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Politik

„Meiner Ansicht nach ist das KHZG ein großer Wurf“

Freitag, 17. September 2021

Berlin – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesund­heits­versorgung und mit unter­schiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt.

Diesmal: DIVI-Präsident Prof. Dr. med. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. Er fordert unter anderem weitere Fortschritte auf dem Felde der Digitalisierung sowie eine Stärkung der Telemedizin.

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5 Fragen an Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin

DÄ: Welches sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Gernot Marx: Erstens sollte eine wirklich bürgerzentrierte Digitali­sierung umgesetzt werden. Die Patientinnen und Patienten sollten die Datenhoheit innehaben, aber eben auch konkreten Nutzen erfahren. Etwa durch den Wegfall der, bislang oft in den Behand­lungspfaden notwendigen, mehrfachen Datenerhebung. Hier muss die Denkweise praktischer, also quasi kundenorientierter, werden.

Zweitens muss endlich eine wirklich sektorenübergreifende Ver­sor­gung etabliert werden. Die vorhandenen Versorgungsbedarfe sollten beachtet und den Bürgern unter Stärkung des Netzwerk­gedankens die entsprechende Expertise zur Verfügung gestellt werden. So wäre es möglich, wohnortnah zu versorgen und zu­gleich Spezialwissen zur Verfügung zu stellen.

Drittens sind dringend weitere Fortschritte auf dem Felde der digitalen Standardisierung nötig. Insbe­son­dere für die Kommunikation im Gesundheitswesen und den Informationsfluss wäre dies wichtig. Dies gilt für das deutsche Gesundheitssystem, darüber hinaus sollte aber auch gesamteuropäisch gedacht werden.

DÄ: Die Schlagzahl bei der Digitalisierung war in der letzten Legislaturperiode sehr hoch. Was hat Ihnen gefehlt?
Marx: Wir befinden uns mitten im Digitalisierungsprozess – aber dieser hat deutlich an Fahrt gewonnen und ich verspüre mehr Zuversicht als noch vor wenigen Jahren.

Deshalb sind klare gesetzliche Regelungen zur nachhaltigen Finanzierung der Telemedizin der nächste wichtige Schritt. Derzeit existieren noch zu viele Hürden, um sinnvolle und die Versorgung verbessernde Projekte in die Regelversorgung zu bekommen.

Nicht zuletzt die Coronapandemie hat veranschaulicht, dass Telemedizin Spezialexpertise und Fach­wissen in die Fläche ausstrahlen kann. Ein Beispiel stellt die Plattform des Virtuellen Krankenhauses NRW dar. Uniklinik RWTH Aachen und Uniklinik Münster, haben in den vergangenen Monaten tausende Konsile durchgeführt und mehrere hundert COVID-19-Patienten teleintensivmedizinisch betreut. So konnten wir die Arbeitslast bei gleichbleibend hoher Qualität viel besser auf mehrere Häuser verteilen und der Zugang zum Expertenwissen eines Maximalversorgers konnte durch ein digitales Versorgungs­netzwerk zeit- und ortsunabhängig sichergestellt werden.

DÄ: Wie schätzen Sie die Fördermechanismen des KHZG und etwaige Umsetzungsherausforderungen ein?
Marx: Meiner Ansicht nach ist das KHZG ein großer Wurf. Es induziert den dringend notwendigen Schub für die Digitalisierung der Krankenhäuser. Auch die extrem weit gedachte Messung des digitalen Reife­grades der Einrichtungen finde ich aus verschiedenen Gründen wichtig. Dieses Instrument wird uns neben Informationen zum derzeitigen Standing im internationalen Vergleich auch die erzielten Effekte der mit den KHZG-Mitteln umgesetzten Maßnahmen aufzeigen. In diesem Rahmen könnten dann durch­aus auch weitere, von der Politik als förderungswürdig erachtete, Optimierungsbedarfe zutage treten.

Um das unheimliche Potenzial der digitalisierten Gesundheitsversorgung zu heben, muss allerdings die Finanzierung der benötigten Strukturen und des Personals verstetigt werden – hier braucht es auf allen politischen Ebenen ein Umdenken.

Die hochvolumige finanzielle Förderung durch das KHZG wird aber bereits einen spürbaren Unterschied machen. Die gesetzten Timelines sind zwar recht sportlich, aber hier hoffe ich auf ein gewisses Maß an Flexibilität in der Umsetzung des Gesetzes. Bedauerlich ist, dass der ambulante Bereich ausgespart wurde.

DÄ: Sehen Sie bezüglich der Digitalisierung im Gesundheitswesen speziell bei Ärztinnen und Ärzten noch Vermittlungsprobleme – und wenn ja: wie kann man das ändern?
Marx: Generell sehe ich hier eine deutlich positive und konstruktiv nach vorne gerichtete Entwicklung. Nehmen wir nur das Beispiel des Ausbaus der Fernbehandlungsmöglichkeiten, welcher ja von der Ärzte­schaft eingeleitet wurde.

Um von der Sinnhaftigkeit einer umfassenden Digitalisierung der Versorgungslandschaft zu überzeugen, braucht es meiner Meinung nach in der Kommunikation vor allem viele beispielhafte Projekte, die evi­denz­basiert Nutzen bringen – wenn Andere positiv berichten, sind viele Weitere bereit es selbst einmal zu probieren.

DÄ: Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung stellt der Umgang mit Gesundheitsdaten dar. Wie sehen Sie das auch öffentlich zunehmend in der Diskussion befindliche Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Datennutzung (inkl. Datenspenden)?
Marx: Natürlich sind Gesundheitsdaten besonders sensibel – deshalb müssen der Datenschutz und die Datensicherheit über ein hohes Niveau verfügen. Allerdings sind in Deutschland die für die Entwicklung neuer Ansätze notwendigen Datenschutzprozesse oft sehr langwierig.

Hier müssen wir die Geschwindigkeit deutlich steigern, andernfalls verlieren wir im internationalen Wettbewerb um digitale Versorgungsangebote zunehmend an Boden. Wir sollten die Verbesserung der Gesundheit unserer Patienten immer im Blick haben – und nicht von vornherein Möglichkeiten ausschließen oder aufhören weiter zu denken, nur weil der Datenschutz ein Problem darstellen könnte. © aha/aerzteblatt.de

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