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„Wir brauchen ein System, das klar festlegt, welche Krankenhäuser unverzichtbar sind“

Mittwoch, 15. September 2021

Minden – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt. Diesmal: Jörg Noetzel, Medizinvorstand der Mühlenkreiskliniken in Minden, einem kommunalen Träger mit fünf Standorten im ländlich geprägten Nordwesten von Nordrhein-Westfalen.

Da im stationären Sektor die Weichen zunehmend auf Verbünde und Kooperationen gestellt werden, berichtet Noetzel über die drängendsten Probleme und was er von den Krankenhaus-Reformplänen von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hält.

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Fünf Fragen an Jörg Noetzel, Mühlenkreiskliniken

DÄ: Welche sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Noetzel: Dringend gelöst werden muss aus meiner Sicht das Problem der Investitionskostenfinanzierung durch die Bundesländer. Seit vielen Jahren finanzieren die Krankenhäuser ihre notwendigen Investitionen über die Mittel, die eigentlich für die Finanzierung der Betriebskosten dienen. Dies führt seit vielen Jahren zu einem massiven Investitions- und Innovationsstau.

Weiterhin geht es darum, Anreize zu schaffen, um tatsächlich bedarfsnotwendige Häuser durch Sicherstellungszuschläge zu fördern und die Zusammenlegung von Standorten zu unter­stützen. Hier ist man gerade in Nordrhein-Westfalen mit Minister Laumann sehr innovativ unterwegs. Man löst sich hier von der Bettenplanung und geht über zu einer Leistungs- und Struktur­planung.

Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel im ärztlichen und pflegerischen Bereich. Hier brauchen wir eine adäquate Finanzierung der notwendigen Stellen. Aber auch bei anderen Fachkräften, zum Beispiel bei IT-Experten, herrscht ein gravierender Mangel.

Problematisch ist dabei, dass die Krankenhäuser mit den Vergütungsstrukturen, wie sie teilweise in der Industrie herrschen, nicht mithalten können. Wir brauchen IT-Fachkräfte, um Innovationen durch Digitalisierung in den Krankenhäusern zu ermöglichen. Also müssen wir auch in die Lage versetzt werden, sie angemessen zu bezahlen. Drittens brauchen wir ein neues Vergütungssystem, mit dem die Sektorengrenzen überwunden werden. Hier könnte die Entwicklung in Richtung Regionalbudgets gehen.

DÄ: Gesundheitspolitiker verschiedener Parteien haben angekündigt, nach der Wahl eine Reform des DRG-Systems auf den Weg bringen zu wollen. Wie müsste eine solche Reform aussehen, um Kranken­häuser finanziell angemessen auszustatten und den wirtschaftlichen Druck von ihnen zu nehmen?
Noetzel: Die Anreize, die derzeit durch das fallzahlgetriggerte DRG-System gesetzt werden, sind dauerhaft nicht zukunftsfähig. Das Modell hatte seine positiven Effekte in Richtung Prozess- und Ressourcenoptimierung, kommt aber jetzt – nicht zuletzt aufgrund der teilweise stattfindenden Aushöhlung des Systems durch diverse Sonderfinanzierungstatbestände – an seine Grenzen.

Es geht in der neuen Legislaturperiode darum, mit klaren Kriterien festzulegen, welche Kliniken aufgrund der regionalen Versorgungssituation unverzichtbar sind. Und dann geht es darum, diese Häuser, die sich heute teilweise nur schwer über Wasser halten können, von ökonomischen Fehlanreizen, die der Versorgungsqualität abträglich sind, zu befreien. Nicht selten bieten diese Häuser in minderer Qualität – mangels Nachfrage und damit in geringer Fallzahl – Leistungen an, um sich am Leben zu halten.

Dies ist qualitativ nicht mehr vertretbar. Hier können Sicherstellungszuschläge Abhilfe schaffen, durch die diese versorgungsnotwendigen Häuser vom Zwang der Fallzahlsteigerung befreit werden. Andere Kliniken, die tatsächlich nicht versorgungsrelevant sind, werden langfristig vom Netz gehen müssen beziehungsweise in intersektorale Gesundheitszentren transformiert werden. Auf der anderen Seite des Spektrums benötigen auch Maximalversorger gezielt Zuschläge, um die teilweise sehr teuren und nicht adäquat vergüteten Leistungen weiterhin auf hohem Niveau erbringen zu können.

Aus meiner Sicht sollte man zukünftig intersektoral in Regionen denken und sektorenübergreifende Budgets in verschiedenen Modellregionen pilotieren, um bei erfolgreicher Einführung eine Ausweitungsmöglichkeit überprüfen zu können. Ziel sollte es sein, durch sektorenübergreifendes Denken und entsprechende Finanzierungsmodelle, die mit ihren Anreizen mehr auf die Gesunderhaltung als auf die stationäre Fallzahlsteigerung abzielen, mehr ambulante Leistungen auch in Kliniken zu ermöglichen. Die Kliniken werden ohnehin in Zukunft ihre Rolle zunehmend weniger ausschließlich als stationäre Krankenhäuser, sondern mehr als Gesundheitsdienstleister im größeren Sinne sehen.

