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Ärzteschaft

Pädiater sehen Kinder bei COVID-19-Infektionen nicht in Not

Donnerstag, 9. September 2021

/Aron M - Austria, stock.adobe.com

Berlin – Kinderärzte geben in Bezug auf eine COVID-19-Erkrankung bei Kindern Entwarnung. Auf den rund 350 deutschen Kinderkliniken liegen derzeit nur 131 Kinder in stationärer Betreuung wegen einer COVID-Symptomatik oder auch allein wegen anderer Erkrankungen aber mit einem positiven COVID-Abstrich.

„Nicht einmal in jeder Klinik liegt ein solches Kind“, fasste Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesell­schaft für Kinder- und Jugendmedizin auf einer Pressekonferenz der Gesellschaft zusammen, die unter dem Thema stand „Kinder und Jugendliche in der Pandemie: Wie schützen wir ihre Gesundheit?“

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Vielmehr müssten die Pädiater in den Kinderkliniken derzeit weit mehr Kinder mit Erkältungen und an­deren respiratorischen Infekten durch Grippeviren oder mit den durch RSV (Respiratory Syncytial Virus) ausgelösten Erkrankungen behandeln.

Diese träten derzeit unverhofft häufiger auf, weil es aufgrund des lang währenden Lockdowns eine Art Nachholeffekt bei den Kindern gebe. Vor allem Kinder unter zwei Jahren seien von fieberhaften Infekten der Atemwege betroffen und hier besonders gefährdet, weil deren Bronchienverzeigungen eher geringe Durchmesser aufwiesen und es daher rasch zu einem schwereren Verlauf kommen könne, so der Pädiater.

Nicht nur die Krankheitslast aufgrund einer akuten COVID-19-Infektion im Kindes- und Jugendalter wird als gering eingeschätzt. Auch hinsichtlich einer sehr seltenen, etwa zwei Wochen danach beobachteten Komplikation hatte Dötsch beruhigende Nachrichten.

Das sogenannte PIMS oder Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome trat seit Beginn der PIMS-Erfassung in Deutschland im Frühjahr 2020 laut einem aktuellen Survey der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) bei 416 Kindern auf, die alle nach Hause entlassen werden konnten.

Keines dieser Kinder ist gestorben, bei Entlassung hatten weniger als zehn Prozent noch Folgesymptome, die vor allem das Herz-Kreislaufsystem betrafen. Beim PIMS handelt es sich um ein hochentzündliches Geschehen als Reaktion auf eine SARS-CoV2-Infektion als Trigger, das mit Fieber, erhöhten systemischen Inflammationsparametern (CRP oder PCT) und mindestens zwei Organbeteiligungen einhergeht, und bei dem es Evidenz für eine aktuelle (positiver SARS-CoV-2 PCR- oder Antigen-Nachweis) oder stattgehabte (positive SARS-CoV-2 Serologie) SARS-CoV-2-Infektion gibt, oder aber ein SARS-CoV-2-Kontakt bestan­den hat. Andere infektiologische Ursachen sollen dabei ausgeschlossen sein.

Zum dritten Symptomkomplex, von dem Kinder während der Coronapandemie betroffen sein könnten, nämlich dem Long-COVID-Syndrom, ließe sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen, wie er sich bei Kin­dern tatsächlich ausgewirkt habe, weil die Datenlage spärlich sei.

Allerdings wiesen jüngste Untersuchungen darauf hin, dass auch hier keine gravierende Krankheitslast zu befürchten sei – anders als dies bereits in sozialen Medien immer wieder kolportiert worden ist. Das nicht einheitliche Long-COVID-Syndrom bezieht sich auf Symptome und Beschwerden, die drei Monate nach einer Infektion auftreten.

Sie betreffen unspezifische Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Depressionen oder noch anhaltende Geschmacks- und Geruchsstö­run­gen. Diese Anzeichen können aber auch auf die Belastungen während der Pandemie zurückzuführen sein, etwa auf Isolationsmaßnahmen, Schulschließungen und andere Lockdownfolgen.

Dötsch bezog sich auf mehrere Studien, die inzwischen hätten zeigen können, dass Kinder mit einer SARS-CoV2-Infektion keineswegs häufiger von solchen Spätfolgen betroffen sind als Kinder ohne SARS-CoV2-Infektion.

Zusammen mit seinem pädiatrischen Kollegen, dem DGPI-Vorsitzenden Tobias Tenenbaum, sprach sich Dötsch auf der Veranstaltung nachhaltig dafür aus, diese Erkenntnisse zur geringen Gefährdung von Kindern in politische Entscheidungen miteinzubeziehen. Das betrifft nicht zuletzt die Vermeidung weiterer Schäden durch für Kinder unnötige Lockdownmaßnahmen wie Schulschließungen.

Diese hätten zur massiven Beeinträchtigung einer ganzen Generation geführt. Dötsch berief sich auf den soeben veröffentlichten Report der DAK-Gesundheit, wonach 2020 in hiesigen Krankenhäusern 60 Pro­zent mehr Mädchen und Jungen aufgrund einer Adipositas behandelt worden waren als im Jahr zuvor. Die Pädiater möchten erreichen, dass letztlich „der Schulunterricht so ungestört wie möglich stattfinden kann“.

Tenenbaum machte zudem klar, dass das 3G-Konzept – geimpft, genesen oder getestet – nur bedingt auf die Jüngsten der Bevölkerung angewendet werden könnte. Schon deshalb, weil erst ab dem Alter von 12 Jahren eine Impfempfehlung vorliege, könnten vollständige Durchimpfungen der Kinder- und Jugendlichen derzeit nicht das Ziel sein.

Nach allem, was aus den Zeitplänen der Beantragung für die Zulassung von Impfstoffen für Kinder unter 12 Jahren und den bisherigen Erfahrungen ableitbar sei, könne man mit der Empfehlung solch einer Impfung für die jüngeren Kinder erst Anfang 2022 rechnen. „Realistischerweise muss man sich gedulden“ so Tenenbaum.

Er erteilte auch allen Fragen eine Absage, die sich nach einem Off-label Use der derzeit verfügbaren Impfstoffe für Kinder unter zwölf Jahren erkundigten. Dazu könne er nicht raten, betonte der Experte für pädiatrische Infektiologie, noch dazu, wo es für die Kinder keine Notlage gäbe.

Sehr viel mehr hielt er von Testungen, hier speziell den PCR-Tests für Kinder. Denn die Antigenteste hätten sich bei Kindern als wenig verlässlich erwiesen. Hier liege die Sensitivität neuerster Studien zufolge allenfalls bei etwa 40%, in Österreich habe man bei Schnelltests unter Grundschulkindern Sensitivitätsraten sogar von unter 20% gefunden.

PCR-Tests könnten indessen mit der sogenannten Lollymethode – dabei lutschen Kinder 30 bis 90 Se­kunden auf einem Wattestäbchen herum – als Pooltestungen eine sichere Alternative bieten, um Kinder am Tag 4 oder 5 frei zu testen, anstatt undifferenzierte Quarantänemaßnahmen aufrechtzuerhalten. Eine kürzlich erschienene Studie habe zeigen können, dass die tägliche Testung von Schülern nach einer SARS-CoV2-Infektion mittels PCR über 7 Tage hinweg einer 10 Tage dauernden Quarantäne nicht unterlegen gewesen sei.

Zudem verwiesen die Experten auf eine einschlägige, immer wieder aktualisierte S3-Leitlinie, die einen möglichst sicheren, geregelten und dauerhaften Schulbetrieb ermöglichen soll. Dario Schramm, der Ge­neralsekretär der Bundesschülerkonferenz, beklagte aus Sicht der betroffenen Schüler vor allem den Man­gel an Hilfs- und Therapieangeboten. Hier seien die Wartelisten für Schüler, die sich um Unter­stüt­zung bemühten, zum Teil unerträglich lang. „Das muss deutlich verbessert werden“, forderte er auf der Presseveranstaltung. © mls/aerzteblatt.de

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