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Ärzteschaft

„Es gibt viele Baustellen, die schleunigst angegangen werden müssen“

Dienstag, 14. September 2021

Berlin – Mit Blick auf die Bundestagswahl und den Stellenwert, den Gesundheit durch die Pandemie bekommen hat, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden?

Dazu hat das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 18 Expertinnen und Experten aus allen Bereichen der Gesundheitsversorgung und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in in einer Interviewreihe befragt. Diesmal: Philip Plättner, Vizepräsident für Öffentlichkeitsarbeit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Er äußert sich unter anderem zum jetzt vorliegenden, weiterentwickelten Referentenentwurf zur Neuregelung der ärztlichen Ausbildung und zu den Herausforderungen der nächsten Jahre.

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5 Fragen an Philip Plättner, Vizepräsident für Öffentlichkeitsarbeit der bvmd

DÄ: Welches sind aus Ihrer Sicht die drei drängendsten Probleme im Gesundheitsbereich, die die nächste Bundesregierung als erstes angehen sollte?
Plättner: Es gibt viele Baustellen, die schleunigst angegangen werden müssen, die Liste ist ellenlang. Für uns als Medizin­studierende ist jedoch die Reform der Approbationsordnung mit Abstand der wichtigste Punkt, der zügig umgesetzt werden sollte.

Diese ist lange überfällig und das Medizinstudium in seiner jetzigen Form dringend erneuerungs­bedürftig. Gemeinsam mit dutzenden anderen Verbänden und in enger Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Fakultätentag waren wir als bvmd direkt in den Entstehungsprozess eingebunden. Es braucht für die zukünftige medizinische Ausbildung eine stärkere Praxis- und Kompetenzorientierung, eine Überarbeitung der Staatsexamina und eine stetige Weiterentwicklung der Lernziel- und Gegen­stands­kataloge.

Der aktuelle Referentenentwurf lässt uns hoffen, dass wir vielen dieser Ziele durch die neue Appro­bationsordnung ein gutes Stück näherkommen. Doch auch nach dem Beschluss der neuen Approba­tionsordnung darf es nicht an der Umsetzung scheitern. Hier kommt die Politik ins Spiel: Bund und Länder müssen den Fakultäten den Rahmen schaffen, damit die neuen Lehrinhalte zügig umgesetzt werden können, beispielsweise durch den Ausbau von Infrastruktur und eine nachhaltige und zukunftssichere Finanzierung aller Medizinstudienplätze in Deutschland. Nur so kann zukünftigen Generationen von Ärztinnen und Ärzten eine bestmögliche Ausbildung zuteilwerden.

Auch muss in Zukunft ein Gesundheitssystem geschaffen werden, das patientenzentriert arbeitet. Auch als Student habe ich bereits mit ansehen müssen, wohin auch vor der Pandemie schlechte Personal­schlüssel und der Druck, Kosten einsparen zu müssen, führen können. Hier braucht es einen Struktur­wandel sowie effizientere und arbeitnehmerfreundliche Systeme, die letztendlich auch eine faire Bezahlung aller Berufsgruppen und attraktive Arbeitsbedingungen umfassen.

Und nicht zuletzt ist die Klimakrise auch eine Gesundheitskrise. Die Flutkatastrophe in diesem Jahr hat uns das schmerzlich vor Augen geführt. Ereignisse wie diese werden nach aktuellem Stand der Wissen­schaft auch in Zukunft zunehmen. Die Verhütung solcher Gesundheitsgefahren, wie auch dieser sollte daher höchste Priorität für alle Bereiche unserer Gesellschaft haben, auch in der Gesundheitspolitik.

Ein mögliches Mittel hierfür ist zum einen der Ausbau von Frühwarnsystemen und eine bessere Verzahnung aller Ebenen im Katastrophenschutz. Zum anderen können aber auch Präventionspro­gramme in Schulen dazu führen, dass Kinder und Jugendliche über eine gesunde und nachhaltige Lebensweise, u.a. durch mediterrane, fleischarme und regionale Ernährung, aufgeklärt werden können.