Nach der Bundestagswahl: Was verändert werden müsste

Mit Blick auf die Wahl, das Interesse an und den Stellenwert von Gesundheit durch die Pandemie, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden? Antworten von 18 Expertinnen und Experten. Zeitmangel in der Versorgung, mehr medizinische Fachkräfte, Sektorengrenzen überwinden sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser und eine bessere Bezahlung in der

DÄ: Wie bewerten Sie die Pläne von NRW-Gesundheitsminister Laumann, die Krankenhäuser in den Regionen zu mehr Kooperation zu motivieren? Kann dies gelingen und kann es eine Blaupause für andere Bundesländer sein?
Noetzel: Ich bewerte diese Pläne positiv. Die politische Initiative ist mutig und sinnvoll. Dass nicht mehr Betten, sondern medizinische Leistungsbereiche die Grundlage der Krankenhausplanung bilden, wird zu einer Umwälzung des Gesundheitssystems führen.

Einerseits werden dadurch bedarfsnotwendige Häuser aufgrund einer objektiven Bewertung gefördert und erhalten. Andererseits wird die sinnvolle Konzentration von Leistungen in Zentren spürbar mehr als bisher erfolgen, insbesondere über geforderte und geförderte Kooperationen zwischen Häusern. Das hilft der Qualität der Versorgung und am Ende auch der Wirtschaftlichkeit sowie – mindestens genauso wichtig – der Bündelung von raren Fachkräften im Sinne der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Das ist auf jeden Fall ein Vorbild auch für andere Bundesländer.

DÄ: Wie lässt sich der Personalmangel im pflegerischen und im ärztlichen Dienst beheben?
Noetzel: Zunächst einmal sollten die Krankenhäuser bei sich selbst schauen, ob sie alles Mögliche dafür getan haben, um einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Dabei geht es um eine gute Unternehmens­kultur und die Schaffung guter interner Prozesse. Zudem muss man als Arbeitsgeber attraktive Karriereperspektiven und Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen, zum Beispiel Akademisierungsange­bote für Pflegende. Hier sollte man künftig auch mehr digitale Angebote vorhalten, zum Beispiel Simulationstrainings.

Von externer Seite geht es darum, die Krankenhäuser in die Lage zu versetzen, die Berufsgruppen im Krankenhaus adäquat zu bezahlen. Wenn man die Arbeit im Krankenhaus attraktiver machen möchte, sollte man zudem unbedingt daran gehen, dem Bürokratisierungswahnsinn ein Ende zu machen. Heute besteht etwa ein Drittel der Pflegetätigkeit aus Dokumentationsaufgaben.

Eine Entlastung der Mitarbeiter bei der Dokumentation lässt sich beispielsweise mit einfachen Mitteln wie Apps erreichen. Klinische Berufsgruppen können zudem durch Berufsgruppen wie Case Manager entlastet werden. Auch für solches Personal sollten gesondert Mittel zur Verfügung gestellt werden – so, wie es jetzt für Pflegekräfte im Pflegebudget geschieht. Ansonsten überlegen sich viele Kranken­häuser, ob sie sich diese Mitarbeiter zusätzlich leisten können.

DÄ: Welche Probleme im Bereich der stationären Versorgung hat die COVID-19-Pandemie sichtbar gemacht und welche Lehren sollte die Politik im stationären Bereich aus der Pandemie ziehen?
Noetzel: Wichtig war, dass sich die Krankenhäuser gegenseitig geholfen haben, wenn es zum Beispiel um die Übernahme von COVID-19-Patienten ging. Dabei wurden auch zügig regionale Informationszentren aufgebaut, um die Kapazitäten zentral steuern und verteilen zu können. Es hat sich aber auch gezeigt, dass nicht alle Krankenhäuser mit ihrer Ausstattung in der Lage sind, in gleichem Umfang die Last der Versorgung zu tragen. Deshalb ist es wichtig zu unterscheiden, welche Häuser tatsächlich über die Kompetenz verfügen, die Bewältigung derartiger Krisen zu fördern.

Ein weiterer spannender Aspekt ist, dass heute einige Leistungen im Krankenhaus nicht mehr erbracht werden, weil die Patienten nicht zurückgekommen sind. Das deutet darauf hin, dass manche Leistungen im stationären Bereich möglicherweise doch verzichtbar sind. Es ist davon auszugehen, dass durch die Coronakrise nicht nur der Trend zur Digitalisierung, sondern auch der Trend zur Ambulantisierung einen Schub bekommen haben. © fos/aerzteblatt.de

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