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„Der Personalmangel in der Pflege ist mit weitem Abstand das drängendste Problem“

Dienstag, 14. September 2021

Berlin – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt. Diesmal: Kathrin Leffler, Pflegedirektorin des BG Klinikums Unfallkrankenhaus Berlin und Sprecherin aller Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der BG Kliniken.

Die Bundesregierung hat in der auslaufenden Legislaturperiode zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um dem Pflegemangel entgegenzuwirken. Leffler erklärt, welche Veränderungen in der Praxis angekommen sind und was sie von der kommenden Bundesregierung erwartet.

Fünf Fragen an Kathrin Leffler, BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

DÄ: Welches sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Leffler: Sie muss die Finanzierung des Gesundheitssystems und damit auch die Finanzierung der Pflege innerhalb dieses Systems sicherstellen. Trotz zu erwartender Milliardendefizite bei den gesetzlichen Krankenkassen und – auch coronabedingten – Finanzlöchern der Länder dürfen den Gesundheitseinrichtungen nicht wieder pauschale Kostenbegrenzungsprogramme, die dann auch die Pflege betreffen, auferlegt werden.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG), das derzeit nur für die Pflege am Bett eine Vollfinanzierung innerhalb tariflicher Vereinbarungen und bessere Personalausstattung vorsieht, muss auf die Funktionsbereiche der Kliniken ausgeweitet werden.

Auch beispielsweise für den OP, die Rettungsstelle, Endoskopie und kardiologische Funktionsdiagnostik sollten die Rahmenbedingungen dieses Gesetzes, die letztendlich die Qualität der Versorgung sichern, gelten.

Leiharbeit in der Pflege muss gesetzlich verboten oder zumindest stark eingeschränkt werden. Der Arbeitsmarkt hat sich so zugunsten der Leiharbeitsfirmen verschoben, dass die Gesundheitseinrich­tungen alleine nicht mehr dagegen ankommen. Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind in ihrer Finan­zierung beschränkt.

Sie müssen aber derzeit zunehmend als Wirtschaftsunternehmen handeln, weil sie durch den unregu­lierten Markt dazu gezwungen werden. Denn mit Arbeitnehmerüberlassung in der Pflege lässt sich viel Geld verdienen, hauptsächlich von den Firmen, die die Arbeitskräfte vermitteln.

Natürlich ist es angenehm, für weniger Arbeit etwas mehr Geld zu bekommen und sich seine Dienst­zeiten noch aussuchen zu können. Auf der Strecke bleiben aber das Stammpersonal in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen mit dem Zwang zur Übernahme ungeliebter Schichtdienste, der Übernahme der Gesamtverantwortung – und die Patienten.

Denn Pflege ist Beziehungsarbeit. Mit täglich wechselndem Personal, das den Patienten überhaupt nicht kennt, kann keine gute Pflege stattfinden. Die weitere Fluktuation von Pflegepersonal in Leiharbeits­firmen muss gestoppt werden, um die Versorgungsqualität zu sichern.

DÄ: In der vergangenen Legislaturperiode hat die Bundesregierung zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die Attraktivität des Pflegeberufes zu stärken und den Pflegemangel zu reduzieren. Welche dieser Maßnahmen spüren Sie in der Praxis?
Leffler: Die Finanzierung der Pflege am Bett über das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz hat die internen Verteilungskämpfe für die Pflege beendet, in denen sie oft unterlegen war – ein Grund für die heutige Situation der Pflege in den Kliniken.

Im bisherigen Finanzierungssystem nach DRG waren zwar feste Beträge pro Fall für den finanziellen Erlös pro Berufsgruppe ausgewiesen, sie wurden aber pauschal ausgeschüttet und konnten klinikintern anders verteilt werden. Wenn durch Unterfinanzierung der Länder für dringend notwendige Investi­tionen das Geld fehlte oder beispielsweise Arztstellen für bestimmte Dienstlinien gebraucht wurden, die nicht durch die Erlöse für den ärztlichen Dienst abgedeckt waren, wurde in Teilen die Finanzierung der Pflegestellen dafür verwendet.

Positiv ausgewirkt haben sich die umfassenden Veränderungen im Bereich der Pflegeausbildung mit dem Pflegeberufegesetz. Die Generalistik hat, dank definierter Qualitätsanforderungen wie etwa strukturierte Praxisanleitung durch speziell weitergebildete Praxisanleiter und eine angemessene Vergütung der Aufwendungen für Ausbildung, eine deutliche Verbesserung gebracht. Auch die staatliche Anerkennung und die damit verbundene Finanzierung angrenzender Ausbildungsberufe wie etwa Operations­technische Assistenz und Anästhesietechnische Assistenz, die 2022 in Kraft treten, sind sehr wertvoll.

Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz fließen endlich umfassende Mittel in die Kliniken, um dringend notwendige Digitalisierungsprozesse voranzubringen und damit auch die Rahmenbedingungen für die Pflege zu verbessern.

