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Bundesärztekammer kritisiert Auffrischungs­impfungen ohne STIKO-Empfehlung

Donnerstag, 2. September 2021

/ picture alliance, Nicolas Armer

Berlin – In der Diskussion um Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 hat der Präsi­dent der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, das Fehlen einer entsprechenden Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) kritisiert.

Insgesamt fehlten noch aussagekräftige Studien, ob, wann und für wen eine Boosterimpfung angezeigt sei, sagte Reinhardt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Ich halte es deshalb für einen Fehler, dass Bund und Länder in der Breite Auffrischungsimpfungen angekündigt haben, ohne eine entsprechende Empfehlung der Stiko abzuwarten.“

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Theoretisch spreche einiges dafür, „dass eine Auffrischimpfung für Menschen mit bestimmten Vorer­krankungen, mit einem geschwächten Immunsystem sowie für Hochbetagte sinnvoll sein kann“, sagte der BÄK-Chef. Nach bisherigen Erkenntnissen sei die Drittimpfung aber für die meisten Geimpften nicht sofort nötig.

Es sei zu erwarten gewesen, dass Patienten nach dieser Ankündigung in den Praxen verstärkt Termine für Drittimpfungen nachfragten, so Reinhardt. „Da ist also von der Politik eine Erwartungshaltung bei den Pa­tienten geschürt worden, die viele Ärztinnen und Ärzte ohne eine wissenschaftlich fundierte Impf­em­pfehlung nicht bedienen wollen.“ Er könne daher alle Kollegen verstehen, die sich möglichst schnell eine klare Positionierung der STIKO wünschten. Reinhardt erklärte, die Problemlage sei der STIKO bewusst.

Die STIKO arbeitet derzeit intensiv an Empfehlungen für Auffrischungsimpfungen, wie sie gestern mit­teilte. Eine Entscheidung könnte in den kommenden ein bis wei Wochen fallen.

Die Krankheitsbekämpfungsbehörde der Europäischen Union (EU) sieht für die allgemeine Bevölkerung derzeit „keine dringende Notwendigkeit“ einer Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus, wie sie ges­tern Abend in einem Vermerk mitteilte. Demnach empfiehlt das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kon­trolle von Krankheiten (ECDC) solche zusätzlichen Dosen allerdings für Menschen mit ge­schwächtem Immunsystem.

„Nach derzeitigem Kenntnisstand besteht keine dringende Notwendigkeit, Auffrischungsdosen an voll­ständig geimpfte Personen in der Allgemeinbevölkerung zu verabreichen“, erklärte das ECDC. Die Priori­tät sollte darin bestehen, die infrage kommenden Personen zu impfen, die ihre Impfung noch nicht abgeschlossen haben. Für Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem sollten jedoch zusätzliche Dosen in Betracht ge­zogen werden, wenn sie keinen ausreichenden Impfschutz erreichen, fügte die in Stockholm ansässige Agentur hinzu.

Mehrere Bundesländer haben damit begonnen, Pflegebedürftigen, über 80-Jährigen und Men­schen mit Immunschwäche sogenannte Boosterimpfungen anzubieten. Der Start der Auffrischimpfungen geht auf eine entsprechende Entscheidung der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) von Anfang August zurück. Das Angebot gilt danach auch für Menschen, die eine vollständige Impfung mit Vektor-Impfstoff­en von Astrazeneca oder Johnson & Johnson erhalten haben.

Besorgt zeigte sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lau­terbach. „Ich befürchte, dass jetzt viele mit einer dritten Impfung versehen werden, die davon nicht profitieren, während diejenigen, die sie dringend benötigen würden, sie nicht bekommen“, sagte Lauterbach der Rheinischen Post.

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck bekräftigte seine Zweifel am Sinn einer durchgängigen dritten Impfung. „Es gibt keinen belastbaren Hinweis, dass die Wirkung von zwei Impfungen derart nachlässt, dass sie das Hauptziel des Schutzes vor einem schweren Verlauf prinzipiell nicht mehr gewährleisten“ sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. Nur bei Patienten mit hohem Risiko könne eine Boosterim­pfung sinnvoll sein.

Die Grünen warfen der Bundesregierung eine mangelnde Strategie für die Auffrischungsimpfungen vor. „Die Bundesregierung hat es verpasst, frühzeitig systematisch Daten für Deutschland zu erheben, für wen und wann sogenannte Boosterimpfungen zwingend sinnvoll sind", sagte der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen der Rheinischen Post.

Er forderte eine „systematische Auffrischimpfkampagne“ für alle Menschen, bei denen die Wirkung der Impfstoffe aufgrund hohen Alters oder geschwächten Immunsystems mutmaßlich zu gering ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte die reichen Länder im August aufgefordert, auf Auffri­schungs­impfungen zu verzichten, solange viele Millionen Menschen in armen Länder noch auf ihre erste Impfdosis warten. © kna/afp/may/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #800581
vorwerdi
am Freitag, 3. September 2021, 08:33

Nicht das erste Mal,

das sich KBV und BÄK uneins wären.
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