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Paralympische Spiele in Tokio eröffnet

Dienstag, 24. August 2021

/picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Emilio Morenatti

Tokio – Die Paralympischen Sommerspiele in Tokio sind offiziell eröffnet: Kaiser Naruhito sprach heute bei der Eröffnungsfeier im Olympiastadion die traditionelle Begrüßungsformel. Die Zeremonie hatte Stunden zuvor mit einem Feuerwerkreigen begonnen. Wegen der Coronabeschränkungen gab es kaum Zuschauer im Stadion.

Wie die Olympischen Spiele waren auch die Paralympics wegen der Coronapandemie um ein Jahr ver­schoben worden. Sie dauern bis zum 5. September. An ihnen nehmen rund 4.400 Sportlerinnen und Sport­​ler aus mehr als 160 Ländern teil; allein das deutsche Team umfasst 133 Teilnehmer. An ihrer Spitze tru­gen Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller und Radfahrer Michael Teuber die Fahne ins Olympiastadion.

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Nicht dabei sein konnten hingegen die beiden Athleten aus Afghanistan – die Machtübernahme der radikalislamischen Taliban in ihrem Land hat ihre Teilnahme verhindert. Aus Solidarität zog dennoch auch ihre Landesfahne ins Stadion ein.

In der japanischen Hauptstadt gilt derzeit der Coronanotstand. In den vergangenen Tagen wurden mit 25.000 Infektionsfällen pro Tag neue Rekordwerte registriert, die Krankenhäuser stehen nach Angaben der Ärzte vor dem Zusammenbruch.

Am vergangenen Sonntag hatten die Organisatoren deshalb die Coronavorschriften nochmals verschärft: Unter anderem soll es noch mehr Tests geben als ursprünglich geplant, der Bewegungsradius der Sport­ler außerhalb der Wettkämpfe wurde weiter eingeschränkt.

Wie schon bei den Olympischen Spielen sind auch bei den Paralympics keine Fans in den Stadien zuge­lassen – eine Ausnahme gilt nur für Schulkinder, die im Rahmen eines integrativen Erziehungspro­gramms einigen Veranstaltungen zuschauen dürfen.

Wegen der steigenden Infektionszahlen in Tokio verzichteten Neuseelands 32 Sportler auf ihre Teilnah­me an der Eröffnungsfeier. „Wir bleiben unseren COVID-19-Prinzipien und Richtlinien weiterhin verpflich­tet, die unser Team so gut wie möglich schützen sollen“, teilte das neuseeländische Paralympics-Team im Vorfeld auf Facebook mit.

Die Einschränkungen durch die Corona-Regeln konnten der festlichen Stimmung bei der Eröffnungsfeier nichts anhaben, die unter dem Motto „We Have Wings“ (Wir haben Flügel) stand. Zwar verbargen die Coronaschutzmasken einen Großteil der Gesichter, dafür teilte sich die Freude bei vielen Teams umso stärker über ihre Körpersprache mit.

Der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees, Andrew Parsons, sagte bereits gestern, das Zu­schauerverbot sei „die richtige Entscheidung“. „Meine Botschaft lautet: Schalten Sie den Fernseher ein und genießen Sie so viele Wettbewerbe wie möglich.“

Bei der Zeremonie heute betonte Parsons, die Paralympics könnten eine „Plattform für Veränderungen“ werden. „Viele haben daran gezweifelt, dass es diesen Tag geben würde, viele hielten ihn für unmöglich, aber dank der Bemühungen vieler kann das umwälzendste Sportereignis der Welt nun beginnen.“

Bei den Athleten ist die Erleichterung darüber, dass die Spiele der Sportler mit Behinderung mit einem Jahr Verspätung stattfinden können, groß. Das Vertrauen in die japanischen Organisatoren ebenso. „Viele Athleten haben zu mir gesagt: Friedhelm, tu alles, dass die Spiele stattfinden. Wir haben unser ganzes Leben danach ausgerichtet“, sagte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: „Da hängen schließ­lich Lebensbilder dran. Ganze Planungen für den Beruf oder das Studium.“

