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Politik

„Bei den Maßnahmen zur Tabakkontrolle hätten wir schneller und besser sein können“

Montag, 6. September 2021

Berlin – In Deutschland raucht etwa jeder vierte Erwachsene. Im Vergleich mit anderen Mitgliedstaaten der OECD liegt die Bundesrepublik damit im hinteren Drittel, viele europäische Nachbarn konnten den Konsum schon deutlich stärker einschränken. Auch die Bundesregierung hat eine deutliche Verringerung als Ziel ausgegeben. Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), will Ärztinnen und Ärzte stärker in diese Aufgabe einbinden.

5 Fragen an Daniela Ludwig, Drogenbeauftrage der Bundesregie­rung

DÄ: Die Reduzierung des Tabakkonsums in Deutschland soll eine Gemeinschaftsaufgabe von Politik und Gesundheitswesen werden. Dazu haben Sie zuletzt Fachgespräche unter anderem mit der Bundesärztekammer (BÄK), der Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Deutschen Rentenversicherung geführt. Was waren die Ergebnisse?
Daniela Ludwig: Diese Gespräche liefen wirklich sehr konstruktiv, es gab viel Input von allen Seiten. Deutlich wurde zum Beispiel, wie wichtig es ist, die niedergelassenen Ärzte dafür zu gewinnen, das Thema Rauchstopp noch aktiver anzusprechen. Da müssen wir weiter sensibilisieren. Natürlich müssen wir es den Ärztinnen und Ärzten auch leichter machen, dieses Thema ganz praktisch mitanzugehen.

Das beginnt bei Flyern und endet damit, dass wir schauen, wie wir das „Rauchfrei-Ticket“ der BZgA, das seit 15 Jahren erfolgreich im Krankenhausbereich angewendet wird, auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ermöglichen können.

Eindrucksvoll ist auf jeden Fall, welche Potenziale gerade Rehabilitations­einrichtungen für die Tabakentwöhnung bieten. Denn wer zur Reha geht, der bleibt in der Regel erst einmal einige Wochen da und beschäftigt sich ohnehin intensiv mit seiner Gesundheit. Bislang werden diese Potenziale für Raucherinnen und Raucher aber kaum genutzt. Da muss die Rentenversicherung dringend ran.

DÄ: Deutschland hat sich 2004 mit Unterzeichnung des Rahmenkontrollabkommens der WHO zu um­fänglichen Maßnahmen der Tabakkontrolle verpflichtet − darunter die Besteuerung von Tabakprodukten, Werbeverbote und Einschränkungen der Verkaufs- und Konsummöglichkeiten sowie umfassende Präven­tionsmaßnahmen. Nach Ansicht von Fachleuten ist bislang davon zu wenig umgesetzt worden. Im Ran­king der sogenannten „Tobacco Control Scale“, die die Tabakpolitik in Europa bewertet, liegt Deutschland auf dem letzten Platz. Warum wurde hier bislang so wenig unternommen?
Ludwig: Ich stimme zu, wir hätten schneller und besser sein können. Aber in den vergangenen zwei Jahren haben wir auch große Baustellen abgeräumt: Wir haben das Tabakaußenwerbeverbot inklusive Erhitzern und Verdampfern verabschiedet und auch die Tabaksteuer erhöht und eine eigene Steuerklasse für die neuen Tabakalternativen geschaffen.

Wir haben durchgesetzt, dass Arzneimittel zur Tabakentwöhnung von der Gesetzlichen Krankenversiche­rung übernommen werden können. Dazu kommt unsere neue Bundesinitiative für alle Raucherinnen und Raucher, um Hilfe beim Rauchausstieg zu finden und anzunehmen. Das sind alles wichtige Schritte in die richtige Richtung, die langfristig das Nichtrauchen noch attraktiver als bisher machen.

DÄ: Im April ging die Bundesinitiative „Rauchfrei leben – Deine Chance“ an den Start. Welche Ziele verfolgt die Kampagne?
Ludwig: Diese Kampagne ist ein Novum. Noch nie gab es ein solches Engagement aller „big player“ des Deutschen Gesundheitssystems, die ihre Kräfte gegen das Rauchen gebündelt haben. „Rauchfrei leben – Deine Chance“ bietet über viele Kanäle nicht nur alle aktuellen Informationen rund um das Thema Rau­chausstieg, sondern auch aktive Hilfe bei der Suche nach Unterstützungsangeboten in ganz Deutschland.

Studien belegen, dass ein Rauchstopp viel besser und einfacher gelingt, wenn man sich dabei ärztliche oder therapeutische Hilfe holt. Niemand muss da alleine durch und viele der geprüften Angebote sind sogar kostenlos und werden von den Krankenkassen bezahlt. Wenn jemand also mit dem Rauchen auf­hören möchte, muss sie oder er nur auf die Webseite www.nutzedeinechance.de gehen und findet dort alles, was sie oder er braucht. Es gibt also keine Ausreden mehr.

DÄ: Laut Umfragen der BZgA ist der Anteil rauchender Jugendlicher zwischen 12 und 17 in den vergan­genen Jahren stetig gesunken und liegt nun bei 7,2 Prozent. Doch der Anteil in der Altersgruppe der 18–25-Jährigen liegt mit 28,8 Prozent fast vier Mal so hoch. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund und welche Gegenmaßnahmen sind geplant?
Ludwig: Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Tabak-Prävention an Schulen, bei Kinderärzten und im Freizeitbereich betrieben. Damit haben wir eindeutig die Jüngeren erreicht. Zur Realität gehört aber, dass jüngere Erwachsene, gerade wenn sie das Elternhaus, den geschützten Raum der Schule verlassen und selbstständig werden, vieles ausprobieren möchten. Dazu scheint den Zahlen nach zu urteilen auch das Rauchen oder Alkohol zu gehören.

Das verdeutlicht, dass Prävention eine Daueraufgabe in unserer Gesellschaft ist. Diese Daueraufgabe muss künftig weiter von Bund und Ländern ausreichend finanziert werden. Wir müssen zielgerichteter an die Universitäten, Berufsschulen, in die Betriebe. Die neue Bundesinitiative enthält unter anderem einen Ersparnisrechner, ein Tool, um gerade den jungen Erwachsenen zu verdeutlichen, wie sehr das Rauchen auch ins Geld geht.

DÄ: Einige Expertinnen und Experten machen auch Zigarettenersatzprodukte wie E-Zigaretten und Tabakverdampfer für den starken Anstieg bei Jüngeren verantwortlich, denn sie werden derzeit noch gezielt für diese Gruppe beworben. Welche Rolle spielen diese Produkte in der Tabakstrategie der Bundesregierung?
Ludwig: Ich teile hier eindeutig die Einschätzungen des Deutschen Krebsforschungszentrums oder auch die der WHO: Diese Produkte sind alle nicht gesund, sie sind nicht harmlos und man sollte sie nicht konsumieren. Nach wie vor sind die Langzeitfolgen unklar. Klar ist aber, dass in diesen Produkten gesundheitlich sehr bedenkliche Stoffe enthalten sind wie Formaldehyd oder auch Nikotin, was stark abhängig macht.

Häufig werden auch Zigaretten und Erhitzer abwechselnd konsumiert, somit haben wir bei vielen Rau­cherinnen und Rauchern keinen kompletten Wechsel von der klassischen Zigarette auf die Alternativen. Selbst wenn die Erhitzer und Verdampfer weniger Schadstoffe enthalten, sind sie noch lange kein Well­nessprodukt. © alir/aerzteblatt.de

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