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Studie: Erleben sexueller Gewalt in Familien ist kein Einzelschicksal

Dienstag, 7. September 2021

picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin – Die Familie als Tatort für sexuelle Gewalt an Kindern macht es Opfern besonders schwer, ihrer Situation zu entfliehen. Das zeigt eine Studie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und der Goethe-Universität Frankfurt am Main, die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Die Familie ließe sich nach außen hin abschotten und werde für viele Opfer so zur dramatischen Falle, erklärte Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission und Autorin der Studie. Außenstehende hätten oft Scheu, sich einzumischen oder glaubten Kindern nicht, die Erfahrungen von sexueller Gewalt in der Familie schilderten.

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„Doch nicht zu intervenieren und Signale von Kindern zu übersehen, hat zu oft dazu geführt, dass Hilfe ausgeblieben ist. Wir brauchen Antworten auf die Frage, wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen gelingen kann, ohne das Recht auf Privatsphäre von Familien zu ignorieren. Sexueller Kindesmissbrauch ist keine Privatangelegenheit“, so Andresen.

Bis heute habe man vergleichsweise wenig Wissen darüber, wie Kinder und Jugendlich Gewalt in der Fa­milie erlebten. Deswegen sei der Einbezug von Betroffenen bei der Aufarbeitung von zentraler Bedeu­tung. So war die Grundlage der Untersuchung 870 Betroffenenberichte, die teils in vertraulichen Anhö­rungen dokumentiert und teils schriftlich eingereicht wurden und im Anschluss ausgewertet wurden.

Die Betroffenen waren zwischen 16 und 80 Jahren alt, die meisten zwischen 40 und 60. Unter den Opfern waren knapp 89 Prozent Mädchen und weibliche Jugendliche und zehn Prozent männlich. In einigen Fällen wurde das Geschlecht nicht angegeben.

Väter am häufigsten genannte Täter

Mit Abstand am häufigsten berichteten die Betroffenen den Angaben zufolge von Tätern und Täterinnen unter den Eltern (44 Prozent). Die größte Tätergruppe waren demnach Väter mit 36 Prozent der 1.153 genannten Täter. Werden Pflege- und Stiefeltern hinzugezählt, machten Väter mit 48 Prozent fast die Hälf­te dieser Gruppe aus.

Leibliche Mütter wurden in acht Prozent der Fälle als Täterinnen benannt, Pflege- und Stiefmütter in weiteren zwei Prozent. Als weitere Täter und Täterinnen innerhalb der Familie nannten Betroffene auch Groß- und Stiefonkel, Brüder, Großväter, andere männliche Verwandte, Stiefgroßväter, Stiefbrüder und Tanten.

Viele Betroffene erlebten Gewalt laut der Studie durch mehr als einen Täter innerhalb oder außerhalb der Familie. Teilweise hätten diese voneinander gewusst, sich abgesprochen oder planten und organi­sier­ten die sexualisierte Gewalt gemeinsam.

„Die dokumentierten Berichte betroffener Menschen offenbaren, dass es über Jahrzehnte hinweg zahl­reiche vergleichbare Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien in Deutschland gegeben hat. Dafür fehlt bisher ein öffentliches Bewusstsein“, berichtete Erziehungswissenschaftlerin Marie Demant, die ebenfalls an der Studie mitwirkte. „Die gesellschaftliche Vorstellung, es handle sich bei sexueller Gewalt in Familien um individuelle Einzelschicksale, kann somit widerlegt werden.“

Über die tatsächliche Verbreitung sexueller Gewalt gegen Kinder könne die Studie keine Auskunft geben, da nur Opfer befragt wurden, die sich freiwillig zur Teilnahme an der Untersuchung gemeldet hatten.

Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen von 2011 hatte ergeben, dass rund sieben Prozent der befragten Frauen und 1,5 Prozent der befragten Männer über Erfahrungen als Opfer berichteten. Der größte Teil der Fälle sexuellen Missbrauchs ereignete sich demnach vor dem 14. Lebens­jahr und in der Familie.

Die SPD-Politikerin Angela Marquardt, die auch im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) sitzt, sagte: „Alle vorhandenen Formen sexueller Ge­walt finden auch in Familien statt.“

Das sei schon seit Generationen so. „Kleinkinder und Kinder sind in Familiensituationen schutzlos aus­geliefert, weil sie die Gewalt von den Menschen erfahren, auf deren Schutz sie am meisten angewiesen sind.“

Die Betroffenen hätten ein Recht auf Aufarbeitung, betonte Marquardt. „Es gibt keine nachhaltige De­batte über den Tatkontext Familie, anders als beim Sport und der Kirche. Das muss sich dringend ändern.“ © alir/dpa/aerzteblatt.de

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