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Politik

Schwer psychisch Erkrankte sollen koordinierte Hilfe durch Ärzte- und Therapeutennetz erhalten

Freitag, 3. September 2021

/Racle Fotodesign, stock.adobe.com

Berlin – Für schwer psychisch erkrankte Erwachsene mit einem komplexen ärztlichen wie therapeuti­schen Behandlungsbedarf gibt es künftig ein neues Angebot in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Darauf hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hingewiesen, der in einer neuen Richtlinie die Details für diese koordinierte und strukturierte Versorgung (KSVPsych-RL) festgelegt hat.

Ziel ist es dem G-BA zufolge, alle für die Versorgung im Einzelfall benötigten Gesundheitsberufe zu ver­netzen, um Betroffenen schnell und bedarfsgerecht zu helfen. Das schließt auch Hilfen ein, wenn Patien­ten zwischen stationärer und ambulanter Versorgung wechseln müssen. Bezugs- und Koordinations­per­sonen für die jeweiligen Patienten komme dabei eine besondere Aufgabe im Netzverbund zu, so der G-BA.

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„Wir haben heute die Voraussetzungen für ein neues Versorgungsangebot für schwer psychisch Erkrankte geschaffen“, sagte Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des G-BA. Die bei einem komplexen Behand­lungsbedarf benötigten Berufsgruppen würden in einem regionalen Netzverbund zusammenarbeiten, so dass das benötigte Fachwissen gebündelt und die Leistungen für Patienten koordiniert angeboten wer­den könne.

Hecken führte aus, dass die Beratungen für diese Richtlinie nicht einfach gewesen seien. Grund sei, dass man den „berechtigterweise hohen Ansprüchen“ an solche Netzverbünde im Auge behalten müsse. Zugleich dürften diese Ansprüche „nicht zu Hürden werden, die eine Etablierung gänzlich verhindern.“

„Damit wäre niemandem gedient, am allerwenigsten den Patientinnen und Patienten“, sagte Hecken. An­ge­­­sichts dieser schwierigen Beratungssituation betonte er, mit wie viel hohem Verantwortungsgefühl und Kompromissbereitschaft die abschließenden Beratungen von allen Beteiligten geführt worden seien.

Mit der neuen Versorgungsform sollen laut G-BA insbesondere Menschen mit einer schweren psychi­schen Erkrankung erreicht werden, die wichtige Lebensbereiche wie Familie oder Beruf nicht mehr allein meistern können. In solchen Situationen besteht aus Sicht des Gremiums ein komplexer Behandlungsbe­darf.

Bei den neu zu gründenden berufsgruppen- und sektorenübergreifenden regionalen Netzverbünden sollen niedergelassene Fachärzte, Psychotherapeuten, stationäre Einrichtungen sowie Therapeuten verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten.

Die Anforderungen des G-BA an die Mitglieder und Kooperationspartner eines solchen Netzwerks sollen sicherstellen, dass die benötigte fachärztliche und therapeutische Expertise vorhanden ist. Dies schließt medizinische, psychotherapeutische, psychiatrische, ergo- wie soziotherapeutische, psychosomatische und psychosoziale Hilfen ebenso wie psychiatrische häusliche Krankenpflege ein. Vorgegeben ist auch, dass es mindestens zehn Akteure aus verschiedenen Gesundheitsberufen sein müssen, die sich zu einem Netzverbund zusammenschließen.

Der Erstkontakt von Patienten kann direkt über spezialisierte Fachärzte oder Psychotherapeuten eines Netzverbundes erfolgen. An den Netzverbund überweisen oder empfehlen können alle an der vertrags­ärzt­lichen Versorgung teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten sowie sozialpsychiatrische Dienste und ermächtigte Einrichtungen. Im Rahmen des Entlassmanagements haben auch Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen die Möglichkeit, Patienten die Weiterversorgung in einem Netzverbund zu empfeh­len.

Die Netzverbünde sollen laut G-BA sogenannte Eingangssprechstunden anbieten – in der Regel sollen Patienten dort innerhalb von sieben Werktagen einen Termin wahrnehmen können. In der Eingangs­sprechstunde sollen der Behandlungsbedarf ermittelt und mit der Diagnostik begonnen werden. „Liegen die Voraussetzungen für eine Komplexbehandlung vor, soll – in der Regel ebenfalls innerhalb von sieben Werktagen – eine Differentialdiagnostik durchgeführt werden. Die Behandlung soll zeitnah beginnen“, erklärt der G-BA.

Das Gremium weist darauf hin, dass zwei wesentliche Säulen der neuen Versorgungsform sogenannte Bezugsärzte und Bezugspsychotherapeuten seien. Das gelte auch für Personen, die die Versorgung der Patienten koordinierten.

Die Bezugsärzte und Bezugspsychotherapeuten sind verantwortlich für die individuell zugeschnittenen Gesamtbehandlungspläne von den Patienten. Aufgeführt werden müssen die individuellen Therapieziele sowie die als notwendig erachteten ärztlichen, pharmakologischen und psychotherapeutischen Maßnah­men.

Auch der Bedarf an Heilmitteln, Soziotherapie oder psychiatrischer häuslicher Krankenpflege soll laut G-BA festgehalten werden. „Inwieweit die Therapieziele erreicht werden oder gegebenenfalls eine Anpas­sung des Gesamtbehandlungsplans notwendig ist, wird regelmäßig in Fallbesprechungen mit allen an der Behandlung Beteiligten überprüft“, betont der G-BA.

Die Koordination des patientenindividuellen Versorgungsangebots übernimmt demnach eine nichtärztli­che Person, die beispielsweise in Sozio- oder Ergotherapie oder in psychiatrischer Krankenpflege ausge­bildet sein kann. Sie soll den Patienten dabei unterstützen, die einzelnen Behandlungsmaßnahmen wahr­zunehmen. Dazu gehören auch Terminvereinbarungen und ein individuelles Rückmeldesystem zum Einhalten der Termine.

Die Erstfassung der KSVPsych-RL tritt nach Prüfung des Bundesministeriums für Gesundheit und Ver­öffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft. Anschließend legt der Bewertungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen die benötigten Vergütungsziffern fest. Nach Inkrafttreten der Richtlinie können sich Netzverbünde gründen und diese neue Versorgungsform anbieten.

Der G-BA hat in der Richtlinie auch einen Evaluationsauftrag für das neue Versorgungskonzept aufge­nommen. Zentral ist dabei die Frage, ob die Versorgungsziele mit den getroffenen Regelungen erreicht werden konnten. Dabei sind auch mögliche Hindernisse bei der Umsetzung der Regelungen sowie unerwünschte Auswirkungen zu berücksichtigen. Für Kinder und Jugendliche will der G-BA ein ver­gleichbares Versorgungsangebot beschließen – dazu will der G-BA seine Beratungen fortführen.

Mit dem Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung hatte der G-BA die Aufgabe erhalten, Rege­lungen für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung, insbesondere für schwer psychisch kranke Versicherte mit einem komplexen psychiatrischen oder psychotherapeutischen Behandlungsbedarf nach Paragraf 92 Abs. 6b Sozialgesetzbuch V in einer eigenen Richtlinie zu definie­ren.

Er wurde beauftragt, Regelungen zu treffen, die diagnoseorientiert und leitliniengerecht den Behand­lungsbedarf konkretisieren. Ebenso sollte der Übergang von der stationären in die ambulante Versorgung für Patientinnen und Patienten leichter werden.

Die Psychotherapeuten zeigten sich heute erfreut. „Eines der großen Reformprojekte für schwer psy­chisch kranke Menschen dieser Legislaturperiode ist kurz vor ihrem Ende noch gelungen“, sagte Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Der Gemeinsame Bundesausschuss schaffe die Grundlage für tragfähige ambulante Netzwerke für schwer psychisch kranke Menschen, mit denen Krisen aufgefangen und Krankenhauseinweisungen vermieden werden können. © may/EB/aerzteblatt.de

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