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Medizin

Studie: Kochsalzersatz schützt Risikopatienten vor Schlaganfall

Dienstag, 31. August 2021

uwimages, stockadobecom

Peking – Der weitgehende Ersatz von Natrium- durch Kaliumchlorid hat in einer randomisierten Studie in China, wo der Salzkonsum hoch ist und die Zahl der Menschen mit einer Hypertonie in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat, die Zahl der Schlaganfälle in einer Gruppe von Hochrisikopatienten ge­senkt. Die Ergebnisse wurden auf der Jahrestagung der European Society of Cardiology vorgestellt und im New England Journal of Medicine (2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2105675) publiziert.

Der Einfluss des Kochsalzverzehrs auf den Blutdruck war und ist umstritten. Einige Experten halten die zu hohe Zufuhr der Bevölkerung in den meisten Ländern für einen der wichtigsten Risikofaktoren für eine arterielle Hypertonie und ihre atherosklerotischen Folgekrankheiten, andere bestreiten einen Zu­sammenhang zwischen Kochsalzkonsum und erhöhtem Blutdruck kategorisch.

Auch die Idee, die Kochsalzzufuhr durch den Austausch von Natrium durch Kalium zu senken, ist um­stritten. Public Health-Forscher rechnen mit einem Rückgang der Hochdruckfolgen in der Gesellschaft. Kritiker warnen vor einem Anstieg von plötzlichen Todesfällen durch Herzrhythmusstörungen, zu denen es infolge von erhöhten Kaliumkonzentrationen im Blut kommen könnte.

Die „Salt Substitute and Stroke Study“ (SSaSS) hat jetzt in China den Einfluss eines Kochsalzersatzes auf Schlaganfälle untersucht. Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Folgen eines erhöhten Blutdrucks, und in China hat die Zahl der Erkrankungen – möglicherweise infolge einer Änderung der Ernährungsge­wohnheiten mit einem hohen Salzkonsum – stark zugenommen.

Das Land hat laut der „Global Burden of Disease“-Studie mit die weltweit höchste Inzidenz von Schlagan­fällen mit schätzungsweise 1,57 Millionen Todesfällen im Jahr 2018. China gehört zu den Ländern, in denen ein Kochsalzersatz in der Nahrung erwogen wird. Die SSaSS sollte hierfür die notwendigen Ent­scheidungsgrundlagen schaffen.

Für die Studie wurden 600 Dörfer aus fünf Provinzen ausgewählt, die den sozioökonomischen Entwick­lungsstand der ländlichen Landkreise in dieser Provinz repräsentieren. Aus jedem Dorf wurden etwa 35 Personen rekrutiert.

Zu den Einschlusskriterien gehörte ein Schlaganfall in der Vorgeschichte und/oder ein unkontrollierter systolischer Bluthochdruck (über 160 mm Hg ohne oder über 140 mm HG mit blutdrucksenkenden Me­dikamenten) im Alter von über 60 Jahren. Ausgeschlossen wurden Personen, die ein Kalium-sparendes Diuretikum einnahmen oder unter einer schweren Nierenfunktionsstörung litten.

Die einzelnen Dörfer wurden dann auf zwei Gruppen randomisiert. In der Interventionsgruppe erhielten alle Teilnehmer kostenlos einen Salzersatz aus 75 % Natriumchlorid und 25 % Kaliumchlorid mit der Bitte, diesen ausschließlich zum Kochen, Würzen und Konservieren von Lebensmitteln zu verwenden. Die Durchführung der Studie in einer ländlichen Region in China erwies sich hier als Vorteil, weil industriell verarbeitete Lebensmittel dort wenig verbreitet sind und die Bevölkerung ihre Nahrungsmittel selbst herstellt und zubereitet.

