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Medizin

SARS-CoV-2: Wie eine schlechte Belüftung das Infektionsrisiko in Innenräumen erhöht

Dienstag, 7. September 2021

/dpa

Bonn/Eugene/Oregon – Eine schlechte Belüftung fördert die Übertragung von SARS-CoV-2 in Innenräu­men, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des vermutlich ersten Super-Spreader-Ereignisses in Deutschland in medRxiv (2021; DOI: 10.1101/2021.09.01.21262540). Eine experimentelle Studie in Research Square (2021; DOI: 10.21203/rs.3.rs-861942/v1) bestätigt, dass häufiges Lüften die Viruskonzentration in der Luft senken kann.

Im Februar des vergangenen Jahres hatten etwa 450 Menschen der Gemeinde Gangelt im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg unbekümmert ihre jährliche Karnevalssitzung gefeiert. Niemand ahnte, dass sich unter den Feiernden mindestens 1 Person befand, die mit SARS-CoV-2 infiziert war und das Coronavirus vermutlich in größerer Menge in den 320 m2 kleinen Saal verteilte, wo die Gäste eng ge­drängt an 43 Tischen (1,4 Personen/m2) saßen.

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An einer Stirnseite des Raums befand sich die Bühne, an der anderen eine Bar. Es wurde viel Alkohol ausgeschenkt und vermutlich ausgiebig geschunkelt. Die fünfstündige Sitzung wurde nur einmal durch eine Pause unterbrochen.

Für „frische“ Luft sorgte eine Klimaanlage, die allerdings nur 25 % der Luft durch Außenluft ersetzte. Die restlichen 75 % wurden bei jedem Durchgang wieder in den Saal geleitet. Die Filter der Lüftung waren technisch nicht in der Lage, Viren abzuhalten. Aus Lärmschutzgründen waren die Fenster geschlossen geblieben.

In den Wochen nach der Sitzung stieg die Inzidenz in Gangelt an. Der Kreis Heinsberg wurde zu einem der ersten Hotspots in Deutschland. Ein Team um Hendrik Streeck von der Universität Bonn hat alle Teilnehmer 51 Tage nach der Feier zu einer Untersuchung eingeladen, an der 411 (91,3 %) teilnahmen.

Von den 404 Personen, bei denen Blutproben entnommen wurden, hatten 186 IgG-Antikörper im Blut. Damit hatte sich fast die Hälfte auf der Karnevalsveranstaltung (oder auch in den Tagen danach) mit SARS-CoV-2 infiziert.

Die Bonner Virologen haben das Superspreaderereignis, über das in den Monaten danach ausführlich in den Medien berichtet wurde, jetzt noch einmal genauer unter die Lupe genommen, um zu ermitteln, welche Faktoren das Infektionsrisiko der einzelnen Personen gefördert haben könnte.

Das Geschlecht hatte keinen Einfluss auf das Infektionsrisiko (Odds Ratio 1,01; 95-%-Konfidenzintervall 0,65 bis 1,58). Ein höheres Körpergewicht könnte das Infektionsrisiko dagegen gefördert haben: Der Body-Mass-Index der Infizierten lag im Durchschnitt bei 26,2 kg/m2 gegenüber 24,3 kg/m2 bei nicht infizierten Personen. Eine Komorbidität, die nachweislich das Risiko einer schweren Erkrankung erhöht, hatte dagegen keinen Einfluss auf das Infektionsrisiko.

Für das Alter war ein Einfluss nachweisbar: Kinder erkranken mit einer Odds Ratio von 0,31 (0,14 bis 0,69) seltener als ältere Erwachsene (40 bis 65 Jahre). Ein protektiver Trend war auch für jüngere Erwach­sene (18-25 Jahre) (Odds Ratio 0,53; 0,26 bis 1,09), sowie für Erwachsene zwischen 25 und 40 Jahren (Odds Ratio 0,48; 0,28 bis 0,85) nachweisbar. Senioren ab 65 Jahren infizierten sich tendenziell häufiger (1,1; 0,31 bis 3,97).

Die räumliche Analyse ergab, dass die meisten Infektionen an den Tischen in der Nähe der Bar aufgetre­ten waren, sowie auf der Bühne. Auf der Bühne infizierten sich 18 von 24 Personen. Bezüglich der Raum­lüftung ließ sich ein erhöhtes Risiko an den Stellen nachweisen, in denen die Luft in den Saal gepustet wurde (Odds Ratio 1,39; 0,86 bis 2,25). Ein leicht erhöhtes Risiko an den Ansaugstellen (Odds Ratio 1,17; 0,72 bis 1,89) konnte auf andere Faktoren zurückgeführt werden.

Ein vermindertes Risiko war dagegen für Personen nachweisbar, die die Pause genutzt hatten, um sich an die frische Luft zu begeben (Odds Ratio 0,55; 0,33 bis 0,91). Interessanterweise hatten auch Raucher ein niedrigeres Risiko (Odds Ratio 0,32; 0,12 bis 0,81), das teilweise, aber nicht vollständig auf die „Raucher­pausen“ im Freien zurückzuführen war. Die Forscher betonen, dass Rauchen keine sichere Schutzmaß­nahme gegen SARS-CoV-2 ist.

Ein Einfluss des Alkoholkonsums auf das Infektionsrisiko war übrigens nicht nachweisbar, auch wenn die Zahl der Infektionen in der Nähe der Bar am höchsten war. Die Luftzufuhr aus der Klimaanlage könnte hier eine Rolle gespielt haben, vermutet Streeck. Der Virologe schließt aus den Ergebnissen, dass die mangelnde Belüftung des Saales, in dem sich viele Personen auf engstem Raum über einen längeren Zeitraum aufhielten, ein wichtiger Grund für die hohe Zahl der Infektionen war.

Die Bedeutung eines Luftaustausches wird auch von einem Team um Kevin van den Wymelenberg von der Universität von Oregon in Eugene betont, das 35 infizierte Studenten bei ihrer 10-tätigen Quarantä­ne begleitete.

Während dieser Zeit wurde die Viruskonzentration in der Luft und auf verschiedenen Gegenständen, etwa dem Handy oder dem Computer, sowie im Bad auf dem Fußboden und am Lüftungsgitter untersucht. Es zeigte sich, dass überall Viren nachweisbar waren und dass deren Konzentration mit der Virusmenge im Abstrich der infizierten Studenten mit der Zeit abnahm.

Der wichtigste äußere Einfluss neben der Luftmenge, die über das Lüftungsgitter im Bad entwich, war die Häufigkeit, mit der die Studenten während der Quarantäne zum Lüften das Fenster geöffnet hatten. Bei Studenten, die ihre Zimmer selten lüfteten, wurden doppelt so hohe Viruskonzentrationen in der Luft und auf den Gegenständen gefunden.

Auch van den Wymelenberg kommt zu dem Schluss, dass ein regelmäßiges Lüften zu den Maßnahmen gehört, die die Viruskonzentration in den Räumen und damit das Infektionsrisiko wesentlich senken könnte. © rme/aerzteblatt.de

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