Nach der Bundestagswahl: Was verändert werden müsste

Mit Blick auf die Wahl, das Interesse an und den Stellenwert von Gesundheit durch die Pandemie, stellt sich die Frage: Was müsste eigentlich wirklich im Gesundheitswesen verändert werden? Antworten von 18 Expertinnen und Experten. Zeitmangel in der Versorgung, mehr medizinische Fachkräfte, Sektorengrenzen überwinden sowie mehr Investitionen in Krankenhäuser und eine bessere Bezahlung in der

DÄ: Die Coronapandemie hat massive Einschnitte ins gesellschaftliche Leben mit sich gebracht. Auch die Medizinstudierenden waren und sind hart betroffen. Welche Maßnahmen müsste die Politik in der kommenden Legislaturperiode ergreifen, um die entstandenen Härten zu mildern?
Plättner: Die Pandemie hat das private und universitäre Leben von Studierenden extrem stark beein­flusst. Durch den Wegfall von Nebenjobs sind einige Studierende in finanzielle Not geraten. Verstärkt wird dieses Phänomen, da Hilfsprogramm wie bspw. das BAföG seit langem nicht mehr bedarfsgerecht und fair sind.

Hier muss von der Politik nachgebessert werden. Es sollte kein Studierender in die Situation geraten, sein Studium aus finanziellen Gründen abbrechen zu müssen oder generell sein Potential nicht voll­ständig ausschöpfen zu können. Zum Schutz vor Benachteiligung und zur verbesserten Teilhabe fordern wir die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Studierenden in besonderen Lebenslagen, insbesondere Studierende im Mutterschutz, mit Kindern, mit pflegebedürftigen Angehörigen, mit chronischer Erkran­kung, einer Behinderung oder sonstiger Beeinträchtigung. An einigen Fakultäten wird hier bereits seit mehreren Jahren geltendes Recht zur Gleichstellung ignoriert. Dies zeigte sich umso härter durch die Einschränkungen während der Schließung des Präsenzbetriebes.

An den Universitäten wurde die Lehre stark eingeschränkt. Durch den Wegfall von Präsenzveran­staltungen litt die Lehre praktischer Inhalte, wie Untersuchungsmethoden oder dem direkten Umgang mit den Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig zeigte die Pandemie jedoch auch, welches Potential digitale Lehrformate mit sich bringen. Mit entsprechendem Engagement konnte durch solche elektronischen Angebote ein Großteil, insbesondere der theoretischen Lehre, trotz der Pandemie weiterhin auf hohem Niveau aufrechterhalten werden.

Es ist die Aufgabe der Politik im nächsten Semester so viel praktische Lehre wie möglich zu ermöglichen und den Universitäten die Mittel zu liefern, Verlorenes wieder aufzuholen. Wenn wir einfach wieder zum Normalbetrieb zurückkehren, verkennen wir die Lücken, die in den letzten eineinhalb Jahren entstanden sind. Die Pandemie ist gleichzeitig aber noch nicht vorüber.

Wir brauchen eine langfristige und klar kommunizierte Strategie, wie Politik und Fakultäten in Zukunft mit dem Virus umgehen werden. Denn leider wird es in Hinblick auf den Klimawandel und die Globalisierung potenziell nicht die einzige Pandemie zu unseren Lebzeiten bleiben.

DÄ: Welche Lehren bezüglich der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses kann und sollte die nächste Bundesregierung aus der Pandemie ziehen?
Plättner: Erst durch die Pandemie erfolgte eine schnelle und umfassende Digitalisierung der Lehre. Eine Entwicklung, die noch vor zwei Jahren undenkbar war und von einigen Dozierenden nur belächelt wurde. Für die Zukunft wünschen sich die Studierenden eine nachhaltige Weiterentwicklung der digitalen Lehrformate und ein angemessenes Verhältnis von digitalen und Präsenzformaten. Viele praktische Kompetenzen können nur in Präsenz adäquat vermittelt werden, hiervon sind insbesondere Untersuchungskurse, der Unterricht am Krankenbett und Laborpraktika betroffen.

Wenn der Prozess der Modernisierung der medizinischen Ausbildung früher mit entsprechender Energie gestartet worden wäre, wäre den Fakultäten viel Arbeit erspart worden und Studierende hätten bereits frühzeitig profitieren können.

Gleichzeitig zeigte die Pandemie einmal mehr, dass Medizinstudierende bereits im und neben dem Studium einen wichtigen Beitrag im Gesundheitswesen leisten. Während der Pandemie engagierten sich zehntausende Medizinstudierende und füllten so die entstandenen Lücken auf Intensivstationen bis hin zu den Gesundheitsämtern. Auch die bvmd beteiligte sich aktiv im Kampf gegen die Pandemie: so entstand aus einer Kooperation mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) die Plattform „Studis4ÖGD“ und gefördert durch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Plattform „match4healtcare“. Durch beide Plattformen wurden Hilfesuchende und freiwillige Helfende vermittelt.

Die Pandemie stellte das gesamte Gesundheitssystem vor enorme Herausforderungen. Wir möchten in Zukunft schon während des Studiums durch fortschrittliche und zentrierte Lehre besser auf zukünftige Krisen vorbereitet werden.

DÄ: Nach der Wahl soll eine Reform der Ärztlichen Approbationsordnung verabschiedet werden. Ein Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums liegt bereits vor. Welche Modifikationen fordern Sie von der Politik?
Plättner: Wir sehen den Referentenentwurf als solide Grundlage für die Umsetzung des Masterplans 2020. Er bietet viele Ansätze, um das Medizinstudium im Sinne einer zukunftsfähigen universitären Lehre und Forschung sowie die medizinische Versorgung der Bevölkerung weiterzuentwickeln und zieht gleichzeitig viele Lehren aus der COVID-19-Pandemie. Dennoch weist auch dieser Entwurf weiterhin ungenutztes Potential auf.

Die angedachte Verzahnung von Theorie und Praxis ist eine dringend notwendige Verbesserung und geht Hand in Hand mit der starken Fokussierung auf übergeordnete Kompetenzen anstatt einzelner Fächer. Dieser wichtige Schritt bereitet den Weg hin zu einer übergreifend-interdisziplinären Ausbil­dung.

Die Medizin ist jedoch ein rasant wachsendes Themenfeld. Daher halten wir es für essenziell wichtig, dass Lehr- und Prüfungsinhalte stetig weiterentwickelt und eng aufeinander abgestimmt werden. Dafür haben wir als Verband dem BMG eine zuständige Kommission vorgeschlagen, die diesen Weiterentwick­lungsprozess in Zukunft begleitet.

Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass durch die explizite Ermöglichung digitaler Lehrformate die medizinische Ausbildung in Deutschland endlich nach und nach im 21. Jahrhundert ankommt. Insbesondere die Pandemie hat uns gezeigt, welches große Potential in elektronischen Unterrichts­materialien oder Veranstaltungen steckt. Hier bedarf es nun einer adäquaten Umsetzung sowie der Weiterentwicklung dieser Tendenz u.a. durch Einführung von digitalen Kompetenzen als Lehrinhalt für die Studierenden. Sowohl Bund und Länder als auch die Fakultäten sind hier für den Ausbau digitaler Lehre und Infrastruktur in der Pflicht.

Größter Kritikpunkt bleibt jedoch weiterhin die fehlende Zusicherung einer existenzsichernden Aufwandsentschädigung im Praktischen Jahr. Statt Studierende, die mindestens 40 Stunden pro Woche auf den Stationen arbeiten und sich auf ihre ärztliche Tätigkeit vorbereiten sollen, zu entlasten, wird hier eine unnötige Härte geschaffen.