In der anderen Gruppe wurde kein Salzersatz verteilt. Dort verwendeten die Teilnehmer weiterhin das normale Salz, das zu 100 % aus Natriumchlorid besteht. In beiden Gruppen wurden die Teilnehmer zu einem insgesamt sparsamen Einsatz von Salz aufgerufen.

Das Durchschnittsalter der 20.995 Teilnehmer betrug 65,4 Jahre, 72,6 % hatten bereits einen Schlagan­fall erlitten und 88,4 % hatten eine Hypertonie. Der mittlere Blutdruck lag bei 154,0/89,2 mm Hg und 79,3 % der Teilnehmer nahmen mindestens ein blutdrucksenkendes Medikament ein. Bei 41,8 % war dies ein Kalziumantagonist, bei 22,8 % ein ACE-Hemmer oder ein Angiotensin-Rezeptor Blocker, 11,5 % nah­men ein Diuretikum, 5,7 % einen Betablocker und 0,9 % einen Alphablocker ein. Die mittlere Kochsalz­ausscheidung im 24-Stunden-Urin betrug 4,3 Gramm.

Der primäre Endpunkt war die Häufigkeit von (erneuten) Schlaganfällen. Die mittlere Nachbeobach­tungs­zeit betrug 4,74 Jahre. Bei den Teilnehmern mit Kochsalzersatz kam es zu 29,14 Schlaganfällen auf 1.000 Personenjahre. In der Gruppe ohne Kochsalzersatz waren es 33,65 Schlaganfälle auf 1.000 Perso­nenjahre.

Yangfeng Wu von der School of Public Health der Universität Peking und Bruce Neal vom George Institute in Sydney ermitteln eine Rate Ratio von 0,86, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,77 bis 0,96 signifikant war. Der Kochsalzersatz hatte demnach das Schlaganfallrisiko um 14 % gesenkt.

Die Zahl der schweren kardiovaskulären Ereignisse (49,09 versus 56,29 Ereignisse pro 1.000 Perso­nen­jahre) ging um 13 % zurück (Rate Ratio 0,87; 0,80 bis 0,94). Die Zahl der Todesfälle (39,28 versus 44,61 Ereignisse pro 1.000 Personenjahre) sank um 12 % (Rate Ratio 0,88; 0,82 bis 0,95).

Der wichtigste Sicherheitsendpunkt war die Häufigkeit von Hyperkaliämien und plötzlichen Todesfällen. Hier erwies sich die Durchführung in einer ländlichen Region als Nachteil. Es war nicht möglich, regelmäßig die Kaliumwerte in Blut zu bestimmen.

Die Forscher mussten sich auf die medizinischen Befunde beschränken, die etwa bei einem Krankenhausaufenthalt erhoben wurden. So wurden denn auch nur 2 Fälle einer definitiven oder wahrscheinlichen Hyperkaliämie gefunden: 1 in der Kochsalzersatz-Gruppe und 1 in der Kontrollgruppe.

Weitere 313 Fälle einer möglichen Hyperkaliämie wurden bei verstorbenen Patienten (302 Fälle) oder bei Patienten mit nicht-tödlichen Ereignissen (11 Fälle) gefunden. Hier scheint es aber keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gegeben zu haben.

Wu und Neal geben die Gesamtinzidenz mit 3,35 versus 3,30 pro 1.000 Patientenjahre an, was eine Rate Ratio von 1,04 ergibt mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,80 bis 1,37. Durch die fehlenden Kontrolluntersuchungen lässt sich nicht ausschließen, dass schwere Hyperkaliämien übersehen wurden (die aber offensichtlich nicht die Reduktion von Sterbefällen verhindert haben).

Es bleibt abzuwarten, ob die chinesischen Behörden auf die Ergebnisse der Studie reagieren. Ein Salzer­satz wäre ökonomisch vertretbar. Die Kosten für ein Kilo Salz würden sich den Autoren zufolge in China von 1,08 auf 1,62 Dollar erhöhen. © rme/aerzteblatt.de

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