NewsMedizinMedizinisches Cannabis: Metaanalyse sieht nur geringe Wirkung bei chronischen Schmerzen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Medizinisches Cannabis: Metaanalyse sieht nur geringe Wirkung bei chronischen Schmerzen

Mittwoch, 13. Oktober 2021

/Africa Studio, stock.adobe.com

Toronto – Die Einnahme oder topische Anwendung von medizinischem Cannabis oder Cannabinoiden, die in weiten Teilen der Öffentlichkeit fast schon als ein „Allheilmittel“ gegen chronische Schmerzen be­trach­tet wird, erzielt laut einer Metaanalyse im Britischen Ärzteblatt (BMJ, 2021; DOI: 10.1136/bmj.n1034) allenfalls eine schwache analgetische Wirkung. Die Datenbasis ist jedoch nach wie vor begrenzt und inhalatives Cannabis wurde bei der Analyse nicht berücksichtigt.

Chronische Schmerzen, unter denen in den reicheren Ländern bis zu 20 % der Bevölkerung leiden, sind ein ungelöstes therapeutisches Problem. Das hohe Abhängigkeitspotential von Opioiden, das zuletzt in den USA deutlich geworden ist, hat das Interesse auf alternative Behandlungsformen gelenkt, zu denen medizinisches Cannabis gehört. Aufgrund des strikten Verbots von Cannabis in vielen Ländern, allen voran den USA, wo die gleichen Einschränkungen wie für LSD und Heroin gelten, ist die Datenlage auch für medizinisches Cannabis oder Cannabinoide, sprich einzelne Bestandteile aus Cannabis, gering.

Ein Team um Jason Busse vom Michael G. DeGroote Centre for Medicinal Cannabis Research in Toronto basiert seine Empfehlungen auf der Auswertung von 32 randomisierten kontrollierten Studien (RCT), in denen medizinisches Cannabis oder Cannabinoide zur Behandlung chronischer Schmerzen mit Placebo oder anderen Therapien verglichen wurden. In den 27 RCT, die den Einfluss auf die Schmerzen untersucht haben, erzielten nur 10 % der Patienten eine Schmerzlinderung um mehr als 1 cm auf einer visuellen Ana­logskala von 10 cm, wobei eine Verringerung von 1,5 cm als Minimum für eine klinisch relevante analgetische Wirkung angesehen wird. In 10 Studien erzielten nur 7 % der Patienten eine Schmerzreduk­tion um mindestens 30 %.

Auch die Auswirkungen auf die körperliche Funktionsfähigkeit und den Schlaf waren gering: Auf dem Fragebogen zur Lebensqualität erreichten in 15 RCT nur 4 % mehr Patienten als in den Vergleichs­gruppen eine Verbesserung um 10 Punkte auf der 100-Punkte-Skala im Abschnitt zur körperlichen Funk­tion im Fragebogen SF-36. Die Schlafqualität besserte sich zusätzlich bei 6 % der Patienten um mehr als 1 cm von 10 cm auf einer visuellen Analogskala. Ein Einfluss auf emotionale oder soziale Funktionen war nicht nachweisbar.

Dem geringen Nutzen steht eine im Allgemeinen gute Verträglichkeit gegenüber. Die Zahl der Patienten mit vorübergehenden kognitiven Beeinträchtigungen war um 2 % höher als in der Placebo- oder Vergleichsgruppe. Erbrechen trat zu 3 %, eine Schläfrigkeit zu 5 %, eine eingeschränkte Aufmerksamkeit zu 3 % und Übelkeit zu 5 % häufiger auf. Schwindel könnte mit einer Risikodifferenz von 28 % bei einer Anwendungsdauer von 3 Monaten oder länger zu einem Problem werden.

Trotz der insgesamt schwachen Wirksamkeit spricht sich das Team am Ende dafür aus, den einzelnen Patienten ein Behandlungsangebot zu machen, wenn die Standardbehandlung nicht zu einer ausrei­chenden Schmerzlinderung geführt hat. Dies geschieht möglicherweise aus Sorge vor einer Selbst­therapie der Patienten mit der in den meisten Ländern noch illegalen Cannabis-Droge, deren Wirkung und Sicherheit in klinischen Studien bisher kaum untersucht wurden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #749025
jthoecker
am Mittwoch, 20. Oktober 2021, 13:18

eigene Erfahrungen...

Genau darum gibt es doch Meta-Analysen, weil die "eigenen Erfahrungen" täuschen können. Im übrigen gibt es eine starke Pro-Cannabis-Lobby durch die von Herrn Sommer kritisierte Pharmaindustrie, gerade weil sich Cannabis so gut verkaufen lässt und ein vielversprechender Wachstumsmarkt für die Industrie ist (aktuell über 200.000.000 Euro Jahresumsatz)
Avatar #736261
Dr. Peter Pommer
am Donnerstag, 14. Oktober 2021, 14:36

eigene Erfahrungen anders

Eine Metaanalyse kann nur so gut sein wie die Studien, auf die sie zurückgreift. Hier gibt es einen ganz klaren politischen Bias, weil Cannabinoide sehr wirksame und nebenwirkungsarme Medikamente sind (nicht bei Jugendlichen anzuwenden - Stichwort Gehirnreifung!). Das passt der Pharmaindustrie nicht, weil sie dann ihre superteuren Spezialpräparate gegen Übelkeit, Spastik und Schmerzen nicht mehr vermarkten könnte. Meine persönlichen Erfahrungen als Krebspatient und auch bei meinem Patienten sind durchweg positiv - auch wenn es ganz klar kein Allheilmittel ist!
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER