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Pandemie: Krankheitsspektrum bei Kindern und Jugendlichen hat sich verschoben

Donnerstag, 9. September 2021

/motortion, stock.adobe.com

Berlin – Durch die Coronapandemie hat sich das Krankheitsspektrum bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2020 deutlich verschoben. Das geht aus dem Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervor, für den die Universität Bielefeld und das Unternehmen Vandage die Daten von knapp 800.000 Kindern und Jugendlichen ausgewertet haben, von denen zwischen 62.000 und 67.000 im Untersuchungs­zeit­raum mindestens einmal stationär behandelt wurden.

Angestiegen sind demnach im Jahr 2020 vor allem die psychischen Erkrankungen. Während die Zahl der infolge einer psychischen Erkrankung im Krankenhaus behandelten Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren während des ersten Lockdowns von 38,1 je 100.000 im Vorjahreszeitrum um 37,2 Prozent auf 23,9 je 100.000 zurückging, stieg deren Zahl nach dem ersten Lockdown von 172,1 je 100.000 um 5,8 Prozent auf 182 je 100.000 und während des zweiten Lockdowns von 58,3 je 100.000 um 7,5 Prozent auf 62,7 je 100.000.

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„Dieser Trend setzt sich auch im Jahr 2021 fort“, erklärte Julian Witte, Geschäftsführer von Vandage. Auch die Zahl der Kinder ab fünf Jahren, die wegen Adipositas im Krankenhaus behandelt wurden, stieg in der Pandemie an. Während des ersten Lockdowns ging sie noch von 1,1 je 100.000 um 65,8 Prozent auf 0,4 je 100.000 zurück.

Nach dem ersten Lockdown stieg sie jedoch von 4,6 je 100.000 um 81,7 Prozent auf 8,3 je 100.000 an und während des zweiten Lockdowns von 1,2 je 100.000 um 76 Prozent auf 2,2 je 100.000. Fälle von ab­normer Gewichtsveränderung nahmen nach dem ersten Lockdown zudem von 9,3 je 100.000 um 97,7 Prozent auf 18,4 je 100.000 zu.

Bugwelle an psychischen Erkrankungen

„Die zwei großen Bereiche, die uns noch lange begleiten werden, sind die seelischen Störungen und die Adipositas“, kommentierte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, die Ergebnisse des Reports. „Die werden nicht so schnell auszugleichen sein.“

Der Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Klinikum Bethel, Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld, Eckard Hamelmann, erinnerte daran, dass es sich bei diesen Zahlen um die stationären Fälle handelt. „Die große Bugwelle, die wir noch erwarten, schlägt im ambulanten Bereich auf“, sagte er.

„Es gibt eine große Gruppe an chronisch kranken Kindern, die während der Pandemie eine psychische Komorbidität entwickelt haben. Wir sehen zum Beispiel in den Asthmaambulanzen und in den Diabetes­ambulanzen Kinder und Jugendliche, mit denen wir vor allem über Stress und Depressionen sprechen und weniger über ihre eigentliche Erkrankung. Die psychische Belastung dieser Kinder ist hier brutal zu merken.“

„Viele dieser Kinder können in der ambulanten Versorgung nicht die Unterstützung bekommen, die sie eigentlich bräuchten, weil Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen­psychiater nur in begrenztem Maße zur Verfügung stehen“, erklärte Fischbach. „Es ist wirklich eine Bug­welle an psychischen Erkrankungen, die da anbrandet.“

Weniger Operationen

Insgesamt wurden während der Pandemie im Jahr 2020 weniger Kinder und Jugendliche im Krankenhaus behandelt als im Vorjahr. So ging die Zahl der Krankenhausfälle von 11,9 je 1.000 um 41,4 Prozent auf 7,7 je 1.000 während des ersten Lockdowns zurück.

Nach dem ersten Lockdown lag die Zahl der Krankenhausfälle mit 43,1 je 1.000 auf dem Niveau des Vorjahrs, um im zweiten Lockdown von 13,8 je 1.000 um 10,2 Prozent auf 12,2 je 1.000 zu sinken.

