen, die die Impfbereitschaft auch langfristig positiv beein­flussen.

DÄ: Wird die STIKO-Empfehlung, jetzt doch alle Kinder und Jugendliche über 12 Jahre zu impfen, die Impfbereitschaft deutlich erhöhen?
Korn: Unsere Forschungsgruppe hat sich in der Vergangenheit mit der Wirkung von Impfempfehlungen auf die Impfentscheidung beschäftigt. Dazu haben wir Teilnehmende einer von drei möglichen Szenarien ausgesetzt: keine Impfempfehlung, eine risikogruppenspezifische Impfempfehlung oder eine universelle Impfempfehlung. Außerdem wurden die Teilnehmenden einer von zwei Personengruppen zugeordnet: der Risikogruppe oder der Nicht-Risikogruppe.

Es zeigte sich, dass (risikogruppen-)spezifische Empfehlungen die Impfbereitschaft innerhalb der Risiko­gruppen erhöht hat. Gleichzeitig reduzierte sie jedoch die Impfbereitschaft von der Personengruppen, auf die die Empfehlung nicht zutraf, im Vergleich, wenn universale oder gar keine Impfempfehlungen kom­mu­ni­ziert wurden. Sie wirkte also wie eine Nicht-Empfehlung auf Personengruppen, die nicht Teil der Empfehlung waren.

Auch andere Forschungsgruppen haben sich mit der Frage des Einflusses von Empfehlungen auf die Impfbereitschaft auseinandergesetzt und kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Aber: Wie bereits zu Beginn erwähnt, spielt natürlich das Vertrauen in Institutionen und Personen, die mit dem Gesundheitssystem, den Impfkampagnen und den Impfungen an sich in Verbindung stehen, eine wichtige Rolle in der Impf­ent­scheidung. Ob Eltern der STIKO-Empfehlung folgen, hängt damit auch davon ab, ob sie der STIKO vertrauen.

Betrachtet man alles zusammen würde ich sagen: ja, die Impfbereitschaft kann von einer starken Impf­empfehlung positiv beeinflusst werden, und zwar besonders unter denjenigen, die der STIKO und dem Gesundheitssystem vertrauen. © ER/aerzteblatt.de

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