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Ärzteschaft

„Es braucht ein klares politisches Bekenntnis, ambulante Strukturen zu erhalten“

Donnerstag, 16. September 2021

Berlin – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt.

Diesmal: Doris Reinhardt, Allgemeinärztin aus Baden-Württemberg, fordert ein klares Bekenntnis aus der Gesundheitspolitik, dass die Strukturen bei den niedergelassenen Praxen auch künftig erhalten werden.

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5 Fragen an Doris Reinhardt, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Pandemiebeauftragte der KV Baden-Württemberg

DÄ: Welches sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Reinhardt: Die Pandemie hat sehr deutlich gezeigt, dass die ambulante medizinische Versorgung wohnortnah durch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie Praxisteams Regel-versorgung und Pandemie kann. Das ist seit über einem Jahr Sicherstellung der Versorgung auf höchstem Niveau – trotz massiver Mehrbelastung und Mehrarbeit der Praxisteams.

Und dies ja nicht nur in der Regelversorgung sondern auch in allen anderen Coronaversorgungsstrukturen plus ärztlicher Bereitschaftsdienst 24/7.

Ich fordere daher ein klares politisches Bekenntnis, dass diese Strukturen auch politisch nachhaltig gewährleistet werden: Sicherstellungsauftrag, Selbstverwaltung und der freie Arztberuf sind Grundvoraussetzungen für diese Versorgungsqualität.

DÄ: Was behindert den ambulanten Praxisalltag am meisten?
Reinhardt: Naja; in einer Pandemie mit ständig sich verändernden hochkomplexen Dokumentations- und Testkonstellationen konfrontiert zu werden, ist eine vermeidbare Zumutung, die eine Kultur des Vertrauens erfordert. Bürokratie und Digitalisierung sind ja kein Selbstzweck. Der Begriff Bürokratie wird ja sehr unterschiedlich genutzt.

Klar ist, dass wir heute in der Patientenversorgung sehr viel mehr Dokumentation leisten und sehr viel mehr Informationen der Patienten verarbeiten müssen. Aktualisierung der Medikationspläne, Abstim­mung von Multimedikation, Veranlassung von erforderlichen Kontrolluntersuchungen und dies auch mit den Patienten zu besprechen, dass alles bedeutet ja auch „Bürokratie“, weil es bewältigt und organisiert werden muss. Die Digitalisierung hat in den Praxen ja längst Einzug gehalten.

Patientenversorgung muss aber auch offline möglich sein und darf nicht unterbrochen werden, weil die TI gerade mal wieder ausfällt oder der Versicherte sein „Kärtle“ nicht dabei hat. Digitalisierung bedeutet ja auch, dass alle Beteiligten diese auch kompetent nutzen können. Grundvoraussetzung ist auch eine verlässliche technische Infrastruktur und Marktreife der Anwendungen bei der Einführung. Dass viele Menschen ein Smartphone besitzen ist nicht gleichzusetzen mit digitaler Kompetenz.

Noch eine Anmerkung zur viel zitierten ePA und den damit verbundenen Erwartungen: Die ePA ist eine patientengeführte, freiwillige Akte des Patienten und keine fallgebundene leistungserbringergeführte Akte. Bedeutet für mich ganz klar: Diese ePA ist keine verlässliche umfassende Informationsgrundlage, um allein damit ärztliche Entscheidungen zuverlässig treffen zu können. Somit sind wir beim Thema Mehrwert Digitalisierung und qui bono.

Nach der Bundestagswahl: Was verändert werden müsste

Mit Blick auf die Wahl, das Interesse an und den Stellenwert von Gesundheit durch die Pandemie, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden? Antworten von 18 Expertinnen und Experten. Zeitmangel in der Versorgung, mehr medizinische Fachkräfte, Sektorengrenzen überwinden sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser und eine bessere Bezahlung in der

DÄ: Wenn Sie eine/n Nachwuchsmediziner/in überzeugen müssten: Was spricht heute noch für eine Niederlassung in eigener Praxis?
Reinhardt: Eigentlich ganz viel. Die Niederlassung, das selbst organisierte Arbeiten im Praxisteam, die Vielfalt, die Verantwortung – das alles sind Herausforderungen und Chancen. Die Patientenbehandlung und oft langjährige Begleitung selbstbestimmt und am persönlichen Bedarf der ärztlichen Notwendig­keit des Patienten orientiert zu gestalten, ist sehr erfüllend. Gerade diese Kompetenzen gewährleisteten ja, dass 90 Prozent der COVID-19-Patientinnen und Patienten in der Regelversorgung diagnostiziert, behandelt und nun auch geimpft werden können.

Zur Niederlassung als Nachwuchsmediziner braucht es aber auch die Garanten: Freiberuflichkeit, Selbstverwaltung und Sicherstellungsauftrag.

DÄ: Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im stationären Bereich?
Reinhardt: Die Lebenswirklichkeit der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen gerade im stationären Bereich hat sich sehr verändert. Die Arbeitsverdichtung hat auch dort massiv zugenommen.

Für mich absolut nachvollziehbar, dass hierunter auch die Qualität der Zusammenarbeit leidet. Die Erreichbarkeit bei Rückfragen ist sehr eingeschränkt, gerade bei Rückfragen zu Entlassmedikation und damit hausärztlicher Folgebehandlung ist dies taggleich oft nicht möglich.

Auch weil zum Beispiel der diensthabende Arzt keinen Zugriff auf die Patientenakte hat, geschweige denn den Patienten selbst auch kannte. Wenn wir im Kontakt sind, ist die Zusammenarbeit gut, aber der Zeitaufwand bis dieser Kontakt stattfinden kann, ist nicht hinnehmbar, da bisher nicht strukturiert möglich.

DÄ: Vor dem Hintergrund steigender Behandlungsbedarfe und zugleich begrenzter Ressourcen wird zunehmend über eine stärkere Patientensteuerung – auch abseits der Notfallversorgung – diskutiert. Wie schätzen Sie die Notwendigkeit sowie mögliche Lösungsansätze ein?
Reinhardt: Die steigenden Behandlungsbedarfe entwickeln sich derzeit aus verschiedenen Gründen. Multimorbidität einer alternden Gesellschaft kann nicht hoch genug als Herausforderung bewertet werden. Und gerade da ist es immens wichtig, dass strukturierte Versorgung sich an der Lebenswirk­lichkeit der einzelnen Personen orientiert.

Daher müssen wir das Thema Patientensteuerung und kooperierende Versorgung am Versorgungsbedarf der Menschen orientieren. Gerade weil die Ressourcen begrenzt sind, nutzen wir in den hausärztlichen Praxisteams seit Jahren die Verahs und qualifizierte medizinische Fachangestellte in der Patienten­versorgung.

Jede Versorgung, die da gut gewährleistet ist, schlägt nicht ungesteuert in den anderen Versorgungs­bereichen auf. Also ganz klar: Die hausärztliche Teampraxis ist das Kernstück einer guten Versorgungs­steuerung. Der typische hausärztliche Patient hat in der Sprechstunde zwei bis sechs Themen, Beschwerden oder Fragen pro Beratungsanlass. Das als Ausdruck der Komplexität bei Multimorbidität.

Daher ist es unerlässlich, dass wir sehr genau klären und definieren was gemeint ist, wenn wir von sektorenübergreifender Versorgung oder Case-Management sprechen – gerade im Hinblick auf die begrenzten verfügbaren Ressourcen. © aha/aerzteblatt.de

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