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Politik

Kabinett bringt Pläne für neue Coronaindikatoren auf den Weg

Dienstag, 31. August 2021

/picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Berlin – Das Bundeskabinett hat den von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgelegten Vorschlag für neue Indikatoren zur Bewertung der Coronalage auf den Weg gebracht.

„Wesentlicher Maßstab“ für zu ergreifende Schutzmaßnahmen soll demnach insbesondere die Zahl der in regionalen Kliniken aufgenommenen Coronapatienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sein, wie aus dem heute vom Kabinett beschlossenen Formulierungsvorschlag hervorgeht. Wann kriti­sche Schwellen erreicht sind, sollen die Länder festlegen.

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Je weniger Menschen wegen COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden müssten, desto mehr Freiheit sei möglich, sagte Spahn den Zeitungen der Funke Mediengruppe. An diesem Leitsatz sollten die Länder künftig ihre Pandemiepolitik ausrichten. „Bei hoher Impfquote wird die Inzidenz nicht überflüssig, aber sie verliert an Aussagekraft.“

Die Formulierungshilfe für die Koalitionsfraktionen von Union und SPD soll nun im Bundestag weiter be­raten und voraussichtlich in der kommenden Woche beschlossen werden. Hintergrund ist, dass die bisher als zentraler Indikator genutzte Zahl der Neuinfektionen (Inzidenz) angesichts des Impffortschritts nicht mehr so direkt auf die Klinikbelastung durchschlägt.

Wie es in dem Vorschlag heißt, sollen neben den Klinikeinweisungen „weitere Indikatoren“ bei der Be­wer­tung des Infektionsgeschehens berücksichtigt werden. Genannt werden die – nach Altersgruppen differenzierte – Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen, die verfügbaren In­tensivkapazitäten und die Zahl der Geimpften.

Die Landesregierungen sollen dann unter Berücksichtigung der jeweiligen stationären Versorgungskapa­zi­tä­ten Schwellenwerte für alle aufgeführten Indikatoren festsetzen können.

Am heutigem Vormittag gab es im Vorfeld des Bundestagsbeschluss eine kurzfristig anberaumte Anhö­rung im Gesundheitsausschuss, in der viele Sachverständigen eine stärkere Ausdifferenzierung der Krite­rien zur Bewertung der Pandemie forderten.

Dort erklärte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dass die Inzidenz der Altersgruppe 35plus nach wie vor sehr gut mit den Aufnah­men auf den Intensivstationen korreliere und daher Beachtung verdiene. Innerhalb der vergangenen vier Wochen sei ein deutlicher Anstieg der Anzahl von COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen zu verzeichnen – dies betrachte er „mit großer Sorge“.

Andrea Kießling von der Ruhr-Universität Bochum kritisierte, dass mit den aktuell geplanten Indikatoren lediglich die stationäre Versorgung, aber nicht die ambulante Versorgung in den Blick genommen werde. Auch diese könne aber überlastet sein, „was sich negativ auf die Versorgung in anderen Krankheitsfällen auswirkt“. Auch inwiefern Kinder bei steigenden Infektionszahlen geschützt werden müssen, beantworte die geplante Änderung nicht.

Der Deutsche Caritasverband wies darauf hin, dass auch Menschen, die nicht stationär wegen COVID-19 behandelt wurden, unter Long COVID leiden könnten. Elisabeth Fix von Caritasverband forderte eine Ergänzung um diesen Aspekt – zudem bedürfe auch die Entwicklung der Reproduktionsrate (R-Wert) weiterhin einer genauen Beobachtung.

Nach Auffassung von Martin Stürmer, Virologe und Leiter des IMD Labors Frankfurt, sollte die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin Bestandteil einer Regelung sein, um das Infektionsgeschehen auf einem möglichst niedrigen Level zu halten. Ein kompletter Verzicht oder eine nicht definierte Grenze der Sie­ben-Tage-Inzidenz für gegebenenfalls zu verschärfende Infektionsschutzmaßnahmen zum jetzi­gen Zeit­punkt bedeute, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung einer Coronainfektion schutzlos gegen­überstehe.

Christian Karagiannidis von der Universität Witten/ Herdecke – und wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters – verwies darauf, dass die Intensivbelegung nicht nur an die Inzidenz, sondern auch an den Impffortschritt insbesondere der über 35-Jährigen gekoppelt sei. Da dieser variiere und eventuell zu erwarten stehe, dass die Impfwirkung insbesondere bei Hochbetagten oder immunsupprimierten Patien­ten nachlässt, sollte dieser Faktor seiner Ansicht nach in die Findung der Grenzen der Inzidenzen miteinbezogen werden. © dpa/bee/EB/aerzteblatt.de

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