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Medizin

Kurzinterventionen bei problematischem Alkoholkonsum oft falsch eingesetzt

Dienstag, 14. September 2021

Alkohol-Konsummuster reichen vom risikoarmen Konsum über einen riskanten Konsum zu Missbrauch und Abhängigkeit. /Alkohol-Kzenon-stockadobecom

Lübeck – Zur Frühintervention bei problematischem Alkoholkonsum ist die Wirksamkeit von Kurzinter­ventionen gut belegt. Ihr Nutzen ist am besten für jene Betroffenen belegt, die noch nicht abhängig sind. Eingesetzt würden sie dennoch äußerst selten und paradoxerweise genau bei jenen Patienten mit einer ernsten alkoholbezogenen Störung, bei denen Kurzinterventionen eher nicht wirken würden, kritisierte Gallus Bischof von der Universität zu Lübeck gestern beim Deutschen Suchtkongress.

Auch die Ende 2020 erschiene überarbeitete S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen befasst sich mit dem Effekt von Kurzinterventionen in der medizinischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung. Sie sollen Menschen mit problematischem Alkoholkonsum dabei motivieren, die Trink­mengen zu reduzieren oder gar auf Null zu setzen.

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Die Leitlinie empfiehlt ein flächendeckendes, fragebogenbasiertes Screening auf problematischen Alkoholkonsum. Von einer praktischen Umsetzung sei man jedoch weit entfernt, so das Fazit einer Studie (Thieme 2021; DOI: 10.1055/a-1276-0475), in der Fachärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Hebammen/Geburtshelfer in der Modellregion Bremen befragt wurden.

Vor allem die Zielopulation für Kurzinterventionen würde üblicherweise nicht durch auffällige klinische Parameter oder Verhaltensauffälligkeiten identifiziert, erklärte Bischof auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblatts. Daher sei davon auszugehen, dass die seltenen Fälle angewandter Kurzinterventionen durch Symptome von Missbrauch oder Abhängigkeit ausgelöst würden.

Kurzinterventionen dauern maximal 60 Minuten bei bis zu fünf Sitzungen und sind kein Bestandteil der Regelversorgung. Dabei bekommen die Betroffenen unter anderem personalisiertes Feedback, Ratschläge und eine individuelle Zielfindung. Schriftliches Infomaterial oder computergestützte Angebote können die Intervention ergänzen.

Dabei sind genau das Konsummuster, bei denen die Evidenz widersprüchlich ist. Seit Erscheinen der ersten Ausgabe der S3-Leitlinie im Jahr 2015 sind einige systematische Reviews zu Kurzinterventionen erschienen, die in der aktualisierten Leitlinie berücksichtigt wurden. „Die Evidenz für die Wirksamkeit ist in den vergangenen 5 Jahren gestiegen.“ Das spiegle sich zwar in einer höheren Zustimmung bei den entsprechenden Empfehlungen wider.

„Demgegenüber ist die Implementierung von Kurzinterventionen nur sehr unzureichend. Deutschland könnte sich hier Katalonien oder Schottland als Vorbild nehmen. Hier wurden Kurzinterventzionen flächendeckend eingeführt.“

Die meisten Studien haben Stichproben mit riskant konsumierenden Personen (mehr als 20g für Frauen oder 30g für Männer durchschnittlich pro Tag) untersucht und konnten hier eine gute Evidenz erzielen. In der Leitlinie empfehlen die Autoren Kurzinterventionen daher bei riskantem Konsum ohne Symptome alkoholbezogener Störungen.

Bischof betonte zudem den enormen Zuwachs von Forschung zu digitalen Anwendungen, die vor allem bei geringer Ausprägung alkoholbezogener Störungen wirskam seien (unter anderem Cochrane Database Syst Reviews 2017; DOI: 10.1002/14651858.CD011479.pub2). Der psychologische Psychotherapeut räumte ein: „Zwar sind die Effektstärken dieser computergestützen Interventionen gering, aber dennoch klinisch bedeutsam.“ Auch vor dem Hintergrund der Pandemie würde Bischof sich hier einen deutlich höheren Einsatz in der Praxis wünschen.

Schwache Evidenz bei Rauschtrinken und Abhängigkeit

Weniger einheitlich sei die Evidenzlage beim Rauschtrinken. Dennoch soll es laut aktueller Leitlinie angeboten werden. „Es deutet sich an, dass die Effekte in der medizinsichen Grundversorgung oder in der Notaufnahme positiv sind“, erläuterte Bischof. Kaum Effekte wurden hingegen in Krankenhäusern und bei jüngeren Menschen gefunden.

Bei Alkoholabhängen gibt die Leitlinie nur eine Kann-Empfehlung aufgrund uneinheitlicher Evidenz. Die Empfehlungen gelten gleichermaßen für Frauen und Männer und auch das Alter sei kein Ausschluss für Kurzinterventionen, berichtete der Lübecker Experte beim Suchtkongress.

Kurzinterventionen sind insbesondere im Bereich der medizinischen Basisversorgung untersucht wor­den. Die beste Evidenz sei für den Bereich der primärärztlichen ambulanten Versorgung vorhanden, heißt es in der S3-Leitlinie. Hier sind bei weitem die meisten Studien durchgeführt worden. Etwas schwächer sei die Datenlage für den Bereich der Allgemeinkrankhäuser.

Neue Kapitel in der Leitlinie

Neu aufgenommen wurden in der aktualisierten Leitlinie Empfehlungen zu somatischen Komorbiditäten Polyneuropathien und zur psychischen Komorbidität Persönlichkeitsstörung. Ebenso hat das Autoren­team Empfehlungen zu digitalen Angeboten und zur Versorgung von Schwangeren mit alkohol­bezogenen Störungen neu entwickelt.

Für ein Screening liefert der Fragebogen AUDIT mit 10 Fargen aktuell die umfangreichste Datenbasis, weshalb die meisten Leitlinien hier eine klare Empfehlung aussprechen. Um den Alkoholkonsum nachzuweisen, hätten sich aufgrund einer deutlich verbesserten Datenlage insbesondere 2 Ethanolmetabolite als Biomarker bewährt: Ethylglukuronid (EtG) und Phosphatidylethanol (PEth). Darauf wies Friedrich Martin Wurst, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Traunstein beim Suchtkongress hin. © gie/aerzteblatt.de

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