Auch die Zahl der Operationen bei Kindern und Jugendlichen ging während des ersten Lockdowns von 21,8 je 1.000 um 37,3 Prozent auf 13,7 je 1.000 zurück. Nach dem ersten Lockdown stieg die Zahl von 87,3 je 1.000 um 8,1 Prozent auf 94,4 je 1.000 an und während des zweiten Lockdowns von 23,4 je 1.000 um 4,2 Prozent auf 24,4 je 1.000.

Weniger Infektionserkrankungen und Stürze

„Im ersten Lockdown wurden im Krankenhaus mehr Hochkostenfälle als im Vorjahreszeitraum behan­delt“, erklärte Witte, „weil diese auch während der Pandemie nicht aus der stationären Versorgung ausge­gliedert wurden.“ Im ersten Lockdown gab es demnach 30 Prozent mehr Hochkostenfälle als im Vorjah­reszeitraum. „Im zweiten Lockdown wurden dann auch wieder mehr leichtere Fälle im Krankenhaus be­handelt“, so Witte.

Virusbedingte Erkrankungen wie eine akute Bronchitis oder eine Mandelentzündung seien 2020 weit weniger häufig aufgetreten als im Vorjahr, ebenso wie Sturzverletzungen.

Die Zahl der stationären Behandlungsfälle mit Diabetes mellitus Typ 1 als Hauptdiagnose ging während des ersten Lockdowns von 11,7 je 100.000 um 27,8 Prozent auf 8,5 je 100.000 zurück. Nach dem ersten Lockdown sank deren Zahl von 51,1 je 100.000 um 1,9 Prozent auf 50,2 je 100.000.

Während des zweiten Lockdowns stieg deren Zahl von 10,8 je 100.000 um 41,7 Prozent auf 15,3 je 1.000 an. „Hier war ein Anstieg der Fälle zum Jahresende zu erwarten und auch die Fallschwere ist zum Jahresende angestiegen“, sagte Witte.

Verlierer sind Kinder aus sozialschwachen Verhältnissen

„Wir haben schon Verlierer unter den Kindern und Jugendlichen“, betonte Fischbach. „Das sind insbeson­dere diejenigen, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen, das sind behinderte Kinder sowie Kinder, die schon vor der Pandemie lernschwach waren. Die alle haben wir noch weiter abgehängt. Die Schere zu den Kindern und Jugendlichen aus stabilen sozialen Verhältnissen wird deshalb noch weiter aufgehen. Je länger Schulschließungen und diese unsinnigen Quarantänemaßnahmen anhalten, desto größer wird das Problem.“

Problematisch sei dabei vor allem die dysfunktionale Mediennutzung. „Wir sehen, dass Kinder mit einer dysfunktionalen Mediennutzung zunehmend an Konzentrationsschwäche leiden und dass sie motiva­tionslos werden“, so Fischbach. „Adipositas ist eine Begleiterscheinung davon.“

Der Vorstandsvorsitzende der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, forderte als Reaktion auf die Situation der Kinder und Jugendlichen nach der Bundestagswahl die Aufsetzung eines Aktionsplans Kindergesundheit. Dieser müsse auf die Situation in Familien, Kitas, Schulen und Vereinen eingehen, um die Gesundheit der Mädchen und Jungen besser zu schützen.

Zudem sieht Storm die Notwendigkeit, nach der Bundestagswahl eine neue Enquete-Kommission einzu­setzen. „Politik und Wissenschaft müssen die Auswirkungen von Corona analysieren und langfristige Kon­zepte entwickeln“, forderte er. „Kindergesundheit muss ein eigenes Kapitel in der Gesundheitspolitik wer­den.“ Auch die Gesundheitsministerkonferenz der Länder hatte im Juni die Einrichtung einer Enquete-Kommission angeregt. © fos/aerzteblatt.de

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