Nach der Bundestagswahl: Was verändert werden müsste

Mit Blick auf die Wahl, das Interesse an und den Stellenwert von Gesundheit durch die Pandemie, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden? Antworten von 18 Expertinnen und Experten. Zeitmangel in der Versorgung, mehr medizinische Fachkräfte, Sektorengrenzen überwinden sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser und eine bessere Bezahlung in der

DÄ: Welches sind aktuell die größten Probleme, die Sie in der Praxis haben?
Leffler: Der Personalmangel in der Pflege ist mit weitem Abstand das drängendste Problem, das in vielen verschiedenen Facetten sichtbar wird. Wie schaffen wir es, das vorhandenen Personal in der Pflege zu halten, gut qualifizierte Kräfte zu gewinnen und zu binden?

Eine große Herausforderung ist, für das Stammpersonal Bedingungen zu schaffen, damit es möglichst lange, trotz teils hoher Arbeitsbelastung, im Beruf bleiben kann und auch will. Lücken in der Personal­besetzung muss derzeit mit einem umfassenden Ausfallmanagement begegnet werden, um leistungs­fähig zu bleiben und Patienten gut versorgen zu können. Das ist allerdings zeitintensiv, stößt immer wieder an Grenzen, bindet Führungspersonal in der Pflege und hemmt Innovation und Entwicklung.

Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland kann der Personalmangel höchstens mittel­fristig abgemildert werden. Die Zahl der Ausbildungsplätze wurde zwar gesteigert, aber um genügend geeignete Bewerber für die Pflege zu gewinnen, sind attraktive Angebote unbedingt erforderlich.

Immer größer dagegen wird angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung der Bedarf an Pflege. Die Hoffnung, dass ehemalige Pflegekräfte unter veränderten Rahmenbedingungen zurück in ihren ursprünglichen Beruf kehren, hat sich bislang nicht erfüllt. Auch Auslandsrekrutierungen bringen nur geringfügige Entlastung, erfordern viel Aufwand und werden ebenfalls nicht nachhaltig sein, wenn sich die Grundprobleme nicht ändern.

DÄ: Welche Maßnahmen müsste die Politik in der kommenden Legislaturperiode ergreifen, um dieses Problem zu lösen?
Leffler: Es muss endlich mit einem tiefgreifenden Umbau des Gesundheitssystems begonnen werden: Wir brauchen weniger Kliniken, die aber besser ausgestattet sind. Komplexe Behandlungen werden dann in spezialisierten Zentren durchgeführt. Nicht jede Klinik muss alles machen. Wir müssen den Mut haben, Parallelstrukturen abzubauen – auch länderübergreifend.

Langfristig lässt sich so auch mit insgesamt weniger zur Verfügung stehendem Personal eine bessere Behandlungsqualität erreichen. Dazu gehört aber auch, eine stärkere sektorenübergreifende Versorgung sicherzustellen und mehr Pflege zu Hause zu ermöglichen.

DÄ: Wie bewerten Sie die berufspolitische Entwicklung der letzten Jahre innerhalb der Pflege? Wie wird es hier in den nächsten Jahren aus Ihrer Sicht weitergehen?
Leffler: Pflege hat immer noch nicht – auch die Coronapandemie hat daran trotz vieler Beteuerungen nichts geändert – den Stellenwert, der ihr eigentlich zusteht. Es ist beschämend, dass die Gründung von Pflegekammern in der Länderpolitik so wenig Unterstützung erfährt.

Die Folge ist, dass die Pflege auf Jahre hinaus ohne fest definierte Entwicklungs- und Qualifikations­vorgaben auskommen muss. Es gibt keine finanziellen Mittel, um pflegewissenschaftliche Themen, die auch von der Pflege initiiert und gesteuert werden, zu entwickeln. Die Pflege ist nach wie vor abhängig von Finanzierungen durch Politik und Stiftungen.

Die immer wieder geforderte Akademisierung der Pflegeberufe kann nur gelingen, wenn Pflegestu­dierende – ebenso wie Hebammen – während ihrer akademischen Ausbildung auch entlohnt werden. Dass dies immer noch nicht erfolgt, ist nur ein weiteres Indiz für die geringe Lobby der Pflege.

Meine Erkenntnis ist leider, dass nicht jahrelanges berufspolitisches Engagement die Pflege in den Fokus gerückt hat, sondern der Fachkräftemangel – verschärft durch die Coronapandemie –, der die Situation verdeutlicht und in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat. Aber nach wie vor reden in Talkshows überwiegend Politiker oder Mediziner über die Probleme und Herausforderungen der Pflege – und häufig an den eigentlichen Themen vorbei. Viel zu selten kommen Vertreter der Pflege oder Pflegefachpersonen selbst zu Wort.

Der Dialog mit Vertretern der Berufsgruppe muss politisch fortgesetzt werden. Und für umfassende Verbesserungen der Rahmenbedingungen für unsere Profession sind politische Entscheidungen zu treffen. Die Alternative ist ein ehrliches Bekenntnis der neuen Regierung, dass es künftig zu harten Einschnitten in der pflegerischen Versorgung der Bevölkerung in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und bei der Pflege im häuslichen Umfeld geben wird. © fos/aerzteblatt.de

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