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Politik

Coronaquarantäne in den Schulen soll nur noch für fünf Tage gelten

Dienstag, 7. September 2021

/dpa, Christian Charisius

Berlin/München – Die Gesundheitsminister der Länder haben sich mehrheitlich für einfachere Quarantä­neregeln bei Coronafällen in Schulen ausgesprochen. Grundsätzlich solle bei einem Fall nicht mehr für die gesamte Klasse Quarantäne angeordnet werden, heißt in einem Beschluss nach den gestrigen Bera­tungen mit dem Bund. Symptomfreie Kinder, die als enge Kontaktpersonen in Quarantäne sind, sollen diese frühestens nach fünf Tagen mit einem negativen Test beenden können.

Der Vorsitzende der Länderressortchefs, Klaus Holetschek (CSU) aus Bayern, sagte, dies solle als „Leit­plan­ken“ für die Gesundheitsämter dienen. Der Beschluss wurde bei Enthaltung zweier Länder ange­nommen. „Unser gemeinsames Ziel ist, im neuen Schuljahr so viel Präsenzunterricht wie möglich zu garantieren – bei bestmöglichem Infektionsschutz für alle“, sagte Holetschek.

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Bislang gehen die Länder bei einer Quarantänedauer von 14 Tagen unterschiedlich damit um, wenn sich in einer Klasse ein infiziertes Kind findet. Teilweise werden nur Sitznachbarn in Quarantäne geschickt, teils ganze Klassen.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn befürwortete einfachere Regeln, pochte aber zugleich auf Schutzkonzepte. Voraussetzung sei, dass Grundregeln umgesetzt würden, nämlich Maske im Unterricht, regelmäßige Tests und Lüftungskonzepte, sagte der CDU-Politiker vor den Bund-Länder-Beratungen.

In dem Beschluss heißt es, Quarantäneanordnungen seien generell „mit Augenmaß“ in Abhängigkeit von der Einhaltung solcher Konzepte zu erlassen. Im Interesse eines möglichst verlässlichen Präsenzunter­richts sei die Anordnung einer Quarantäne außerdem „auf möglichst wenige Personen“ zu beschränken.

Geimpfte und genesene Personen sollen grundsätzlich ausgenommen sein. Die nötigen Maßnahmen solle die Gesundheitsbehörde vor Ort treffen. Bei übrigen Kindern der Klasse, die nicht als enge Kontakt­personen eingestuft sind, sollten „für eine gewisse Zeit“ intensivierte Tests vorgenommen werden, heißt es in dem Beschluss weiter.

Auch in Kitas solle es Quarantäne „nur mit Augenmaß unter Berücksichtigung der Belange der Kinder und Kinderbetreuungseinrichtungen“ geben. Auch dort soll ein „Freitesten“ aus einer Quarantäne nach frühestens fünf Tagen möglich sein. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte vor den Be­ratungen für eine große gemeinsame Linie der Länder geworben, die für sehr viel Akzeptanz bei Eltern sorgen würde.

Auffrischungsangebote werden ausgeweitet

Die Ländergesundheitsminister beschlossen außerdem, das Angebot für Auffrischungsimpfungen auszu­weiten. „Künftig können auch Bürgerinnen und Bürger über 60 Jahren nach ärztlicher Beratung und in­dividueller Entscheidung eine Drittimpfung wahrnehmen – aber frühestens sechs Monate nach der ers­ten vollständigen Impfserie“, sagte Holetschek.

Angeboten werden solle dies zudem auch Pflegekräften in Alten- und Pflegeheimen und weiteren Ein­richtungen für gefährdete Gruppen. Möglich sind Auffrischungsimpfungen unter anderem schon für Pfle­gebedürftige, Menschen mit Immunschwäche und ab 80 Jahren.

Die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert, begrüßte die einheitliche Regelung gegenüber der Welt. „Die Gesundheitsämter haben nun einen einheitlichen Rahmen, an dem sie sich orientieren können“, sagte Teichert.

Der Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft VBE, Udo Beckmann, sagte: „Die Zeit für eine Quarantäne zu verkürzen und sie auf fünf Tage durch einen Test zu begrenzen, trägt dazu bei, transparente Regelungen zu schaffen. Das baut Unmut und Unverständnis der Menschen ab.“ Die eigentliche Aufgabe bleibe aber, nachvollziehbar und möglichst ebenso bundesweit festzulegen, nach welchen Indikatoren entschieden werde, wer in Quarantäne gehen müsse.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) übte Kritik an den Beschlüssen. Der Präsident der ÄKWL, Hans-Albert Gehle, warf der GMK vor, sie habe die Risiken zwischen Folgen und Nutzen der Quarantäne für Schulkinder als Kontaktpersonen ihrer Mitschüler nicht abgewogen und die fachlich begründeten Stellungnahmen der Kinder- und Jugendärzte sowie vieler Gesundheitsämter nicht berücksichtigt.

„Die neue bundesweite Regelung, die Sitznachbarn für fünf Tage bis zu einem negativen Coronatest in Quarantäne zu schicken, ist in Nordrhein-Westfalen seit August bereits häufig angewendet worden, bedeutet aber trotzdem Homeschooling für viele Kinder.“ Gehle fordert stattdessen, lediglich die positiv getesteten Kinder und Jugendlichen in Quarantäne zu schicken.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sprach sich für gezieltere Quarantäne­re­geln an Schulen aus. Bedingung sei eine sorgfältige Kontrolle über Tests, sagte Präsident Jörg Dötsch bei einem Pressebriefing des Science Media Centers.

Er rief zugleich Erwachsene zu Impfungen auf. Schulschließungen hätten dazu beigetragen, dass es unter Erwachsenen weniger schwere Verläufe gegeben habe. „Wir fordern ganz klar: Bevor noch einmal eine Schule geschlossen wird, müssen auch alle anderen Bereiche des öffentlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens geschlossen werden.“

Spahn appellierte ebenfalls an die Verantwortung der Älteren. Kinder und Jugendliche hätten in der Pandemie auf viel verzichtet, jetzt hätten sie es verdient, dass auf sie Rücksicht genommen werde.

Dazu gehöre, die Coronaausbreitung durch Vorsicht einzudämmen – denn es gebe einen klaren Zu­sam­men­hang zwischen den Infektionen insgesamt und dem Ausbruchsgeschehen etwa in Kitas und Schulen. Zudem sollten sich mehr Menschen impfen lassen. „Es sollten nicht die Impfmuffel am Ende auch noch die unter 12-Jährigen mit in eine schwierige Situation bringen“, sagte Spahn. Für Kinder unter 12 gibt es keinen Impfstoff. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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