NewsMedizinTrotz Klimawandels: Kälte für mehr Todesfälle verantwortlich als Hitze
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Trotz Klimawandels: Kälte für mehr Todesfälle verantwortlich als Hitze

Freitag, 20. August 2021

/dpa

Seattle, London und Barcelona – Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz 2021 schätzen 3 Forschergruppen die Auswirkungen von nicht-optimalen Temperaturen auf das Sterberisiko. Kälte ist danach für etwa 10 Mal mehr Todesfälle verantwortlich als Hitze. Durch den Klimawandel könnte es jedoch zu einem deut­lichen Anstieg der hitzebedingten Todesfälle kommen. In Europa wären vor allem die Mittelmeerländer betroffen.

Die Statistikbehörden der meisten Länder registrieren in den Wintermonaten jeweils einen deutlichen Anstieg der Todesfälle. In den Sommermonaten ist in der Regel eine leichte Zunahme erkennbar, die jedoch in Jahren mit einer Häufung von heißen Tagen stark ansteigen kann. So hat die Hitzewelle von 2003 in Europa zu schätzungsweise 45.000 bis 70.000 zusätzlichen Todesfällen geführt.

Katrin Burkart vom Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle und Mitarbeiter haben für 9 Länder eine genauere Analyse der Todesursachen durchgeführt. Jeder Todesfall wurde mit der an dem Tag gemessenen Außentemperatur und der Klimazone in Beziehung gesetzt. So konnten die Forscher den Einfluss von Kälte und Hitze auf die einzelnen Todesursachen beurteilen, die in den Sterbeurkunden genannt wurden. Diese Daten wurden dann in einer zweiten Analyse auf die Weltbevölkerung hochgerechnet.

Für das Jahr 2019 ermitteln die Forscher im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)01700-1) 1,377 Mio. kältebedingte und 356.000 hitzebedingte Todesfälle. In beiden Wetterextremen sind ischämische Herzerkrankungen die häufigste temperaturbedingte Todesursache: 2019 waren sie für 493.000 kälte­bedingte und 64.000 hitzebedingte Todesfälle verantwortlich.

Im Winter folgen Schlaganfälle (359.000) und untere Atemwegsinfektionen (146.000), im Sommer werden untere Atemwegsinfektionen (64.000) etwas häufiger als Todesursache genannt als Schlaganfälle (60.000). Auf Rang 4 folgt im Sommer der Diabetes mellitus (32.000) vor Verkehrsunfällen (26.000). Mit Suiziden (16.000), Gewalttaten (11.000) und Ertrinken (10.000) sind weitere Gewalteinwirkungen an heißen Tagen deutlich häufiger als an kalten Tagen. Im Winter lagen diese Todesursachen unter dem Durchschnitt, Kälte hat hier gewissermaßen eine protektive Wirkung.

Der Einfluss der Witterung auf die Sterberate war übrigens in den 9 untersuchten Ländern sehr unter­schied­lich. Nach den Berechnungen von Burkart sind in China 4,7 % aller Todesfälle auf nicht optimale Temperaturen zurückzuführen, in Brasilen waren es nur 1,2 %. Kälte war in China für 4,3 % aller Todes­fälle verantwortlich, gefolgt von Neuseeland mit 3,4 %. Hitzebedingte Todesfälle gab es in China mit 0,4 % ebenso häufig wie in Brasilien mit jeweils 0,4 %. Deutschland gehörte nicht zu den 9 untersuchten Ländern.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Antonio Gasparrini von der London School of Hygiene & Tropical Medicine und Mitarbeiter in einer Analyse von 384 Städten und Regionen in 13 Ländern (wiederum ohne Deutschland) im Lancet (2015; DOI: 10.1016/S0140-6736(14)62114-0).

Auch hier wurden mehr tempera­tur­bedingte Todesfälle durch Kälte (7,29 % aller Todesfälle) als durch Hitze (0,42 %) verursacht. Extreme Kälte und Hitze waren für 0,86 % der Gesamtmortalität verantwort­lich. Die Daten zeigen jedoch, dass die Mortalität im Hitzebereich mit jedem zusätzlichen Grad der Außen­temperatur deutlich stärker anstieg als im Kältebereich. Besonders stark betroffen sind von diesem Phänomen Großstädte wie Rom, Madrid, Sydney und New York, in denen die sommerlichen Temperaturen hoch sind. Aber auch in London war ein steiler Anstieg mit zunehmender Temperatur festzustellen.

Ein Team um Marcos Quijal-Zamorano vom ISGlobal in Barcelona hat die Situation für europäische Länder einschließlich Deutschland untersucht und einen Blick in die Zukunft gewagt. Auch in Europa sind die meisten temperaturbedingten Todesfälle auf niedrige Temperaturen zurückzuführen. Nach den in Lancet Planetary Health (2021; DOI: 10.1016/S2542-5196(21)00150-9) genannten Zahlen liegt der Anteil an allen Todesfällen bei 6,51 %. Auf eine zu hohe Hitze sind 0,65 % aller Todesfälle zurückzu­führen.

Die wenigsten temperaturbedingten Todesfälle gibt es den Berechnungen zufolge in Deutschland mit 4,85 %. In Italien ist der Anteil mit 9,87 % fast doppelt so hoch. Interessanterweise gibt es einen deut­lichen Unterschied zwischen Italien und Spanien und dem benachbarten Frankreich, wo die Zahl der temperaturbedingten Todesfälle auch in der Mittelmeerregion deutlich geringer ist.

Unter den verschiedenen Szenarien der Erderwärmung (RCP2.6 mit 1,67°C bis RCP8.5 mit 4,54°C Erwärmung bis 2099) wird die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Spanien und Italien stark zunehmen (Griechenland wurde nicht untersucht). Deutschland würde den Berechnungen zufolge selbst unter dem Szenario RCP8.5 nicht stärker belastet, als dies in Spanien zur Zeit der Fall ist. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER