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Klimawandel: Das größte denkbare Risiko für die Gesundheit der Menschen

Freitag, 10. September 2021

/Osterloh

Berlin – Das Aktionsnetzwerk Health for Future hat die Politik dazu aufgefordert, das im Pariser Abkommen festgeschriebene 1,5-°C-Ziel zu erreichen und auf diese Weise Hunderttausende Leben in den kommen­den Jahren und Jahrzehnten zu retten.

In dem Abkommen haben sich die Vereinten Nationen im Jahr 2015 darauf verständigt, den Temperatur­an­stieg auf der Erde auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau begrenzen zu wollen. Eine Anfang die­ses Jahres im Lancet Planetary Health veröffentlichte Studie hat aufgezeigt, dass im Jahr 2040 etwa 150.000 Menschenleben pro Jahr gerettet würden, wenn dieses Ziel eingehalten werde.

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„Die Klimakrise ist ein planetarer Notfall: die größte Gesundheitsgefahr, die man sich vorstellen kann“, sagte Sabine Gabrysch, Professorin für Klimawandel und Gesundheit an der Berliner Charité, heute in Berlin bei dem Auftakt einer von Health for Future organisierten Aktionswoche im Vorfeld der Bundes­tagswahl am 26. September. „Unsere Gesundheit hängt von einem stabilen Lebensumfeld ab. Derzeit sind wir aber dabei, unsere eigenen Lebensgrundlagen für immer zu zerstören.“

Weniger CO2-Ausstoß hat positive Folgen für die Gesundheit

In der COVID-19-Pandemie habe die Wissenschaft vor den Gefahren des Coronavirus´ gewarnt und die Politik habe schnell gehandelt. „Die Klimawissenschaft warnt schon lange vor den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels“, so Gabrysch. „Und sie sagt es ganz klar: Der Fortbestand der menschlichen Zivilisation ist gefährdet. Das ist das größte denkbare Risiko für die Gesundheit der Menschen.“

Und trotzdem handle die Politik nicht entschieden genug. „Die Zeit läuft uns davon“, betonte die Profes­so­rin. „Wissenschaftler warnen, dass wir möglicherweise bald gefährliche Kipppunkte im Erdsystem überschreiten könnten, zum Beispiel beim Grönlandeis und dass sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleifen einsetzen könnten, die dann in einem Teufelskreis die Erwärmung weiter verstärken.“

Gabrysch betonte die positiven Folgen für die menschliche Gesundheit, wenn der Treibhausgasausstoß reduziert wird: „Wenn wir aufhören, Kohle und Erdöl zu verbrennen, wird die Luft sauberer und das hat enorm positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Wenn wir Städte fahrrad- und fußgängerfreundlich gestalten, bewegen wir uns mehr und Bewegung ist sehr gut für die Gesundheit. Und eine Ernährung mit wenig Fleisch und viel Gemüse ist nicht nur gut fürs Klima und für die Tiere, sondern auch für unsere eigene Gesundheit. Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.“

Neubauer: Klimawandel führt zu einem Anstieg der Patientenzahlen

Luisa Neubauer von Fridays for Future rief die Ärztinnen und Ärzte dazu auf, mit ihren Patienten über die Gefahren des Klimawandels für die menschliche Gesundheit zu sprechen. „Es gibt keine besseren Bot­schafter als Sie“, sagte sie zu den Mitarbeitenden des Gesundheitswesens, die zu der Auftaktveranstal­tung vor der Charité gekommen waren. „Sagen Sie es Ihren Patienten: Der Klimawandel macht uns krank.“

Neubauer betonte, dass es sich bei dem Begriff Klimakrise um ein großes Missverständnis handle. „Es ist keine Krise des Klimas, es ist eine Krise der Menschheit“, sagte sie. Zudem wies sie darauf hin, dass die Folgen des Klimawandels auch zu einem zusätzlichen Anstieg der Patientenzahlen im Gesundheitssys­tem führen würden – einem System, das schon heute überlastet sei.

Hitze verstärkt den Pflegemangel

Darauf verwies auch die Pflegefachkraft Jessica Esser von Health for Future. „Im Sommer 2019 habe ich auf der Südseite im obersten Stockwerk eines Krankenhauses gearbeitet“, sagte sie. Die Temperaturen in den Zimmern hätten bei fast 40 °C gelegen.

„Die Patienten haben gelitten“, erzählte Esser. „Und auch ich habe gemerkt, wie ich wegen der Hitze mehr Fehler gemacht habe, wie ich Dinge vergessen haben. Ich bin mit meinen Aufgaben nicht ganz durchge­kommen. Und so ist es auch vielen meiner Kollegen ergangen.“ Die hitzebedingten Probleme hätten in­so­fern auch Auswirkungen auf die Krise in der Pflege, in der es schon heute einen Mangel an Mitarbeiten­den gebe.

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Peter Bobbert, betonte, dass die Befassung mit dem Klimawan­del zu den Aufgaben der Ärzteschaft gehöre. „Im § 1 der (Muster-)Weiterbildungsordnung heißt es: ‚Es ist die Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte, an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen mitzuwirken‘“, sagte er.

Er betonte zudem, dass sich in den vergangenen zwei Jahren bereits viel geändert habe. So hat der dies­jährige Ärztetag beschlossen, die Allgemeinen Inhalte der (Muster-)Weiterbildungsordnung um Passagen über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit zu ergänzen. Zudem gebe es im November dieses Jahres einen Sonderärztetag nur zum Thema „Klimawandel und Gesundheit“, so Bobbert. Diese Entwicklungen machten Mut.

Um den Klimawandel zu verlangsamen, müsse jedoch gehandelt werden – überall in der Welt und daher auch in der eigenen Stadt. Im Hinblick auf die Wahl zum Berliner Senat, die zeitgleich mit der Bundes­tags­wahl stattfindet, betonte Bobbert: „Wir als Ärzte fordern vom neuen Senat eine klimaneutrale Stadt Berlin bis zum Jahr 2030.“ © fos/aerzteblatt.de

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