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„Ärztinnen und Ärzte sollten mit ihren Patienten über die Auswirkungen des Klimawandels sprechen“

Mittwoch, 15. September 2021

Augsburg – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt.

Diesmal: Claudia Traidl-Hoffmann, Ordinaria des Lehrstuhls für Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg, erklärt, was die Politik unternehmen muss, um den Klimawandel zu stoppen, und was Ärztinnen und Ärzte tun können, um die Gesundheit ihrer Patienten zu schützen.

Fünf Fragen an Claudia Traidl-Hoffmann, Universität Augsburg

DÄ: Welches sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Traidl-Hoffmann: Wir brauchen in Deutschland Strategien, mit denen wir uns an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen. Dazu gehören Hitzeschutzpläne und Frühwarnsysteme, mit denen wir auf Extremwetterlagen reagieren können: auf Hitzeperioden ebenso wie Stürme und Hochwasser. Und da sieht es in Deutschland ziemlich mau aus.

Frankreich war viel stärker als Deutschland von dem Hitzesommer 2003 betroffen – und hat deshalb auch stärker als Deutschland reagiert. In Frankreich gibt es heute solche Hitzeschutzpläne, deren Umsetzung auch erprobt ist. Katastrophenschützer ebenso wie Ärztinnen und Ärzte und die betroffenen Patientengruppen wissen dort, wie sie bei Extremwetter reagieren müssen. Dahin müssen wir auch kommen.

Zugleich müssen wir in Deutschland Situationen stärker in den Blick nehmen, für die wir heute noch nicht sensibilisiert sind, zum Beispiel Gewitter. In Deutschland leiden etwa 40 Prozent der Menschen an Allergien. Wenn es zur Pollensaison ein Gewitter gibt, kann es bei Allergikern zu einem sogenannten Gewitterasthma kommen: einem schweren asthmatischen Anfall. Das müssen die Betroffenen wissen und sich entsprechend verhalten.

Der zweite Punkt ist: Die Politik muss Anreize dafür setzen, dass sich das Gesundheitswesen in Deutsch­land klimaneutral aufstellt. Im Rahmen des Lancet Countdowns wurde errechnet, dass das Gesundheits­wesen der fünftgrößte Emittent von Treibhausgasen weltweit ist. Es reicht also nicht, vor den Gesund­heits­gefahren durch den Klimawandel zu warnen, wir müssen auch unseren Teil dazu beitragen, dass das Voranschreiten des Klimawandels verlangsamt wird.

Da sind natürlich in erster Linie die Träger der jeweiligen Gesundheitseinrichtungen gefragt. Für ein Krankenhaus, zum Beispiel, ist es aber schwer, sich klimaneutral umzurüsten, wenn die dafür notwen­digen Ausgaben durch das DRG-System nicht refinanziert werden. Eine entsprechende Umrüstung muss die Politik durch finanzielle Anreize fördern. Und dabei müssen wir immer bedanken: Ausgaben, die wir heute in eine Reduktion von Treibhausgasen investieren, sind weitaus niedriger, als die Ausgaben, die wir für die Folgen des Klimawandels werden aufbringen müssen.

Drittens muss die Politik die sprechende Medizin aufwerten. Es kann doch nicht sein, dass die Grundlage jeder Therapie, das Patient-Arzt-Gespräch, für die Ärzte oder deren Arbeitgeber zu einem Defizit führt.

DÄ: Inwiefern werden sich aus Ihrer Sicht die gesundheitlichen Probleme, die die Menschen in Deutschland infolge des Klimawandels bekommen, in den nächsten Jahren verstärken?
Traidl-Hoffmann: Die gesundheitlichen Probleme, die die Menschen durch den Klimawandel erleiden, werden sich mit jedem Jahr und mit jedem Jahrzehnt weiter verstärken. Denn die Ursache für den Klimawandel, der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen, steigt derzeit ja mit jedem Jahr weiter an. Wir werden uns also darauf einstellen müssen, dass die Zahl der Hitzetoten kontinuierlich ansteigen wird, dass die Zahl der Allergiker zunehmen wird, dass wir mehr Infektionen mit Dengue-Fieber, FSME oder Borreliose erleben werden.

Zudem wird sich die Krankheitslast insbesondere bei chronisch Kranken wie Asthmatikern kontinuierlich erhöhen. Man kann das durchaus mit einem Tsunami vergleichen, der auf uns zukommt. Und wir stehen erst am Anfang.

Nach der Bundestagswahl: Was verändert werden müsste

Mit Blick auf die Wahl, das Interesse an und den Stellenwert von Gesundheit durch die Pandemie, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden? Antworten von 18 Expertinnen und Experten. Zeitmangel in der Versorgung, mehr medizinische Fachkräfte, Sektorengrenzen überwinden sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser und eine bessere Bezahlung in der

DÄ: Wie sollten sich Ärztinnen und Ärzte auf diese Situation einstellen?
Traidl-Hoffmann: Zunächst einmal brauchen wir mehr Ärztinnen und Ärzte, die die Folgen des Klima­wan­­dels für ihre Patienten kennen. Da gibt es aus meiner Sicht noch einen großen Edukationsbedarf. Zum Glück hat der Deutsche Ärztetag das Thema in diesem Jahr ja in die (Muster-)Weiterbildungs­ordnung aufgenommen. Es muss aber auch verstärkt in Fortbildungen und in der Forschung und Lehre abgebildet werden. Derzeit sind wir in Augsburg die einzige Universität mit dem Schwerpunkt Umwelt und Gesundheit.

DÄ: Welche Rolle kommt Ärztinnen und Ärzten aus Ihrer Sicht bei der Aufklärung ihrer Patienten über die gesundheitlichen Gefahren durch den Klimawandel zu und was können sie ihren Patienten raten, um sich vor diesen Gefahren zu schützen?
Traidl-Hoffmann: Ärztinnen und Ärzte sollten mit ihren Patienten über das Thema Klimawandel und Gesundheit sprechen. Zum einen sollten sie Risikopatienten darüber aufklären, wie sie sich bei Extremwettersituationen verhalten sollten.

Zum anderen sollten sie aber auch den Präventionsaspekt berücksichtigen, der in diesem Thema steckt. Denn je klimafreundlicher sich jeder einzelne verhält, umso geringer sind langfristig auch die Gefahren für die Gesundheit jedes einzelnen. Ich empfehle meinen Patienten zwar nicht, auf Ökostrom umzu­steigen. Ich erkläre ihnen aber, welche positiven Auswirkungen eine Umstellung auf eine pflanzen­reichere Ernährung hat – direkte positive Auswirkungen auf ihre Gesundheit, aber auch indirekte durch eine Reduktion ihre CO2-Fußabdruckes. Dafür biete ich eine Klimasprechstunde an. Die Rückmeldungen meiner Patienten sind absolut positiv.

Ärzte haben bei diesem Thema aus meiner Sicht eine große Verantwortung. Denn sie haben eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Diese Position sollten sie nutzen, um ihren Patienten zu erklären, dass der Klimawandel nicht nur den Eisbären tötet, sondern auch ihre eigenen Lebensgrundlagen beseitigt.

DÄ: Sie sprachen schon von den Maßnahmen, die Frankreich nach dem Hitzesommer 2003 ergriffen hat. Welche Maßnahmen sollte die deutsche Politik ergreifen, um den Klimawandel zu stoppen?
Traidl-Hoffmann: Die Politik muss den Rahmen schaffen, damit Deutschland seine Klimaziele erreichen kann. Das jetzt noch einmal novellierte Klimaschutzgesetz bietet dafür aus meiner Sicht eine gute Grundlage, da es für die einzelnen Ressorts genau vorgibt, wieviel Treibhausgase pro Jahr eingespart werden müssen.

Für das Erreichen der Ziele muss es dann Positivanreize geben. In der kommenden Legislaturperiode muss der Klimaschutz in jedem Ressort absolute Priorität haben. Dabei müssen wir uns auch von der Denkweise verabschieden, Klimaschutz sei schlecht für die Wirtschaft. Das Gegenteil ist der Fall: Eine Stresstestanalyse des Swiss Re Institute zeigt, dass der Weltwirtschaft durch den Klimawandel ein Verlust des Bruttoinlandsproduktes von bis zu 18 Prozent droht. Demgegenüber steht ein Verlust von nur vier Prozent bei einem Erreichen der Ziele des Pariser Abkommens.

Natürlich meinen manche, dass der Einfluss von Deutschland beim Klimaschutz nur gering sei – liegt der Anteil des Treibhausgasausstoßes von Deutschland im weltweiten Vergleich doch bei zwei Prozent. Man darf aber nicht die Leuchtturmfunktion Deutschlands unterschätzen. Ich habe vor kurzem mit einer Kollegin aus Stanford über dieses Thema gesprochen. Sie hat mir gesagt: Die Welt schaut beim Klima­schutz auf Deutschland. Wenn wir etwas bewegen können, können wir es vielleicht schaffen, auch andere Länder zu motivieren. © fos/aerzteblatt.de

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