Viele PJ-Studierende müssen infolgedessen einer Nebentätigkeit nachgehen, um ihre Existenz zu sichern. Dies hat weitreichende Folgen – Ruhezeiten können teilweise nicht eingehalten werden, wodurch nicht nur die Gesundheit der angehenden Ärztinnen und Ärzte, sondern nicht zuletzt auch der Patientinnen und Patienten gefährdet wird. Diese Mehrbelastung führt außerdem zu Lerneinbußen der Studierenden in diesem wichtigen Abschnitt der medizinischen Ausbildung, der als Generalprobe vor dem Beruf und zur Festigung des bisherigen Wissensstandes essenziell ist.

DÄ: Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems ist in den letzten Jahren stark voran­geschritten. Dabei verändert die digitale Transformation auch das ärztliche Berufsbild. Wie sollte die Politik aus Ihrer Sicht diesen Wandel unterstützen?
Plättner: Deutschland ist ein Entwicklungsland, wenn es um die Digitalisierung im Gesundheitsbereich geht. Daran ist nichts schönzureden. Dass im Zeitalter des Internets, online-Bankings und selbstlern­ender artifizieller Intelligenz fast jede Klinik, Labor oder Praxis noch abhängig von Faxgeräten ist, ist im internationalen Vergleich gelinde gesagt peinlich. Jahrelange Versäumnisse haben zu einem Defizit in der Infrastruktur, teilweise aber auch zu Ressentiments innerhalb der medizinischen Fachbe­rufe geführt.

Doch der Wille zur Digitalisierung ist vielfach da. Nun braucht es eine Politik, die gemeinsam mit Unternehmen, der ärztlichen Selbstverwaltung, Institutionen und letztendlich auch den Endbenutzer­innen und -nutzern Innovation schafft. Eine zukunftsweisende Digitalisierung im deutschen Gesund­heitssystem erreichen wir nur, in dem alle Beteiligten eingebunden werden. Top Down Entscheidungen der Politik „von oben” bringen uns nicht weiter, das erzeugt nur Reaktanz. Es braucht daher Strategien und Anwendungen, die gemeinsam mit medizinischem Personal für den Arbeitsalltag entwickelt werden und von dieser Praxiserfahrung und einer einfachen Handhabung profitieren. Auch Benutzenden-Schulungen sind unerlässlich.

Wir sehen in der elektronischen Patientenakte (ePA) ein zentrales Element zur Digitalisierung. Ohne die ePA wird es wahrscheinlich nur bei Insellösungen bleiben, die nicht das volle Potential im Sinne der Patientinnen und Patienten nutzen. Die Politik muss die ePA so attraktiv wie möglich machen und transparent über die Vor- und Nachteile aufklären. Mit Blick auf die Entwicklungen in Frankreich und anderen vergleichbaren Ländern ist hier auch eine Opt-Out-Variante zu diskutieren.

Gleichzeitig muss die Ausbildung die Studierenden und Auszubildenden der medizinischen Fachberufe sehr früh an ein digitalisiertes Gesundheitssystem heranführen. Erreichen kann man dies beispielsweise durch das Integrieren von digitalen Kompetenzen als Lehrinhalt in die Curricula.

Es ist utopisch zu erwarten, dass die neue Generation von sich aus ausreichend für ein digitalisiertes Gesundheitssystem ausgestattet ist. Der spezifische Umgang mit Telemedizin, Künstlicher Intelligenz, Digitalen Gesundheitsanwendungen und all den anderen Erneuerungen muss erst gelernt werden. Deswegen bin ich positiv gestimmt, dass digitale Lehrinhalte auch in der neue Approbationsordnung verankert werden. © ER/aerzteblatt.de

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