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Politik

STIKO-Chef und Laborärzte bei Auffrischimpfungen gegen SARS-CoV-2 zurückhaltend

Dienstag, 10. August 2021

/picture alliance, Fleig, Eibner-Pressefoto

Berlin – Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, hat sich zurückhaltend zu dem Vorhaben der Regierung geäußert, im September mit Auffrischimpfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zu beginnen. Gestützt wird er vom Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL).

„Hier handelt es sich um eine politische Vorsorgemaßnahme ohne ausreichende medizinische Evidenz“, sagte Mertens der Welt. Allerdings gebe es auch keine Hinweise darauf, dass eine solche Drittimpfung schädlich sein könnte. „Der Aktionismus der Politik verunsichert die Menschen“, kritisierte Mertens den­noch.

Es gebe aus seiner Sicht bei den Auffrischimpfungen keinen Zeitdruck. „Da kommt es nicht auf eine oder zwei Wochen früher oder später an“, sagte der STIKO-Vorsitzende. Es sei ja nicht so, dass irgendeine Gruppe von Geimpften von einem Tag auf den anderen den Schutz verliere. Vielmehr erfolge dies allen­falls sehr langsam und schleichend.

Mertens wies auch darauf hin, dass es bislang kaum wissenschaftliche Daten zu möglichen Nebenwir­kun­gen von Drittimpfungen gebe. Allerdings gebe es auch keine immunologischen Überlegungen, die das erwarten lassen.

„Es fehlt eine große Studie, aus der tatsächlich hervorgeht, dass die Drittimpfung bei den betroffenen Personen keine Nebenwirkungen hat“, sagte Mertens. Dies sei ähnlich wie bei Impfungen für Kinder und für Schwangere. Auch bei diesen Bevölkerungsgruppen zögert die STIKO bislang jeweils mit einer Impf­empfehlung – zum Ärger der Regierenden im Bund und in den Ländern.

Im Fall der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen hatten die Gesundheitsminister sich schließlich ohne STIKO-Empfehlung für eine Impfkampagne ausge­sprochen, die inzwischen auch angelaufen ist. Sie stützen sich dabei auf die Freigabe der Impfungen für diese Altersgruppe durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA).

Nach Ansicht der BDL liefern die Ergebnisse von Antikörperbestimmungen aus Facharztlabore keine Argumente für pauschale COVID-19-Auffrischungsimpfungen. Medizinisch, ethisch und wirtschaftlich sei es sinnvoller, in Zweifelsfällen zunächst den Antikörperstatus individuell zu bestimmen, um dann über eine weitere Impfung zu entscheiden, hieß es heute.

„Die Zahl derjenigen, die auf eigene Kosten in den medizinischen Laboren ihre Antikörper auf das Coro­navirus bestimmen lassen, nimmt stetig zu“, sagte der BDL-Vorsitzende Andreas Bobrowski. In den meis­ten Fällen zeigten diese Antikörpertests, dass Geimpfte nicht nur gut auf die Impfung ansprächen, son­dern auch mit wachsenden Zeitabständen zur zweiten Impfung hohe Antikörpertiter aufwiesen.

Das gelte für Pflegebedürftige, darunter auch junge Menschen mit Behinderung, wie auch für ältere Men­schen. Ebenso auch für Hochbetagte, die keine Hilfeleistungen benötigen. Auch die Pläne der Gesund­heitsministerkonferenz, allen vollständig mit einem Vektorimpfstoff Geimpften eine Drittimpfung mit einem mRNA-Impfstoff anzubieten, sei mit den Erkenntnissen der Labormediziner nicht begründbar, so der BDL.

Vor dem Hintergrund, dass in weiten Teilen der Welt bisher kaum geimpft werden könne und auch aus wirtschaftlichen Erwägungen sei es sinnvoller, die SARS-CoV-2-Antikörperbestimmung zur Kassenleis­tung zu machen. Dann könne man in Zweifelsfällen vor einer eventuellen dritten Impfung die Wirkung der vorangegangenen Immunisierungen bewerten, hieß es. © afp/may/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #892062
Malkovich
am Samstag, 21. August 2021, 08:10

Notwendigkeit der Drittimpfung oder Entscheidungen im Blindflug?

Es liegen durchaus wissenschaftliche Daten vor, dass der Immunstatus sich langsam vermindert und eine Drittimpfung den Immunstatus pusht, nur sind die nicht so quantifizierbar, dass man pauschal für eine Gruppe sagen kann wann es soweit ist.

Zu Impfbeginn wusste man dass die meisten noch keine SARS-CoV2-AK hatten und bei den Erkrankten hat man angenommen dass ihre nach einem halben Jahr nicht mehr stören würden. So genau wollte das aber keiner wissen, insbesondere nicht die Patienten. Dieser erste Blindflug endete aber wenigstens mit einer erfolgreichen Landung. Fast alle haben ausreichend AK gebildet und die Schutzwirkung ist messbar.

Nun ist die Lage bei mindestens 50% der Doppeltgeimpften plus der Genesenen komplizierter. Auch wenn man seinen AK-Status interessehalber verfolgt, oder die Kassen das gar bezahlen würden, kann einem niemand sagen, bei welchem Titer in welchem Zellkompartiment der Impfstatus kritisch ist. Der einfache und billige Spike-AK-Test ist nicht aussagekräftig, aber auch mit einer Verlaufskontrolle inkl. Inspektion der Gedächtniszellen (zur Geschäftsförderung der Laborärzte, da hat der Vorkommentator recht), ist man erst mitten in der Forschung über den Immunstatus und hat immer noch keine evidenzbasierte und praktikable Handhabe für eine flächendeckende (!) Drittimpfung.

Also sollte man eher über eine Verbesserung der lokalen und insbesondere der weltweiten Erst-Impfquote reden statt einen Blindflug mit Drittimpfungen zu starten (6 Monate? 8 Monate?), bei dem diesmal schon die Hauptwirkung noch nicht genau nachgewiesen werden kann. Wäre schön wenn, aber das Immunsystem ist komplexer als die Politik erlaubt.
Es besteht in der Tat keine Eile und der momentane Aktionismus hat eher den unschönen Beigeschmack eines Luxusproblems.

//PM
Avatar #88255
doc.nemo
am Mittwoch, 11. August 2021, 08:11

Drittimpfung und Antikörperbestimmungen

„…kaum wissenschaftliche Daten zu möglichen Nebenwirkungen von Drittimpfungen…“ Natürlich liegen solche Daten nicht vor, da man bisher keine Drittimpfungen durchgeführt hat. Also müssen wir erst einmal impfen, um sie zu erhalten, und ich bin gerne bereit, zur Datenerhebung mit meiner Drittimpfung beizutragen - die ich bislang aber nicht bekomme, obwohl ich sie möchte.
Mehr als fragwürdig dagegen ist die Stellungnahme der Laborärzte, die unbedingt ihre teuren Antikörperbestimmungen an den Mann bringen wollen - auf Kosten der unerschöpflichen Finanzleistung der Allgemeinheit, versteht sich. Andererseits - mittlerweile wissen wir, dass die Preise für die mRNA-Impfstoffe aufgrund der hohen Produktion inzwischen massiv überhöht sind…
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