Nun gelte das Motto: „Hauptsache Wettkampf! Das überwiegt die Anspannung und die traurige Gewis­heit, dass die Spiele ohne Zuschauer stattfinden.“ Deshalb habe er im Endeffekt „keinen einzigen ge­troffen, der mit einem flauen Gefühl in den Flieger gestiegen ist“. Im Gegenteil: „Die Athleten bersten förmlich vor Spannung.“

Dass der Verzicht auf Zuschauer außer 130.000 Kindern im Laufe der Spiele richtig ist, steht für Beucher und die deutschen Athleten aber außer Zweifel. Er habe noch „die unverantwortlichen Bilder von der Fußball-EM vor Augen“, sagt der Präsident: „Wir dürfen uns nicht sehenden Auges in eine Ansteckungs­situationen bewegen. Es geht viel Seele der Spiele verloren. Aber der Respekt vor der Gefährlichkeit des Virus gebietet es, auf liebgewonnene Gewohnheiten zu verzichten.“

Der Glaube an das Gesundheitskonzept der Japaner ist groß. Die Olympischen Spiele haben ihn trotz 547 registrierten Coronafällen mit direktem Olympia-Bezug gestärkt. „Das Prinzip der Blase, bei dem die Sportler kontaktfrei zur Bevölkerung sind, hat ja bei Olympia weitgehend funktioniert“, sagte Beucher.

„Wir sind während der Spiele die am lückenlosesten überwachte Gruppe auf dem Planeten“, sagte Rad-Paralympicssieger Michael Teuber, gemeinsam mit Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller Fahnenträger bei der heutigen Eröffnungsfeier: „Es wurde sehr viel dafür getan, dass es nicht zu einem globalen Su­perspreader-Event kommt.“

Kugel-Paralympicssieger Niko Kappel ist „froh, dass die Spiele in Japan stattfinden. Ich glaube, dass kein Land der Welt so gut organisiert ist wie Japan. Nicht einmal Deutschland.“ Es sei „schade, dass vieles weg­fällt und man keine Zeit hat, sich etwas von Tokio anzuschauen. Aber das ist diesmal eben so.“ Das Eigentliche, den Wettkampf, wisse man so vielleicht noch mehr zu schätzen.

So sieht es auch Irmgard Bensusan. „Sehr wenige können von sich sagen, dass sie bei Paralympics dabei waren“, sagt sie: „Wir können sogar sagen, dass wir bei historischen Paralympics dabei waren.“ Auch Jo­hannes Floors, wie Bensusan Gold-Hoffnung im Sprint, glaubt, „dass das wahrscheinlich einzigartige Spiele werden, wie es sie nie gegeben hat und hoffentlich nie wieder geben wird“.

Sprint-Kollege Felix Streng erklärt, dass eine Absage „für das Athleten-Herz sehr schwer gewesen wäre. Aber lässt man den Kopf etwas mehr zu Wort kommen, habe ich auch Verständnis für die Bevölkerung in Japan, die sich sehr einschränken muss und so einem Großevent skeptisch gegenüber steht.“ Man sei den Japanern „gegenüber verpflichtet, uns an die Regeln zu halten“, ergänzt Rehm deshalb.

Rehm hofft auf einen gesellschaftlichen Effekt durch die Spiele. „Es geht auch darum, etwas zu hinter­lassen“, sagt der 33-Jährige: „In Japan gilt es immer noch als schwach und negativ, im Rollstuhl zu sitzen oder eine Prothese zu haben.“ Deshalb wolle er eine Botschaft senden.

„Vor ein paar Jahren hättet ihr vielleicht noch gesagt, ich soll mich verstecken. Heute springe ich viel­leicht weiter als jeder bei Olympia und ihr jubelt mir zu“, erklärte Rehm: „Und auch eure Mitmenschen mit Behinderung können vielleicht eine spezielle Sache besser als alle anderen.“ © dpa/afp/aerzteblatt.de

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